Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo und herzlich willkommen bei einer neuen Folge von Gut in Beziehung. Schön, dass du dir
Zeit für deine Beziehung nimmst. Ich hoffe, du hast einen Moment der Ruhe für dich gefunden,
vielleicht bist du gerade unterwegs und hörst diesen Podcast oder lehnst dich entspannt zurück,
um ganz beide zu sein. Heute möchte ich mit dir über ein Thema sprechen, das viele Paare
beschäftigt. Es geht um die Abgrenzung von Bindungsangst und Autonomie. Und ganz häufig
erlebe ich eine Paardynamik, die beide erschöpft und wir schauen uns genau an, wie diese Paardynamik
zustande kommt und wie Natur helfen kann, diese Muster zu durchbrechen. Diese Paardynamik besteht
aus zwei entgegengesetzten Bewegungen. Ein Partner möchte mehr Nähe und mehr Verbindung,
oftmals auch so etwas wie Verschmelzung mit dem anderen. Und der andere möchte sich zurückziehen,
findet ein unbehagliches Gefühl im Bauch und hat den Impuls, das Tant zu schaffen.
Was oberflächlich als Klammern oder emotionale Käte gesehen wird, das hat aber tiefe Wurzeln
in unseren Bündungserfahrungen. In dieser Episode will ich mit dir auf drei Aspekte eingehen. Das eine
ist, was ist eigentlich Bindungsangst und wie unterscheidet sie sich von einem gesunden Autonomie
bestrieben? Zweitens, wie kann Natur uns helfen, unsere Beziehungsmuster zu verstehen und zu
verändern? Und als drittes, welche konkrete Schritte könnt ihr als Paar gehen, um in einen
gesünderen Rhythmus zu finden? Unser Bedürfnis nach Bindung wird uns in die Wiege gelegt und es
ist die Fähigkeit und die Sehnsucht, emotionale Bande zu anderen Menschen aufzubauen. John Bolby,
der Begründer der Bindungstheorie, der beschrieb Bindung als ein evolutionäres Überlebenssystem.
Wir sind als Kinder, als Säuglinge, vollkommen abhängig davon, dass eine Bezugsperson sich um uns kümmert.
Bindung hat mehrere Dimensionen. Zuallererst gibt sie uns Sicherheit immer dann, wenn ich mich als
kleines Kind oder auch später bedroht fühle. Sie ermöglicht mir, dass ich meine Emotion
regulieren kann, das nennt sich Co-Regulation. Und sie bietet eine sichere Basis, von der aus
ich die Welt erkunden kann. Und das ist ein bisschen paradox und gleichzeitig aber so wichtig,
weil wir eine gute Bindung brauchen, um dann Autonomie und Exploration zu leben.
Immer dann, wenn ich Bindung stress erlebe, also wenn etwas passiert, was mich zum Beispiel als
kleines Kind verängstigt, dann ist die Antwort von meiner Bezugsperson ausschlaggebend dafür,
was für ein Bindungstil ich entwickel. Und natürlich ist das nicht mit einem einzelnen
Ereignis getan, sondern das ist das, was ich häufig und wiederkehrend erlebe.
Ich lerne also in meiner frühsten Kindheit, was ich von meiner Beziehung, von meiner Bezugsperson
erwarten kann. Wenn meine Bezugsperson zuverlässig und feinfüllig und emotional verfügbar war,
dann entwickle ich einen sicheren Bindungstil. Wenn die Reaktionen meiner Bezugsperson
eher unberechenbar, übergriffig oder vernachlässigend waren, dann bell ich ein unsicheren Bindungstil aus.
Das haben wir schon zwei übergeordnete Bindungstile, insgesamt gibt es aber vier. Einen sicheren
Bindungstil und die unsicheren Bindungstile kann man noch mal weiter differenzieren in drei Subtypen,
den ängstlich Ambivalenten, den vermeintenden und den desorganisierten Bindungstil. Und es
spannend ist, dass diese Bindungsmuster sich fortsetzen, wie sie mitnehmen in unser erwachsenen
Leben und dass sie auch hier anfangen, unsere Beziehung zu beeinflussen. Sichergebundene Menschen,
die können Nähe und Distanz flexibel regulieren und Menschen, die aber ängstlich Ambivalent
gebunden sind, für die ist Nähe ganz wichtig und die suchen das ganz intensiv und für die
städt Trennung eine große Bedrohung da. Und im Gegensatz dazu sind vermeinten gebundene Menschen
eher diejenigen, die emotionale Abhängigkeit als Gefahr wahrnehmen und dann auf Distanz gehen.
