gut in Beziehung

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Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen

Transkript

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Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung. Ich bin Thorsten, Paartherapeut, und ich freue mich sehr, dass du mir zuhörst.

Bevor wir in das heutige Thema einsteigen, möchte ich dich herzlich zu einem Workshop einladen - oder zumindest schon mal ankündigen, wann dieser stattfinden wird: am 29. September. Wir werden im Berliner Grunewald einen Paarworkshop durchführen. Du bist herzlich eingeladen. Die Details gibt es später, aber vielleicht magst du dir das Datum schon mal im Kalender vormerken.

Heute geht es darum, warum Achtsamkeit im Wald die perfekte Me-Time für dich und für mich ist.

Ich weiß nicht genau, wie es in deinem Leben aussieht, aber in meinem Leben gibt es Tage, die so vollgepackt und stressig sind, dass ich abends so erschöpft bin, dass ich vor irgendeinem Social-Media-Feed versacke oder eine Netflix-Serie nach der nächsten schaue. Und ich stelle immer wieder fest, dass es mir damit irgendwie nicht besser geht.

Das beste und effektivste Mittel für mich - und vielleicht auch für dein Leben - ist es, mir eine Auszeit im Wald zu gönnen. Und häufig plane ich das bereits im Voraus: Wenn ich mich abends hinsetze und meinen nächsten Tag plane und merke, dass er ganz schön voll wird, dann plane ich auch diese 20 Minuten Zeit für mich alleine irgendwo im Wald ein.

Ich habe das große Glück, dass ich relativ ländlich lebe. Ich brauche drei Minuten, um einmal über die Straße zu gehen, und dann stehe ich im Wald. Auch der Fahrtweg zu meiner Arbeit und zurück ist so gestaltet, dass ich eigentlich fast überall anhalten und sagen kann: Ich laufe jetzt 20 Minuten durch den Wald oder setze mich irgendwo auf einen Baumstamm.

Ich weiß, dass das ein absoluter Luxus ist und dass es nicht jedem so geht. Und auch wenn du vielleicht weiter fahren musst, um in die Natur zu gelangen - ich glaube doch, dass Natur und Wald für alle erreichbar sind. Wenn es kein Wald ist, dann ist es vielleicht der nächste Stadtpark oder ein Seeufer. Ich glaube, dass es für jeden möglich ist, in gut erreichbarer Zeit irgendetwas zu finden, das er selbst mit Natur verknüpft.

Und ich bin so fasziniert davon, dass diese 20 Minuten durch den Wald laufen oder irgendwo sitzen und die Natur genießen so viel heilsamer sind und so viel mehr Kraft schenken als alles, was ich abends mache, wenn ich erschöpft zu Hause ankomme. Meine Tage sind wirklich anders, wenn ich mir diese Zeit gönne.

Ich möchte heute vier Gründe mit dir teilen, warum das so ist - warum Natur für uns so heilsam ist.

Erster Aspekt: Der ökologische Aspekt

Dabei geht es nicht um Naturschutz, sondern darum, wie wir uns selbst als Teil der Natur wahrnehmen. Ich erinnere mich, dass ich vor gut 15 Jahren zum ersten Mal einen Seeadler in freier Natur habe fliegen sehen. Er hatte an einer Kiefernschonung seinen Horst gebaut, und ich konnte die Jungvögel beobachten, wie sie ihre ersten Flugversuche unternahmen. Das war ein absolut außergewöhnliches Erlebnis für mich.

Was ich dabei gefühlt habe, war eine Mischung aus Freude und Ehrfurcht. Und mir ist es als Kind schon so gegangen, wenn ich mit meinem Vater oder mit Freunden durch die Natur gestreift bin und wir irgendwo einen Rehbock gesehen haben. Dieses Gefühl von Freude und Respekt - Ehrfurcht vor dem, was mir in der Natur begegnet.

Das urgermanische Wort für Wald, Waldhus, bedeutet der wilde Wald oder der Wald, an dem die wilden Tiere leben. Und genau diese Unberührtheit, diese Wildheit - das ist es, was mich an der Natur fasziniert und was mir hilft, mich zu erden. Es hilft mir, mich zu erden, wenn ich mich selbst als Teil dieser Natur erlebe.

Hilarion Petzold schreibt so schön von der Begrünung der Seele. Ich mag diesen Begriff, weil er ausdrückt, was es psychisch für uns bedeutet, im Grünen, in der Natur zu sein.

