Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo und herzlich willkommen bei "Gut in Beziehung", deinem Paartherapie-Podcast. Ich heisse Thorsten Koecher und freue mich, dass du mit mir bist.
Heute moechte ich mit dir ueber Bindungserfahrungen sprechen und was Bindung eigentlich mit deiner Beziehung zu tun hat. Wir sind alle soziale Wesen und darauf ausgelegt, mit anderen zu interagieren, in Beziehung zu treten, uns zu binden und einem Stueck weit zu einer Gesellschaft dazugehoeren. Die kleinste Form der Gesellschaft ist die Familie - und wenn man das noch weiter verringert, dann ist es die Beziehung zwischen Mutter und Kind. Jedenfalls ist sie das haeufig immer dann, wenn die Mutter die Hauptbezugsperson fuer das Kind ist. Mit unserer Geburt sind wir also in Beziehung mit unserer Hauptbezugsperson - meistens mit unserer Mutter - und machen Erfahrungen damit, wie sich das anfuehlt, in Beziehung zu gehen.
Im Idealfall fuehlen wir uns geliebt und geborgen. Wir merken, dass wir unsere Faehigkeiten entwickeln koennen, dass wir gefoerdert werden, und es gibt Grenzen, in denen ich meine Autonomie ausleben kann. Das sorgt dafuer, dass ich gut und sicher gebunden bin. Der Hauptschluessel dafuer, dass jemand gut und sicher gebunden ist, ist die Feinfuehligkeit, mit der eine Mutter auf ihr Kind reagiert. Diese Erfahrungen, die wir als kleine Kinder machen, nehmen wir mit in unser weiteres Leben - und auch mit in unsere Beziehung. Dort koennen sie uns bereichern, manchmal aber auch behindern.
Bindungsverhalten ist gut erforscht. Wenn ihr euch die Arbeiten von John Bowlby, James Robertson oder Mary Ainsworth anschaut, koennt ihr nachlesen, wie Bindung im Kleinkindalter funktioniert. Und inzwischen wissen wir auch genug darueber, was deine Bindung aus der Kindheit heute in deiner Beziehung tut. Die Bindungserfahrungen, die wir als Kind machen, beeinflussen zwei grundlegende Dinge: Sie beeinflussen, wie wir uns selbst sehen und wahrnehmen - und sie beeinflussen, wie wir unsere Hauptbezugsperson, unsere Mutter und damit auch die Welt wahrnehmen. Bricht man das weiter herunter, ergeben sich vier Moeglichkeiten, wie Bindung sich ausdruecken kann.
Ich kann mich selbst in einem positiven oder negativen Licht wahrnehmen - und meine Hauptbezugsperson ebenfalls in einem guten oder negativen Licht. Daraus ergeben sich vier Kombinationen.
Wenn ich mich selbst in einem guten Licht sehe, mich geliebt fuehle, Geborgenheit erfahre, meine Faehigkeiten und Talente entwickeln kann und Grenzen finde, in denen ich gleichzeitig Autonomie leben kann - weil ich eine feinfuehlige Mutter habe -, dann ist der Blick auf mich positiv. Und ich erlebe meine Mutter, mein Gegenueber, als einen verlasslichen, sicheren Hafen, der fuer mich da ist. Wenn ich das habe, bin ich sicher gebunden. 60 bis 70 Prozent der Bevoelkerung sind sicher gebunden. Das bedeutet auch, dass Menschen, die sich dann binden, natuerlich auch mal Pech haben koennen - aber es sind meistens Menschen, die nicht von einer Beziehung in die naechste stolpern, sondern die darauf ausgelegt sind, feste, tragende Beziehungen aufzubauen.
Das bedeutet fuer deine Beziehung: Wenn du ein sicher gebundener Typ bist, dann fuehlst du dich geborgen und geliebt in deiner Beziehung. Du kannst Naehe zulassen und Emotionen offen zeigen. Du kannst feinfuehlig auf die Beduerfnisse deines Partners oder deiner Partnerin eingehen, raeumst ein, dass dein Partner Freiraeume braucht, und suchst bei Bedarf aktiv nach Hilfe.
Ein Viertel der Menschen bei uns gehoert zum unsicher-vermeidenden Typ. Das bedeutet, dass der Blick auf dich selbst immer noch gut ist, du aber schlechte Erfahrungen mit deinem Bindungspartner, deiner Mutter, gemacht hast - zum Beispiel, wenn du haeufig zurueckgewiesen wurdest. Das fuehrt dazu, dass du versuchst, deine Unabhaengigkeit zu bewahren und dich nur schwer auf Beziehungen einlassen kannst. Wenn du zu diesem Typ gehoerst, merkst du das daran, dass du eher verschlossen bist, Emotionen weniger gut zeigen kannst und dir immer unsicher bist, wie du auf deinen Partner und dessen Beduerfnisse reagieren sollst. Und wenn du Probleme in deiner Beziehung hast, bist du jemand, der kaum nach Hilfe sucht.