Wenn wir uns jetzt das Nähe und Distanzverhalten vom Menschen in Beziehung angucken,
dann kann das zwei Ursachen haben. Das kann sein, dass jemand eine Bindungsangst mit sich herumträgt
und es kann aber auch ganz gesundes Autonomie bestreben sein. Bindungsangst ist ein Schutzmechanismus
und der entsteht aus meiner negativen Beziehungserfahrung. Und es äußert sich dadurch, dass wenn mein
Lieblingsmensch mir nahe sein möchte, dass ich dann das Gefühl habe, dass ich fast ersticke
in zu viel Nähe und ich bin ganz angespannt und möchte möglichst schnell raus aus dieser Situation.
Wenn ich mich doch einlasse, dann kann es passieren, dass ich danach einfach abscheide und gar
nichts mehr fühle. Und ganz typisch für diesen Bindungstil oder für Bindungsengste ist es ihm
auch, dass ich meine eigene Unabhängigkeit ganz hoch aufhänge. Sie ist in meinem Wertesystem ganz
weit oben und hat Priorität. Bedürftigkeit ist eher etwas, dass ich vermeide, manchmal vielleicht sogar
Belechel und tiefe emotionale Gespräche sind, was, dass ich nicht brauche. Ein gesundes Autonomie
bestreben hingegen ist ein natürlicher Entwicklungsimpuls und der entspringt nicht aus
Angst, sondern nach dem Bedürfnis nach Selbstentfeidung. Es ist die Fähigkeit, dass ich meine eigenen
Werte lebe, dass ich meine eigenen persönlichen Grenzen setze, dass ich meine Ideen, Ziele,
authentisch verfolge und umsitze. Und der entscheidende Unterschied ist, dass es Bindung nicht
ausschließt, sondern ergänzt. Beides ist damit möglich. Und in der Dynamik, die ich am Anfang
beschrieben habe, passiert es dann häufig, dass diese Bindungsängste, die wir mit uns
rumtragen, dass wir die gegenseitig aktivieren. Also ein Partner möchte gerne mehr näher,
der möchte sich sicher gebunden fühlen und das sorgt beim anderen dafür, dass seine Bindungsangst
immer größer wird, je näher mir mein Partner kommt. Und dann reagiere ich natürlich mit
Rückzug und dieser Rückzug, der bestätigt die Verlastungsängste bei dem Bindungssuchenden
Partner. Und der sucht dann noch intensiver nach Verbindung und dann entsteht dieser Teufelskreis,
an dem man irgendwann in so einer Patsituation ist und sagt, ja, wir kommen hier irgendwie nicht
von der Stelle und zueinander. Spannend ist, dass beide eigentlich das Gleiche suchen, nämlich
Sicherheit, aber das auf eine völlig unterschiedliche Art und Weise. Lasst uns in einem zweiten Schritt
darüber reden, wie uns jetzt naturgeschützte Therapiehansätze dabei helfen können, diese
Dynamik zu verändern. Und als erstes fallen mir eine Menge mithaffern für gesunde Bindung ein.
Da sind jede Menge Bäume im Weite, die zum einen fest verwurzelt in der Erde stehen,
sicher gebunden sind und gleichzeitig den Lichtraumumsel herum mit ihren Ästen und Blättern
erkunden. Ein Baum ist sozusagen sicher gebunden und gleichzeitig autonom. Und genau solche
Metaphern, solche Spiegel kann man nutzen, um Paare einzulagen, ihre Beziehungsdynamik in der Natur
wiederzufinden. Ein Paar, das ich begleitet habe, das fand zum Beispiel eine Eiche, in der eine
Birke durch die Krone durchwuchs. Und die beiden waren der Meinung, dass das genau ihre
Paar-Dymnamik widerspiegelt. Sie mit vielen ausladenen Ästen, die Wuchern und die Nähe suchen und
eher der durch die Krone der Eichen weg, die Freiheit nach oben sucht. Und das Spannende dieser
Methode ist, dass die Natur ein neutraler Spiegel ist. Die Paare oder das Paar, von dem ich gerade
gesprochen habe, das hat eben dieses Bild in der Natur nicht als Versagen gewertet, sondern das war
eine ganz natürliche Dynamik und dieser, ah ok, so sind wir wohl in unserer Beziehung, das war das,
was dabei rauskam. Es war ganz ohne Schuld und ganz ohne Charme und es öffnet Raum für Mitgefühl
und für Verständnis. Und dann kann man in einem zweiten Schritt mit diesen Natur-Elementen in
Beziehung treten und wir können uns fragen, was bräuchte denn die Eiche, damit sie sich wohlfühlt
und was bräuchte die Birke, damit sie sich wohlfühlt an diesem Ort und mit dieser Eiche.
