Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung. Ich heiße Thorsten, ich bin Paartherapeut und ich freue mich riesig, dass du zuhörst. Es ist endlich mal wieder Zeit, einen Podcast aufzunehmen, und ich freue mich riesig, bei diesem großartigen Wetter an meinem Schreibtisch zu sitzen, um daraus ins Grüne blicken zu können und so ein bisschen die Frühlingsluft genießen zu dürfen.
Ich möchte euch heute als Erstes von einer faszinierenden Frau erzählen, von Virginia Woolf. Die hat zwischen 1920 und 1940 Bücher geschrieben. Es war eine hochintelligente Frau, sehr intellektuell unterwegs. Sie war verheiratet mit Leonard Woolf, und die hat die Perspektive in ihren Büchern geändert, und das war für damalige Verhältnisse etwas komplett Neues: weg von der Außenperspektive, von den Handlungsebenen, hin zum inneren Erleben.
Und auch die beiden, Virginia und Leonard Woolf, die hatten Meinungsverschiedenheiten und Streits miteinander. Wir wissen leider nicht, worüber sie gestritten haben, aber wir wissen, dass es mindestens einen heftigen Streit gegeben haben muss, in dem sich Virginia zurückzieht in ihr Arbeitszimmer, ins Schweigen verfällt und schließlich einen Brief an ihren Mann schreibt. Und sie schreibt: Ich weiß, du denkst, ich bin unmöglich, ich übertreibe, aber ich habe solche Angst, dich zu verlieren.
Und das soll ein bisschen das Thema für heute sein. Die Frage: Worüber streiten wir uns eigentlich? Über Sachfragen oder über Bindungsfragen? Über Sachen wie: Liebst du mich noch? Bin ich dir vielleicht zu viel? Und bleibst du wirklich bei mir, auch wenn wir uns streiten?
Und das Schöne und Überraschende für mich ist, dass selbst jemand wie Virginia Woolf, die so eine schlaue Frau ist, es nicht schafft, im Streit zu sagen, was sie wirklich meint und sich verletzt zu zeigen. Und ich glaube, das ist die Botschaft für uns, dass das eben nicht nur tollen Schriftstellerinnen und Schriftstellern passiert, sondern eben uns allen. Dass wir uns manchmal um Kleinigkeiten, um den Alltag streiten, aber eigentlich Bindung meinen.
Also lasst uns da näher einsteigen. In die Frage: Worum geht es eigentlich, wenn wir miteinander streiten?
Das, was wir bei Virginia Woolf nachlesen können, das erlebe ich auch in meiner Praxis. Da geht es am Anfang, wenn ich ein Paar kennenlerne, häufig um die Sachebene. Darum, wer vergessen hat, die Spülmaschine auszuräumen, wer wofür zu viel Geld ausgibt, wer Termine wahrnimmt und wer sie vergisst. Und wenn wir ein bisschen weiterkommen und ich ein bisschen nachfrage, dann sind wir in der Regel bei den Beziehungsfragen. Weil: Ich fühle mich nicht gesehen, ich werde ständig kritisiert, oder: Ich bin so erschöpft und keiner hilft mir.
Und meine zentrale These ist, dass es beim Streit fast nie um das geht, um das wir zu streiten scheinen, sondern meistens um etwas, das ein oder zwei Ebenen darunter liegt. Und nach Tiedemann und Heduschka gibt es vier Ebenen, über die wir miteinander in Streit oder ins Gespräch gehen können.
Das ist zum einen die Sachebene. Also tatsächlich: Wer räumt die Spülmaschine aus, und wer gibt wann wofür Geld aus? Darunter liegt die Beziehungsebene. Wie gehen wir miteinander um, wie respektvoll sind wir zueinander, wie sehr kommunizieren wir auf Augenhöhe, wie ist die Machtverteilung zwischen uns? Dann gibt es eine dritte Ebene, die Selbstwertebene. Da frage ich: Bin ich genug? Bin ich wichtig für dich? Werde ich gesehen von meinem Partner? Und dann gibt es die vierte, die Bindungsebene. Da frage ich mich: Bist du noch da für mich? Kann ich mich wirklich auf dich verlassen? Sind wir ein Team?
Und das Problem am Streit ist, dass wir auf unterschiedlichen Ebenen unterwegs sind. Wenn also jemand sagt: Mensch, ich habe das Gefühl, ich bin immer der Einzige, der die Spülmaschine ausräumt, und der Andere sagt: Das stimmt doch gar nicht, erst gestern habe ich die Spülmaschine ausgeräumt und nicht du – dann ist der eine auf der Sachebene unterwegs und der andere wahrscheinlich auf der Beziehungsebene. Und der will gar nicht hören, wer wann wie die Spülmaschine ausgeräumt hat, sondern der will so was hören wie: Hey, ich bin für dich da, und ich versuche dir zu helfen.
