gut in Beziehung

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Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen

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Hallo und herzlich willkommen bei "Gut in Beziehung", deinem Paartherapie-Podcast. Mein Name ist Thorsten Koecher. Ich freue mich riesig, dass du hier bist, dass du mir zuhoerst und mir deine Zeit schenkst.

Heute moechte ich mit dir ein spannendes, aber auch wichtiges Thema anschauen: Wie funktioniert das eigentlich mit Paartherapie, wenn einer in der Beziehung an einer psychischen Krankheit leidet?

Das ist ein Thema, in das ich mich wirklich gut hineinversetzen kann - letztendlich auch, weil ich mit 19 Jahren an Depression erkrankt bin und ich innerhalb meiner Beziehung immer wieder mal depressive Episoden hatte. Ich glaube, dass wir die eine oder andere Krise besser bewaeltigt haetten in dieser ohnehin schon recht anstrengenden Zeit, wenn wir nicht nur fuer mich als Betroffenen, sondern auch fuer uns als Paar Hilfe gehabt haetten.

Etwas, das mir besonders aufgefallen ist - zumindest in meiner Geschichte, in meiner Biografie - ist, dass es mir als Betroffenem immer schwerer gefallen ist, in Kommunikation zu gehen. Immer klar zu sagen, was ich gerade moechte, was ich brauche, was ich mir von meinem Lieblingsmenschen wuensche. Das sind Dinge, die mir umso schwerer gefallen sind, je tiefer ich in so einer Depression abgerutscht bin.

Ich bin sehr froh, dass ich damals die Entscheidung getroffen habe, mir Hilfe zu holen, weil es nicht nur mir, sondern nach einiger Zeit auch unserer Beziehung geholfen hat.

Etwas, was mich wirklich geschockt hat in der Vorbereitung auf diesen Podcast, war eine Studie des Leibniz-Instituts fuer Wirtschaftsforschung. Die haben das Trennungsrisiko untersucht - und zwar einmal fuer koerperliche Erkrankungen und einmal fuer psychische Erkrankungen. Das Trennungsrisiko, wenn ein Partner koerperlich erkrankt, erhoehrt sich nicht. Aber wenn ein Partner psychisch erkrankt, verdoppelt sich das Risiko innerhalb von zwei Jahren.

Ich kann das aus meiner eigenen Biografie gut nachvollziehen. Ich finde diesen Wert aber auch sehr erschreckend, denn ich glaube: Menschen, die ohnehin schon belastet sind, weil sie psychisch erkrankt sind, brauchen nicht auch noch grosse Krisen, die zusaetzlich die Beziehung betreffen.

Um zu wissen, welche psychischen Erkrankungen besonders haeufig vorkommen, lohnt sich ein Blick in den Gesundheitsreport der Krankenkassen. Dort laesst sich sehen, dass sich die Arbeitsausfaelle je 100 Arbeitnehmer in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt haben - von 110 auf 260 Arbeitsausfaelle aufgrund von psychischen Erkrankungen. Den Loeewenanteil nimmt dabei die Diagnose Depression ein.

Es ist also gar nicht verwunderlich, dass mir in der Paartherapie hin und wieder Paare gegenuebersitzen, bei denen einer der Partner eine Depression aufweist. Beziehungen, in denen ein Partner psychisch erkrankt ist - besonders an Depression oder Burnout - sind also gar nicht so selten.

Aber ganz egal, was sich in deiner Beziehung abspielt und ob dein Partner betroffen ist oder ob du selbst betroffen bist: Ich glaube, es gibt eine grundlegende Haltung, die euch ein Stueck weit entlasten kann. Und das ist, wenn man das Symptom - also die Erkrankung - vom Symptomtraeger trennt, also von deinem Lieblingsmenschen oder von dir selbst.

Es macht naemlich einen grossen Unterschied, ob ich sage "ich und mein erkrankter Partner" oder "mein Partner und ich mit der Erkrankung" - oder ob ich sage: "Es gibt dich, es gibt mich, und in unserer Beziehung gibt es auch noch die Depression." Das schafft ein bisschen Raum, um den Partner wieder ohne Erkrankung wahrzunehmen. Es bedeutet auch, dass nicht einer alleine derjenige ist, der dieses Symptom, diese Erkrankung tragen muss, sondern dass sie ein Stueck weit euch beiden gehoert. Und ich glaube, diese Sichtweise ermoeglicht es viel mehr, wieder miteinander ins Gespraech zu kommen, weil du deinen Partner eben sehen kannst - wer er ist ohne die Erkrankung.

Die Depression oder der Burnout oder welche Erkrankung auch immer hat dann ihren Raum in der Beziehung - aber sie nimmt ihr nicht mehr die ganze Beziehung ein.