Zweiter und dritter Aspekt: Psychologie und Somatik

Waldbaden - das habt ihr bestimmt schon mal gehört. Es ist eine Therapieform, die aus Japan kommt und die relativ gut erforscht ist. Man hat festgestellt, dass der Aufenthalt in der Natur dazu führt, dass sich unsere Stimmung hebt.

Und natürlich hat ein Aufenthalt in der Natur nicht nur Auswirkungen auf unsere Psyche, sondern auch darauf, wie es uns körperlich geht. Es gibt somatische Aspekte, die eine Rolle spielen. Ein zweistündiger Aufenthalt im Wald - so schreibt Li, einer der Forscher, der in Japan das Waldbaden untersucht hat - senkt den Blutdruck, reduziert Stress, stärkt das Herzkreislaufsystem, fördert den Stoffwechsel, senkt den Blutzucker und vieles mehr. Es gibt eine ganze Reihe somatischer Aspekte, körperlicher Verbesserungen, die uns helfen, uns gesund und vital zu fühlen.

Vierter Aspekt: Der neurowissenschaftliche Aspekt

Dieser hängt vor allem mit den Phytonciden zusammen - den Harzen und Düften, die wir im Wald wahrnehmen können. Das sind Wirkstoffe, die uns helfen, Einfluss auf unser Nervensystem zu nehmen. Man hat untersucht, dass diese Öle und Harze dafür sorgen, dass das Stressniveau sinkt und unser Nervensystem sich besser regulieren kann, wenn wir im Wald sind und diese Harze einatmen.

Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie gut erforscht das inzwischen ist. Es sind alles Dinge, die unsere Großeltern schon wussten - dass es gut ist, in die Natur zu gehen. Aber warum das so ist und welche Zusammenhänge bestehen, das ist heute tatsächlich gut erforscht.

Es gibt also ganz viele gute Gründe, in die Natur zu gehen und sich dort eine Auszeit zu gönnen. Und wenn ich davon rede, in den Wald zu gehen, um dort zu entspannen, dann rede ich von einem achtsamen Aufenthalt in der Natur. Ich rede nicht davon, sich Kopfhörer in die Ohren zu stecken und loszujoggen - sondern davon, ganz langsam und achtsam in der Natur zu sein, sich umzuschauen, die Natur auf sich wirken zu lassen und das als kleinen Miniurlaub zu werten.

Ich lade dich also ein, das auszuprobieren und dir dein Stück Wald zu suchen, deinen Platz in der Natur, den du in nächster Zeit aufsuchen möchtest. Überlege dir: Wann genau ist das hilfreich für mich? Wie oft möchte ich das in der Woche machen?

Damit du nicht ganz unvorbereitet im Wald auftauchst und nicht weißt, was du dort machen kannst, möchte ich dir vier kleine Übungen mitgeben.

Übung 1: Der befreundete Wald

Es geht darum, dir einen Ort zu suchen, an dem du dich richtig wohlfühlst. Einen Ort, wo du sagst: Hier kann ich bleiben, hier ist es so, als würde ich einen Freund besuchen. Du kannst dich dort hinsetzen, dich umschauen, innehalten und einen inneren Dialog mit diesem Ort führen. Du wirst feststellen, dass dieser Ort - wie jeder andere Gesprächspartner auch - unterschiedliche Stimmungen ausstrahlt. Mal liegt Tau auf dem Gras, mal nicht. Mal zwitschern Vögel laut, mal nicht. Es macht Sinn, diese Übung ganz am Anfang zu machen: als deinen festen Ort, an dem du dir - wann immer du es brauchst - deine 10 bis 20 Minuten Auszeit gönnst.

Übung 2: Die Sorgensteinübung

Diese nutze ich manchmal, wenn mein Kopf zu voll ist, um im Wald wirklich zur Ruhe zu kommen. Dann nehme ich mir einen Stein - das sind meine Sorgen - und lasse ihn am Waldrand liegen. Ich lege diesen Stein irgendwo ab, wo er sein darf, und kann mich dann verhältnismäßig sorgenfrei in den Wald begeben. Auf dem Weg zurück überlege ich, ob ich den Stein wieder aufhebe - oder ob ich sage: Für heute lasse ich die Sorgen Sorgen sein.