Ich glaube, Streit ist häufig ein Ruf nach Bindung, eine Sehnsucht nach Bindung. Wir Menschen, wir sind auf Nähe angelegt. Wir brauchen jemanden, der uns nahe ist, der uns wahrnimmt. Und wenn diese Nähe, dieses Bindungssystem, das wir in uns tragen, bedroht ist, dann reagieren wir auf zwei unterschiedliche Arten. Entweder mit Protest – ich werde lauter, ich erhebe Vorwürfe, ich fange vielleicht an zu klammern, ich sage indirekt: Sieh mich, hör mir zu, ich bin hier, nimm mich wahr. Oder ich reagiere mit Rückzug, mit Schweigen, mit Distanz, mit Vermeidung. Das ist mehr die Botschaft von: Ich kann nicht mehr und ich will mich schützen.
Beides sind Bindungsverhalten. Ich versuche mich davor zu schützen, dass meine Sehnsucht nach Nähe verletzt wird. Und es bedeutet eigentlich, dass da auch eine Sehnsucht da ist, eine Sehnsucht nach Nähe, nach Bindung.
Sue Johnson, die Gründerin von EFT ist und dazu ganz viel geforscht hat, die sagt genau das: Streit ist ein unerfülltes Bindungsbedürfnis. Und das, was sichtbar ist, unsere Wut, das ist meistens eine sekundäre Emotion. Und das, was darunter liegt, unsere Angst, vielleicht unsere Einsamkeit, das ist die eigentliche, die primäre Emotion. Und die therapeutische Aufgabe ist es, genau diese primäre Emotion sichtbar zu machen, für den anderen Partner sichtbar zu machen.
Jetzt kann man sich natürlich fragen: Warum bin ich jetzt jemand, der immer in dieses Protestmuster und nicht in das Rückzugsmuster verfällt oder umgedreht? In der Bindungsforschung gibt es eine ganz einfache Erklärung, nämlich: Das sind die Bindungserfahrungen, die wir gemacht haben, und die sind nicht deterministisch, also nicht für immer festgelegt, aber doch ganz schön prägend.
Wenn ich also im Protestmuster unterwegs bin und ich in die Bindungsforschung reingucke, dann bin ich wahrscheinlich eher jemand, der ängstlich-ambivalent gebunden war als Kind. Das heißt: Ich habe Angst vorm Verlassenwerden, ich werde lauter, und ich signalisiere immer wieder: Geh nicht weg von mir, bleib bei mir.
Und jemand, der mit dem Rückzugsmuster unterwegs ist, das ist wahrscheinlich jemand, der eher vermeidend gebunden ist, also jemand, der sagt: Ich will mich schützen, schützen davor, verletzt zu werden, und deswegen gehe ich lieber auf Distanz oder ich verfalle in Schweigen.
Es gibt noch einen dritten oder noch einen vierten Bindungsstil. Der dritte ist: Das sind Menschen, die sicher gebunden sind. Und wenn wir in die Konfliktforschung reingucken, merken wir: Das sind Menschen, die Konflikte ganz gut aushalten können, die Beziehung deswegen nicht grundsätzlich in Frage stellen. Das heißt: Wir können uns streiten, wir können uns auch fetzen wie die Kesselflicker, aber das heißt nicht, dass einer von uns beiden jetzt die Koffer packt, sondern wir müssen darüber reden und irgendwie eine Lösung finden.
Aber auch Menschen, die sicher gebunden sind, haben schwere Momente. Und kein Muster ist falsch, und jeder versucht mit seiner eigenen Unsicherheit, mit seinem Gefühl von Bedrohung so umzugehen, wie es für ihn am besten ist.
Und das Spannende ist, wenn wir bei Mikulincer und Shaver nachlesen, dass Bindungsstile zwar ganz stark beeinflussen, wie wir Konflikte wahrnehmen und uns in Konflikten verhalten, die merken aber auch an, dass Bindungsstile aber veränderbar sind und dass wir in sicheren Beziehungen nachreifen können und unseren Bindungsstil verändern können.
Wenn wir nochmal einen Blick auf Virginia Woolf werfen, dann merken wir, dass das wahrscheinlich jemand ist, die eher vermeidend unterwegs war, jemand, die sich zurückzieht, wenn es schwierig wird und wenn es Streit gibt. Und die schreibt dann im Brief von ihrer Verletzlichkeit.