Was ich besonders schätze an Naturgeschützmethoden ist, die natürliche Entschleunigung, die einsetzt.
Wir sind fernab von digitale Ablenkung und vom Alltag Stress. Wir hören keine Türklinge,
wir hören kein Handy, das summt, sondern wir sind zu dritt unterwegs und unser autonomes
Nervensystem kann sich beruhigen und plötzlich werden Gespräche möglich, die vorher immer
im Streit ernetten. Und ich finde, gerade bei bindungsängstigen Menschen ist die Beruhigung
des Nervensystems ein ganz entscheidender Punkt. Genau das passiert in der Natur. Der Puls
verlangsamen Sicht, die Artenfrequenz normalisiert sich und die Stresshormone werden abgebaut.
Und es führt dazu, dass wir in diesem entspannteren Zustand offener sind für neue
Bindungserfahrungen und die brauchen wir, wenn wir etwas verändern möchten.
Vielleicht merkst du jetzt beim Zuhören das eines dieser Muster, die ihr vertraut vorkommt.
Vielleicht bist du derjenige, der eher mehr Sehnsucht nach Nähe hat oder der sich mehr
frei rumwünscht. Nimm dir einen Moment Zeit, um da nochmal reinzuspüren. Ohne dich, der
für zu verurteilen oder dein Partner in deinen Gedanken Vorwürfe zu wagen. Und damit sind
wir jetzt auch schon beim dritten Punkt angelangt, nämlich die praktischen Schritte für euren
Alltag. Was mache ich denn jetzt, wenn ich weiß, dass ich ein höheres Autonomie bestreben
habe als mein Partner oder meine Partnerin oder vielleicht eine Bindungsangst mit mir
herumschleppe? Und einer der ersten Schritte ist bestimmt, dass wir unsere eigenen Bindungsmuster
verstehen. Wenn wir das wissen, was sorgte für, dass ich nach Nähe suche und was sorgte
für, dass ich eher auf Distanz gehe und in ein Autonomie bestreben hineinwachse, nicht
das weiß, habe ich schon viel gewonnen. Und ich möchte an dieser Stelle deswegen auch
zwei frühe Podcast-Episoden verweisen. Die eine ist vom November 23, da geht es ganz
explizit um Bindungsangst und die zweite ist vom Januar 21, da geht es um Bindungstypen.
Hör da gerne rein, wenn du dir unsicher bist, was für einen Bindungsstil du denn mitbringst.
Und an der Stelle ist es mir wichtig zu betonen, dass Bindungsmuster nicht in Stein gemeißet
sind. Und die neue Bindungsworschung, die zeigt das ganz eindrucksvoll, dass wir durch neue,
heilsame Bindungserfahrungen unsere alte Bindungsmuster verändern können. Unser Gehirn ist also
plastisch und formbar, auch noch bis ins hohe Alter und ist es nie zu spät, um eine Bindungserfahrung,
die wir als Kind gemacht haben, in eine neue zu integrieren.
Wie mache ich jetzt neue Bindungserfahrungen und ich möchte euch zu einer kleinen Übung einladen,
die ihr ganz bequem alleine machen könnt. Nehmt euch ein bisschen Zeit und geht in die Natur,
es kann in Wald, ein See sein, es kann eine Wiese sein oder ein Park, es ist gar nicht so wichtig.
Der Partner von euch mit dem stärkerem Bindungsbedürfnis, der bekommt ihr Aufgabe in diesem
Naturraum, seinen eigenen Platz zu finden, ein Ort, der nur für ihn ist. Und die Aufgabe
ist, dort 30 Minuten alleine zu verbringen. Spür mal in dich selbst hinein, spür deine
eigene Präsenz und beobachte, wie sich das anfühlt, Zeit mit dir selbst zu verbringen.