Als Systemiker bin ich davon ueberzeugt, dass wir alle, die wir uns in unserem Familiensystem befinden, miteinander verknuepft sind. Und wenn sich einer in diesem System veraendert, dann bewegen sich alle anderen mit. Das ist so ein bisschen wie bei einem Mobile.

Wenn jetzt jemand psychisch erkrankt, dann bedeutet es, dass einer in diesem System ein Gewicht angehaengt bekommt. Das Mobile faengt an, aus dem Gleichgewicht zu kommen. Und jetzt gibt es zwei ganz typische Reaktionen darauf.

Es gibt Partner, die sagen: Okay, ich gehe dahin, ich naehre mich meinem Partner an. Ich versuche zu helfen und zu unterstuetzen, so gut ich kann, um dieses Gewicht leichter zu machen, um meinen Partner oder meine Partnerin anzuheben. Und es gibt Partner, die anders reagieren - indem sie auf Distanz gehen und versuchen, durch die Distanz und den damit laengeren Hebel in diesem Mobile wieder ein Gleichgewicht herzustellen.

Wenn ihr jetzt die Krankheit von der erkrankten Person trennt, also das Symptom vom Symptomtraeger, dann bedeutet es, dass diese Krankheit nicht bei einer Person als Gewicht haengt, sondern ihren eigenen Platz im Mobile bekommt. Und das bedeutet auch, dass dieses Mobile viel leichter im Gleichgewicht zu halten ist. Es ist also gar nicht mehr noetig, dass irgendjemand extrem in die Helferrolle rutscht oder sehr stark auf Abstand geht, weil das System nicht mehr so schnell aus dem Gleichgewicht geraet.

Ich glaube, dass diese Sichtweise helfen kann, sich wieder besser zu sehen und gut in Beziehung zu kommen - und vor allem wieder mehr miteinander zu reden. Ich glaube aber auch, dass trotzdem noch jede Menge Hilfe notwendig ist.

Und diese Hilfe braucht man vor allem auf zwei Ebenen. Die erste und wichtigste Ebene ist die Hilfe fuer den, der betroffen ist. Der braucht professionelle Hilfe. Und es ist seine Aufgabe - nicht die Aufgabe des Partners -, sich um diese Hilfe zu kuemmern. Wenn du also selbst betroffen bist oder dein Partner psychisch erkrankt ist, dann ist meine grosse Bitte an dich: Such die Hilfe, lass dir einfach helfen.

Es gibt aber noch einen zweiten "Klienten", der Hilfe braucht - und das ist eure Beziehung. Denn wie ich am Anfang schon gesagt habe: Meine depressiven Einbrueche haben eine Menge Krisen in meiner Beziehung provoziert. Und es waere so viel leichter gewesen, jemanden dabei zu haben, der uns da durchbegleitet. Dann haette ich Raum gehabt, mich um mich selbst zu kuemmern, ohne mir gleichzeitig Sorgen um meine Beziehung machen zu muessen.

Ob Paartherapie sinnvoll ist, wenn dein Partner psychisch erkrankt, solltet ihr aber unbedingt vorher absprechen. Denn es gibt auch Gruende, die dagegen sprechen koennen. Haeufig bieten Therapeuten, die den erkrankten Partner behandeln, auch Paargespraeche an, um Entlastung in der Beziehung zu schaffen. Wenn ihr euch also gegen Paartherapie bei einer psychischen Erkrankung entscheidet, ist das eine sinnvolle Alternative.

Denn ich glaube wirklich: Das Letzte, was ihr gebrauchen koennt, wenn ihr mit psychischer Erkrankung konfrontiert seid, sind Krisen in eurer Beziehung. Erkrankung und Therapie bedeuten immer auch Arbeit. Das ist anstrengend. Man muss sich auf Heilungsprozesse einlassen koennen, auf Prozesse, die auch mal wehtun koennen. Und das ist alles belastend genug. Sich obendrein noch mit Trennungsgedanken oder Trennungsaengsten auseinandersetzen zu muessen, ist etwas, das ich wirklich niemandem wuensche.

Es ist also wichtig, dass du etwas tust, damit sich dein Trennungsrisiko nicht verdoppelt in zwei Jahren. Dass du dagegen steuerst, dass du anfaengst, deine Beziehung mit in diesen Heilungsprozess einzubeziehen.