Das Paradoxe am Streit ist, dass solange gestritten wird, sind ja in der Regel noch zwei Menschen da, die voneinander etwas wollen, die einander noch wichtig sind. Beide haben das Gefühl: Da ist jemand, und der könnte mir meine Sehnsucht erfüllen, wenn ich denn nur in der Lage wäre, das richtig zu kommunizieren, wenn der andere doch nur endlich begreifen würde, was ich eigentlich von ihm möchte.
Und diese Streits, die können erschöpfen, die können so sehr erschöpfen, dass man irgendwann sagt: Boah, ich kann überhaupt gar nicht mehr, jetzt brauche ich echt eine Pause, und dann fängt man an, über Trennung nachzudenken.
Gottman schreibt, dass es nicht entscheidend ist, ob Paare streiten, sondern entscheidend für die Beziehungsqualität ist, wie Paare streiten. Und noch wichtiger sind die Reparaturversuche nach einem Streit. Und Gottman hat ja ganz viel zu Paaren, Paarkonflikten, Paardynamiken geforscht. Und er hat festgestellt, dass Paare mit einem Reparaturversuch, also die versuchen, einen Streit im Nachhinein wieder zu glätten, wieder in Beziehung zu kommen, dass die eine deutlich bessere Prognose haben als Paare, die konfliktfrei sind, aber emotional distanzierter.
Und das zeigt: Streit ist ein Ausdruck davon, dass beide etwas voneinander wollen. Und auch wenn wir auf EFT gucken, also auf die emotionsfokussierte Paartherapie, dann merken wir, dass die gut funktioniert. Das ist eine Therapieform mit einer sehr hohen Effektstärke, und die funktioniert so gut, weil es da eben nicht um Kommunikationstechniken geht oder so, sondern um Bindung, um die Emotionen, die hinter diesen Kommunikationsbarrieren liegen.
Wenn wir uns trauen, in einem Streit uns offen und ehrlich zu zeigen und in der Lage sind, das auszudrücken, was wir wirklich möchten, unsere primären Emotionen, wie wir vorhin gesehen haben, dann ist das häufig ein Wendepunkt. Und ich genieße es, diesen Wendepunkt in den Paartherapien miterleben zu dürfen. Das heißt nicht, dass dann alles gut ist, aber das heißt: Es gibt so etwas wie einen Neuanfang. Und man kann den anderen mit neuen Augen, mit anderen Augen sehen.
Jemand so Kluges wie Virginia Woolf hat es nicht geschafft, im Streit das zu sagen, was ihr am meisten Angst macht. Sie hat einen Brief gebraucht, um das zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht geht es dir ähnlich. Vielleicht bist du jemand, der ein anderes Medium braucht, um deinem Lieblingsmenschen begreiflich zu machen, wo gerade deine Sehnsucht und deine Ängste liegen.
Lass mich dir zum Schluss drei Fragen mitgeben. Die erste Frage: Worum ging es in eurem letzten Streit wirklich? Also nicht das, was vordergründig im Raum stand, sondern das, was da drunter lag. Was habt ihr eigentlich gebraucht, damit dieser Streit ein gutes Ende hätte nehmen können?
Was wolltest du sagen und hast es aber nicht gesagt? Vielleicht lag dir etwas auf der Zunge, vielleicht ist es dir zu schwer gefallen. Vielleicht hattest du es gar nicht greifbar in dem Moment, aber hinterher das Gefühl: Mensch, das wäre die Emotion gewesen, die ich gerne ausgedrückt hätte.
Und als Drittes: Was glaubst du, hätte dein Partner, deine Partnerin gerne gesagt? Gibt es etwas, wo du das Gefühl hast: Das stand irgendwie im Raum? Das war spürbar, aber es wurde nicht ausgesprochen. Hast du die Möglichkeit, nochmal nachzufragen?
Ich glaube, Verbundenheit entsteht nicht durch Stärke, nicht durch perfekte Kommunikation – das hätte Virginia Woolf gekonnt –, sondern sie entsteht dadurch, dass wir uns zeigen, so wie wir sind, auch wenn es schwer fällt.
Wenn ihr viel streitet, dann lade ich dich ein, ins Gespräch zu gehen oder einen Brief zu schreiben, aber irgendwie mit einem Medium deiner Wahl das auszudrücken, was dir wirklich auf dem Herzen liegt. Und ich wünsche dir ganz viel Erfolg damit.
Das grüßt dich und winkt, dein Thorsten.