Übung 3: Die Gehmeditation

Wenn du wie ich jemand bist, der sich lieber bewegt als irgendwo still zu sitzen, dann hilft dir vielleicht eine Gehmeditation. Das bedeutet für mich: Ich konzentriere mich zunächst auf meinen Atem und arbeite dann nacheinander alle meine Sinne ab. Ich achte einen Moment lang auf das, was ich höre. Dann auf das, woran mein Blick hängen bleibt. Dann auf das Gefühl des Bodens unter meinen Füßen oder der Luft auf meiner Haut. Dann gehe ich nochmal in die Atmung zurück - und meistens sind die 10 Minuten dann schon vorbei.

Übung 4: Waldkunst

Die letzte Idee: Waldkunst anfertigen. Das muss gar nichts Großes sein. Wenn du irgendwo sitzt und merkst, dass deine Gedanken kreisen und du nicht wirklich zur Ruhe kommst, hilft es manchmal, ein Mandala aus Blättern und Eichelkappen zu basteln. Oder Rindenstückchen aufeinanderzustapeln und zu schauen, wie groß der Turm werden kann. Solche Kleinigkeiten helfen mir immer dann, wenn ich meine Finger bewegen kann - auch etwas von meinem Stress loszulassen.

Selbstfürsorge als Beziehungsthema

Warum geht es in einer Folge über Paartherapie um Achtsamkeit im Wald? Weil ich in meinen Paartherapien immer wieder feststelle, dass diese Balance - aus Nähe und Distanz, aus Zeit als Paar und Zeit für mich - in vielen Beziehungen fehlt. Ganz häufig sitzen vor allem junge Mütter in der Therapie und sagen: Ich bin so beschäftigt mit den Kindern und dem Haushalt, ich komme zu nichts anderem.

Ich glaube, dass gerade für Menschen, die das Gefühl haben, rund um die Uhr gefordert zu werden, Selbstfürsorge besonders wichtig ist. Zeit für sich zu verbringen, die Energie schenkt, anstatt Energie zu rauben.

Meine Einladung an dich lautet also: Such dir deinen Ort, deinen befreundeten Waldort, und probier es aus. Schau, ob dir diese 20 Minuten im Wald - zwei- bis dreimal die Woche - wirklich weiterhelfen.

Ich bin gespannt auf dein Feedback. Und ich habe noch eine Frage für dich: Ich überlege, ob es Sinn macht, eine 5-Tage-Challenge anzubieten, in der ich euch jeden Tag eine E-Mail schreibe und zeige, was ich im Wald gemacht habe - und ihr das nachmachen könnt. Unten in den Shownotes findet ihr einen Link zu einer Umfrage. Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr daran teilnehmt und mir mitteilt, ob so eine Challenge etwas für euch wäre.

Das war die heutige Folge. Es grüßt und winkt euer Thorsten.

Über diesen Podcast

Eine Beziehung ist wie ein Weg mit vielen Wegbiegungen – manchmal führt er bergauf, manchmal durch unwegsames Gelände. Doch auch wenn sich Paare zeitweise verlaufen oder der gemeinsame Pfad unklar wird, gibt es immer die Möglichkeit, neue Richtungen einzuschlagen.

In diesem Podcast begleite ich euch dabei, eure Beziehungsdynamiken zu verstehen und bewusste Entscheidungen für euren gemeinsamen Weg zu treffen. Ob es um Kommunikation geht, um das Spannungsfeld zwischen Nähe und Freiraum oder um alte Muster, die sich immer wieder zeigen – hier findet ihr systemische Perspektiven und praktische Impulse für mehr Klarheit in eurer Partnerschaft.

Die Natur spielt dabei eine besondere Rolle. Sie zeigt uns, dass Wachstum Zeit braucht, dass Veränderung natürlich ist und dass auch nach schwierigen Phasen neue Möglichkeiten entstehen können.

Jede Episode bringt euch konkrete Erkenntnisse mit, die ihr direkt in euren Alltag integrieren könnt – ohne Patentrezepte, aber mit fundierten Ansätzen aus der systemischen Paartherapie.

Wo steht eure Beziehung gerade?
Findet es mit dem kostenlosen Beziehungscheck heraus. In nur 20 Minuten bekommt ihr mehr Klarheit über eure Stärken und Entwicklungsfelder als Paar.
Den Beziehungscheck und weitere Impulse findet ihr auf https://www.thorsten-koecher.de/beziehungscheck/utm_source=podcast&utm_medium=podcastbeschreibung

von und mit Thorsten Köcher

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