Welche Gedanken tauchen auf? Welche Gefühle kannst du wahrnehmen? Welche von diesen Emotionen
stehen eigentlich in Verbindung mit deinem Partner oder deiner Partnerin? Und gibt es auch
was Schönes an dieser Autonomie, die du dotspüren kannst? Der Partner mit dem stärkeren Autonomie
Bedürfnis, der bekommt ihr Aufgabe, etwas in der Natur zu finden, das er seinem Lieblingsmenschen
gerne zeigen möchte. Etwas Schönes, etwas Interessantes, etwas das dich berührt in dem Moment.
Nimm dir Zeit, wirklich bewusst etwas auszuwählen, dass du wirklich teilen möchtest. Und beobachte,
wie sich das anfühlt, etwas zu finden, das du mit deinem Lieblingsmenschen teilen möchtest. Was löst
dieser Impuls an Verbindung in dir aus? Nach den 30 Minuten trefft er euch wieder. Der autonomie
orientierte Partner, der, der gerne mehr Freiheit möchte, der führte den anderen zu seinem Fund und
erteilt, warum er genau dieses Element ausgesucht hat und gerne teilen möchte. Und der bindungsorientierte
Partner, derjenige, der sich mehr nähe wünscht, der erzählt von seinen Erfahrungen mit diesem Raum,
mit dem allein sein. Warum ist diese Übung hilfreich? Der bindung suchende Partner,
der erlebt, dass autonomie nicht bedrohlich sein muss, sondern auch bereichern sein kann. Und der
autonomie suchende Partner, der erlebt, dass Verbindung nicht erdrückend sein muss, sondern auch
frei gewählt werden darf. Es gibt aber noch mehr, das ihr tun könnt. Ihr könnt zum Beispiel euch
eure Kommunikationsmethoden anschauen. Besonders hilfreich ist es, wenn ihr eine bedürfnisorientierte
Sprache entbegeht. Also statt Vorwürfe auszusprechen, teilt eure zugrunde liegenden Bedürfnisse mit.
Also statt du bist nie für mich da und ewig lässt du mich alleine, könnte so eine bedürfnisorientierte
Aussage lauten, ich seh'n mich nach mehr Nähe mit dir. Wenn wir uns heute abends hinsetzen
würden und uns austauschen könnten, wurde mich das wirklich freuen. Und statt du klammerst
ständig an mir und lässt mir überhaupt gar keine Luft mehr zum Atmen, könnte so ein
bedürfnisorientierter Satz lauten, ich brauche regelmäßig Zeit für mich, um meine Gedanken zu
sortieren und um aufzutanken. Und das hilft mir, wenn ich das mache, weil dann kann ich mich mehr
auf dich und deine Bedürfnisse einlassen. Miteinander bedürfnisorientiert zu reden hilft
aus dieser Vorwurschspirale rauszukommen. Deswegen probiert das gerne aus. Ein wichtiges Ziel
für euch sollte sein, dass Bindung und Autonomie zusammen da sein dürfen. Das ist kein Widerspruch
sein muss, sondern dass es sich gegenseitig bereichert. Eine sichere Bindung bietet die Basis
dafür, dass ihr mutig in die Autonomie gehen könnt. Und eine gesunde Autonomie stärkt die
Qualität eurer Beziehung, weil ihr euch dann ganz einbringen könnt. Und genau das erreicht ihr am
Einfachsten, wenn ihr euch bewusst seid, welche Bindungstelle ihr mitbringt und ihr daran arbeitet
neue Erfahrungen zu machen, neue Erfahrungen, die beides zulassen. Bindung und Autonomie.
Wenn dich diese Folge berührt hat oder du das Gefühl hast, dass sie jemand in deinem Umfeld
helfen könnt, dann freue ich mich, wenn du sie weitergibst. Wenn du Fragen hast oder du deine
eigenen Erfahrungen teilen möchtest, dann kannst du mir gerne schreiben an, nachricht at torsten-köcher.de
Deine Geschichten, deine Erfahrungen, helfen mir, zukünftige Folgen noch besser auf eure
Bedürfnisse auszurichten. Schön, dass du hier warst. Es grüßt unbedingt dein Torsten.