Wenn der Blick auf deinen Bindungspartner positiv war, du in deiner Kindheit aber den Eindruck gewonnen hast, dass irgendwas mit dir nicht in Ordnung ist - dass du vielleicht weniger liebenswert sein koenntest -, dann gehoerst du zum unsicher-ambivalenten Typ. Ungefaehr 15 Prozent von uns gehoeren diesem Typ an. Die Sorge, die bleibt, ist: Bin ich wirklich liebenswert? Du brauchst diese Bestaetigung von deinem Partner immer wieder. In deiner Beziehung merkst du das, weil du dazu neigst zu klammern, eifersueichtig zu werden oder Angst hast, verlassen zu werden. Du sehnst dich nach Naehe, kannst das aber manchmal kaum zeigen. Und genauso wie beim vorigen Typ traust du dich auch hier selten, nach Hilfe zu fragen.
Wenn du in deiner Kindheit das Gefuehl hattest, dass irgendwas mit dir nicht stimmt - und auch die Menschen um dich herum nicht verlasslich sind und dich staendig zurueckweisen -, dann gehoerst du zum desorganisierten Typ. Menschen mit diesem Bindungstyp faellt es schwer, in Beziehungen zu gehen und sie langfristig zu halten. Du merkst es daran, dass es dir nicht leicht faellt, deine Emotionen zu regulieren. Du bist vielleicht oft wuetend oder aufgebracht und zeigst es auch sehr deutlich. Du bist ziemlich misstrauisch in deiner Beziehung - und Beziehungen scheitern haeufig oder ihr habt haeufig Krisen miteinander.
Ich wuerde uns allen wuenschen, dass wir gute und sichere Bindungserfahrungen in unserer Kindheit gesammelt haben. Hier sind nochmal ein paar Fragen, mit denen du das ueberpruefe kannst:
- Kannst du dich gut auf deinen Partner einlassen und eine stabile Beziehung fuehren?
- Kannst du dich deinem Partner gegenueber oeffnen, Schwaehen zeigen und um Hilfe bitten?
- Habt ihr ein starkes Wir-Gefuehl in eurer Beziehung?
- Gibt es viel Waerme und Naehe, wenn ihr zusammen seid?
- Hilfst du deinem Partner, wenn es irgendwo brennt?
Wenn du diese Fragen mit "ja" beantworten kannst - oder zumindest mit "meistens" -, dann gehoerst du zum sicheren Bindungstyp.
Wenn du oder dein Partner jetzt nicht zum sicheren Bindungstyp gehoert, ist das noch lange kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Wir machen unser ganzes Leben lang Bindungserfahrungen. Das heisst: Wenn ich gute Erfahrungen in meiner Beziehung mache, fange ich vielleicht an, um Hilfe zu fragen, Emotionen besser zu zeigen, weniger eifersueichtig zu sein - und das sorgt dafuer, dass sich mein Bindungstyp ueber die Zeit verschiebt. Und auch wenn das nicht der Fall ist, kann ein achtsamer Umgang mit den Erfahrungen aus der Kindheit helfen, die Beziehung im Hier und Jetzt zum Positiven zu veraendern.
Es faengt damit an, dass du dir bewusst machst, welcher Bindungstyp du bist, welche Auswirkungen das auf deine Beziehung hat - und dass du dann anfangen kannst zu unterscheiden: Was gehoert eigentlich in meine Kindheit, und was will ich im Hier und Jetzt leben? Das ist manchmal gar nicht so einfach alleine umzusetzen. Wenn dir das schwerfaellt, kann ich dir nur raten, dir einen guten Paartherapeuten zu suchen, der dich auf deinem Weg in eine bessere Beziehung unterstuetzt.
Das wirklich Tolle an diesen Bindungstypen ist, dass sie dir ein Stueck weit erklaeren, warum und wie du in deiner Beziehung fuehlst und handelst. Und das gibt dir Spielraum, um etwas neu zu gestalten.
Ich bin gespannt, welcher Bindungstyp du bist - lass es mich gern in einem Kommentar wissen. Ich freue mich, wenn du mir dabei hilfst, dass dieser Podcast bekannter wird und mehr Menschen ihn hoeren koennen. Wenn er dir Mehrwert gebracht hat: Hinterlasse mir bitte eine Bewertung auf iTunes, damit dieser Podcast wachsen und mehr Menschen erreichen kann. Ich danke dir fuer deine Zeit. Bleib gut in Beziehung. Bis zum naechsten Mal - dein Thorsten.