gut in Beziehung

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Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen

Transkript

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Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung, dein Paartherapie-Podcast. Ich freue mich riesig, dass du hier bist, zuhoerst und mir deine Zeit schenkst.

"Wir haben uns irgendwie auseinandergelebt" - das ist ein Satz, den ich ganz haeufig zu hoeren bekomme und den ich selbst auch schon das ein oder andere Mal gedacht habe. Genau darum soll es heute gehen.

Wenn du diesen Satz in deinem Kopf hast, dann moechte ich dich einladen, mal zurueckzuschauen und dir anzugucken, wie sehr dein Gefuehl von Naehe in deiner Beziehung geschwankt ist. Vielleicht stellst du dann auch fest, dass Naehe und Distanz etwas sind, was euch in eurer Beziehung immer begleitet hat. Das Gefuehl von Naehe ist nicht konstant, sondern bewegt sich in den meisten Beziehungen wellenfoermig. Mal ist man sich naeher, dann ist man wieder ein Stueck distanzierter, je nachdem, womit man gerade beschaeftigt ist. Meistens passiert es ganz von alleine, dass wir merken, wenn wir uns so weit auseinanderbewegen, und uns danach wieder aufeinander zubewegen.

Diese Dynamik - sich nach Naehe sehnen, Naehe suchen auf der einen Seite und Distanz haben, sich um andere Projekte kuemmern, Zeit fuer sich nehmen - ist vollkommen normal und hat jede Beziehung.

Wenn du den Satz "Wir haben uns auseinandergelebt" im Kopf hast, dann bedeutet das vielleicht, dass dein Gefuehl von Distanz groesser ist als du es normalerweise gewohnt bist. Es passiert auch selten, dass beide Partner gleichzeitig merken: Irgendwie haben wir uns auseinandergelebt, wir sollten mal etwas dagegen tun. In der Regel ist es so, dass einem Partner das frueher auffaellt und er oder sie den anderen dann daran erinnert.

In meiner Beziehung ist das haeufig so: Ich bin mit anderen Dingen beschaeftigt, habe meinen Fokus nicht auf der Paarbeziehung - und dann erinnert mich meine Frau Dothee und sagt: Hey, du nimmst mich viel weniger in den Arm als frueher, und ich habe das Gefuehl, du hoerst mir nicht mehr so richtig zu. Wo stehen wir denn gerade miteinander? Das sind Signale, die mich daran erinnern, meinen Fokus neu zu setzen.

Dieser Satz kann zwei Gruende haben.

Der erste Grund ist: Der Fokus liegt nicht mehr auf der Paarbeziehung. Das kann euch beiden passieren oder auch nur einem Partner. Moegliche Ursachen: ihr habt neue Rollen uebernommen, zum Beispiel wenn ihr Eltern werdet oder wenn Kinder ausziehen und ihr wieder alleine seid. Immer dann, wenn ihr neue Rollen habt und euch dort einfindet, passiert es, dass ihr erstmal darauf den Fokus setzt und die Paarebene weniger im Mittelpunkt steht. Und mit dieser neuen Rolle veraendert sich auch eure Rolle als Paar - ihr muesst euch da ein Stueck weit neu finden.

Ein typischer Moment ist, wenn man Vater oder Mutter wird. Zu der Rolle als Partner kommt ploetzlich noch die Rolle als Vater oder Mutter dazu. Der Fokus liegt dann vielleicht zunaechst dort: Wie mache ich das mit einem neugeborenen Kind? Wie gehe ich damit um? Wie oft muss es gefuettert werden? Dabei kann man sich als Paar aus den Augen verlieren.

Ein anderer Punkt, warum der Fokus fehlen kann: Es gibt Projekte, die Aufmerksamkeit beanspruchen. Ich habe mich zum Beispiel nebenbei selbststaendig gemacht - das saugt eine Menge Energie. Fuer einen gewissen Zeitraum ist das in Ordnung. Aber irgendwann bedeutet es, zurueckzufinden und Naehe und Beziehung wieder zu leben.

Der zweite Grund, warum dieser Satz auftauchen koennte: Es gibt einen Konflikt, der nicht auf den Tisch soll. Vielleicht ist er dir gar nicht bewusst, aber irgendwie ist er da. Und ihr moechtet nicht darueber reden. Vielleicht bist du konfliktsscheu, moechtest einen neuen Streit vermeiden oder bist dir nicht sicher, ob es das ueberhaupt wert ist. Das sorgt dafuer, dass du weniger Naehe und Vertrautheit spuerst - vor allem, wenn so ein Konflikt besonders lange schwelt.