Lasst mich noch mal zusammenfassen. Wenn du oder dein Partner psychisch erkrankt seid, bedeutet das nicht nur, dass derjenige, der erkrankt ist, Hilfe braucht - es bedeutet auch, dass sich euer Trennungsrisiko erhoehrt. Das Erste, was ihr selbst tun koennt, um Entlastung zu schaffen, ist, das Symptom - also die Erkrankung - von dem Menschen zu trennen, der erkrankt ist. Das sorgt fuer Entlastung und gibt euch Raum, euch wieder richtig zu sehen und besser ins Gespraech miteinander zu kommen.

Dann braucht derjenige, der psychisch erkrankt ist, Hilfe - und diese Hilfe sollte im Vordergrund stehen. Macht euch also auf den Weg und schaut, welche Therapieformen fuer euch sinnvoll sind, welche Therapeuten in eurer Naehe sind und wie ihr diesen Hilfeprozess am liebsten gestalten moechtet.

Psychische Erkrankungen heilen nicht von heute auf morgen, sondern dieser Heilungsprozess braucht Zeit. Und damit in dieser Zeit eure Beziehung nicht in Krisen rutscht, die ihr gerade in dieser Phase nicht gebrauchen koennt, macht eine begleitende Paartherapie Sinn. Wenn ihr eine begleitende Paartherapie in Anspruch nehmen moechtet, solltet ihr das unbedingt vorher mit den behandelnden Aerzten oder Psychotherapeuten absprechen. Als Alternative koennt ihr auch nachfragen, ob der Psychotherapeut, bei dem ihr in Behandlung seid, nicht auch Paargespraeche anbietet, damit ihr Entlastung fuer eure Beziehung schaffen koennt.

Der allerwichtigste Punkt ist aber: Dass ihr anfangt, etwas zu tun. Dass ihr aktiv nach Hilfe sucht. Dass ihr euch ueberlegt, wie ihr eure Beziehung in diesen kritischen Phasen am besten am Leben erhaltet und gestaltet. Dass ihr darueber ins Gespraech kommt, was jeder braucht, wenn einer von euch in eine depressive Phase abrutscht.

Ich hatte das grosse Glueck, eine Partnerin zu haben, die sehr langmuetig ist und mich lange ausgehalten hat, mit all diesen Symptomen, die ich in meinen depressiven Phasen an den Tag gelegt habe. Das kann aber in jeder anderen Beziehung voellig anders aussehen - deswegen ist es so wichtig, dass ihr euch auf den Weg macht.

Meine Frage an dich lautet: Was waere fuer dich heute der erste Schritt, um etwas zu veraendern, um ins Handeln zu kommen? Moechtest du vielleicht mit deinem Partner ins Gespraech kommen? Moechtest du anfangen, nach Hilfsmoeglichkeiten zu suchen? Moechtest du andere, die sich schon in Therapie begeben haben, nach deren Erfahrung fragen? All das sind Dinge, die du heute sofort umsetzen kannst.

Ich danke dir vielmals fuers Zuhoeren. Ich wuerde mich sehr freuen, wenn du mir eine Bewertung oder fuenf Sterne auf iTunes hinterlaesst - das hilft dabei, dass mehr Menschen diesen Podcast finden. Geh auf iTunes, es dauert nur zwei Minuten.

Ich danke dir tausendmal, bis zum naechsten Mal - tschuess, dein Thorsten.

Über diesen Podcast

Eine Beziehung ist wie ein Weg mit vielen Wegbiegungen – manchmal führt er bergauf, manchmal durch unwegsames Gelände. Doch auch wenn sich Paare zeitweise verlaufen oder der gemeinsame Pfad unklar wird, gibt es immer die Möglichkeit, neue Richtungen einzuschlagen.

In diesem Podcast begleite ich euch dabei, eure Beziehungsdynamiken zu verstehen und bewusste Entscheidungen für euren gemeinsamen Weg zu treffen. Ob es um Kommunikation geht, um das Spannungsfeld zwischen Nähe und Freiraum oder um alte Muster, die sich immer wieder zeigen – hier findet ihr systemische Perspektiven und praktische Impulse für mehr Klarheit in eurer Partnerschaft.

Die Natur spielt dabei eine besondere Rolle. Sie zeigt uns, dass Wachstum Zeit braucht, dass Veränderung natürlich ist und dass auch nach schwierigen Phasen neue Möglichkeiten entstehen können.

Jede Episode bringt euch konkrete Erkenntnisse mit, die ihr direkt in euren Alltag integrieren könnt – ohne Patentrezepte, aber mit fundierten Ansätzen aus der systemischen Paartherapie.

Wo steht eure Beziehung gerade?
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Den Beziehungscheck und weitere Impulse findet ihr auf https://www.thorsten-koecher.de/beziehungscheck/utm_source=podcast&utm_medium=podcastbeschreibung

von und mit Thorsten Köcher

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