Ganz egal, ob ein verschobener Fokus oder ein unausgesprochener Konflikt dahintersteckt: Es hat immer zwei Auswirkungen. Erstens: Ich gebe weniger von mir preis. Ich zeige mich weniger verletzlich, bin weniger offen, erzaehle weniger von dem, was mich wirklich bewegt. Zweitens: Ich lasse mich weniger ein. Ich hoere weniger zu, gehe weniger auf meinen Partner zu, bin weniger empathisch, wenn mir mein Lieblingsmensch etwas erzaehlt. Das sorgt dafuer, dass eine Distanz oder eine Wand entsteht, die es schwer macht, wirklich Naehe zu spueren.

In diesen beiden Verhaltensweisen liegt auch die Loesung: Ich kann mich bewusst oeffnen und verletzlich zeigen - und ich kann mich bewusst einlassen auf meinen Lieblingsmenschen, ohne zu werten oder zu verurteilen. Damit schaffe ich wieder Naehe.

Der erste Schritt ist eine Standortbestimmung. Eine mentale Karte aufzubereiten: Wo kommen wir her? Was haben wir alles erlebt in unserer Beziehung? Wo stehen wir gerade? Und wo wollen wir hin? Ein paar Fragen koennen dabei helfen:

Was hat dich an deinem Lieblingsmenschen so fasziniert, dass ihr zusammengekommen seid? Was mochtest du an ihm oder ihr besonders? Wann gab es Zeiten, in denen du dich richtig geliebt gefuehlt hast - und was unterscheidet damals von heute? Gab es Zeiten, die schlechter waren als jetzt, und wenn ja, wie seid ihr aus diesem Tief wieder herausgekommen? Welche guten Eigenschaften habt ihr euch erarbeitet, und koennt ihr die heute nutzen? Was koennt ihr vielleicht Neues ausprobieren? Wie ist meine Traumvorstellung von einer guten Beziehung? Was moechte ich unbedingt noch mit meiner Partnerin oder meinem Partner erleben? Welche Eigenschaften darf er oder sie auf keinen Fall verlieren?

Als zweites sollst du die Frage beantworten, was eure Beziehung im Hier und Jetzt braucht, damit ihr euch wieder annaehorn koennt. Dazu eine kleine Uebung: Nimm dir ein Blatt Papier und einen Stift. Stelle dir deine Beziehung, so wie sie heute besteht, als Lebewesen vor. Wie wuerde dieses Wesen aussehen? Waere es ein Baum, ein Tier, ein Fabelwesen? Wie genau wuerde dein Beziehungswesen aussehen? Wenn es ein Baum waere: Hat er tiefe Wurzeln? Einen dicken oder duennen Stamm? Wie gross ist er? Ist gerade Winter und sind die Blaetter ab? Oder blueht er? Oder traegt er Fruechte?

Und dann: Was braeuchte dieses Lebewesen, damit es ihm besser geht? Braucht mein Baum mehr Sonne oder mehr Wasser? Muesste ich einen Zaun drumziehen, damit niemand Aeste abreisst? Nimm dir viel Zeit, sei kreativ, lass dich darauf ein. Es stellen sich Assoziationen ein, auf die du sonst wahrscheinlich nicht gekommen waerst.

Nachdem du weisst, wie dein Beziehungswesen aussieht und was es braucht, kannst du diese Punkte in deinen Alltag uebertragen. Wenn du denkst, dein Baum braeuchte einen Zaun, kannst du dich fragen: Was waere in meinem Leben der Zaun? Welche Grenzen muesste ich setzen, damit wir wieder mehr Naehe zulassen koennen?

Diese Uebung kannst du alleine machen oder gemeinsam als Paar. Und dann kommt der dritte Punkt: darueber ins Gespraech kommen. Das erfordert Mut - zu sagen: Ich habe das Gefuehl, wir haben uns auseinandergelebt. Ich moechte dir nichts vorwerfen, ich mache mir nur Sorgen um unsere Beziehung. Lass uns darueber sprechen, was wir gerade brauchen.

In diesem Gespraech geht es dann wieder genau um das, was vorhin als Loesung festgehalten wurde: sich bewusst oeffnen, verletzlich zeigen, sich bewusst einlassen - ohne zu werten oder zu verurteilen.

Ich fasse die drei Schritte nochmal zusammen. Erstens: Standortbestimmung. Wo stehe ich, was kann ich aus meiner Vergangenheit mitnehmen ins Hier und Jetzt, und wie stelle ich mir Beziehung in Zukunft vor? Zweitens: Im Hier und Jetzt bleiben und ueberlegen, was ihr braucht, um mehr Naehe zuzulassen - dazu die Beziehungswesen-Uebung. Drittens: Darueber ins Gespraech kommen, sich dabei oeffnen, verletzlich zeigen und einlassen, ohne zu werten oder zu verurteilen.

Wenn ihr sagt, wir haben uns so weit auseinandergelebt, wir haben ueberhaupt keine Anknuepfungspunkte mehr, der Mensch neben mir ist mir fremd geworden - dann moechte ich euch einladen, den anderen neu zu entdecken. Dieselben Schritte helfen dabei: Standortbestimmung, Ueberlegen was du jetzt brauchst, um Naehe zuzulassen, miteinander ins Gespraech gehen - und sich erlauben, den anderen wirklich neu kennenzulernen. Auch das bedeutet, offen und transparent zu sein und zu sagen: Ich habe das Gefuehl, du bist mir fremd geworden. Das finde ich schade. Ich wuerde dich gerne neu kennenlernen.

Mir ist es zum Schluss noch einmal wichtig zu betonen: Der Schluessel liegt nicht beim anderen. Du musst nicht warten, bis dein Partner den ersten Schritt macht. Der Schluessel liegt darin, dass du dich oeffnest, verletzlich zeigst und dich wieder bewusst einlaesst - ohne zu werten und zu verurteilen.

Wenn meine Frau Dothee mich anstupst und sagt, du nimmst mich viel weniger in den Arm als frueher und du hoerst mir nicht mehr so gut zu - dann ist das fuer mich ein Signal, dass ich etwas aendern muss. Ich weiss aber auch, dass ich das in meinem eigenen Tempo machen muss. Wenn Dothee zu viel Druck aufbaut, gehe ich haeufig in den Widerstand. Deswegen: Erlaubt euch, das eigene Tempo zu gehen - und erlaubt auch dem anderen genau dasselbe.

Wenn ihr sagt, wir haben uns auseinandergelebt und wuerden uns ueber mehr Input zum Thema Kommunikation freuen: Ich lade euch zu einer kostenlosen Challenge ein. "Grow your relationship" geht fuenf Tage. Du bekommst taeglich eine Videobotschaft von mir per E-Mail - mit ganz viel Input zum Thema Kommunikation. Ich wuerde mich riesig freuen, wenn du dabei bist.

Das sollte es gewesen sein fuer heute. Ich danke dir, dass du mir zugehoert hast und mir deine Zeit geschenkt hast. Bleib gut in Beziehung - bis zum naechsten Mal, dein Torsten.

Über diesen Podcast

Eine Beziehung ist wie ein Weg mit vielen Wegbiegungen – manchmal führt er bergauf, manchmal durch unwegsames Gelände. Doch auch wenn sich Paare zeitweise verlaufen oder der gemeinsame Pfad unklar wird, gibt es immer die Möglichkeit, neue Richtungen einzuschlagen.

In diesem Podcast begleite ich euch dabei, eure Beziehungsdynamiken zu verstehen und bewusste Entscheidungen für euren gemeinsamen Weg zu treffen. Ob es um Kommunikation geht, um das Spannungsfeld zwischen Nähe und Freiraum oder um alte Muster, die sich immer wieder zeigen – hier findet ihr systemische Perspektiven und praktische Impulse für mehr Klarheit in eurer Partnerschaft.

Die Natur spielt dabei eine besondere Rolle. Sie zeigt uns, dass Wachstum Zeit braucht, dass Veränderung natürlich ist und dass auch nach schwierigen Phasen neue Möglichkeiten entstehen können.

Jede Episode bringt euch konkrete Erkenntnisse mit, die ihr direkt in euren Alltag integrieren könnt – ohne Patentrezepte, aber mit fundierten Ansätzen aus der systemischen Paartherapie.

Wo steht eure Beziehung gerade?
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Den Beziehungscheck und weitere Impulse findet ihr auf https://www.thorsten-koecher.de/beziehungscheck/utm_source=podcast&utm_medium=podcastbeschreibung

von und mit Thorsten Köcher

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