Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung. Ich bin Thorsten, ich bin Paartherapeut, und ich freue mich riesig, dass du dabei bist.
Heute geht es darum, wie wir in einer Beziehung unseren eigenen Weg gehen können, wie wir unsere Individualität bewahren können, ohne uns in unserer Partnerschaft selbst zu verlieren. Wir schauen auf die Symptome, die damit einhergehen, und auch darauf, wie wir das vielleicht anders gestalten können.
Wir alle tragen eine Sehnsucht nach romantischer Verschmelzung in uns. Wir möchten jemandem ganz besonders nahe sein, und für diese Nähe sind wir bereit, Kompromisse einzugehen und ein Stück weit unsere Individualität aufzugeben. Diese Nähe regulieren wir normalerweise, indem wir Nähe und Distanz in eine gute Balance bringen.
Kompromisse sind für uns gut tragbar. Wenn aber diese Waage aus Nähe und Distanz ins Ungleichgewicht gerät und wir zu viele Kompromisse eingehen und zu viel von unserer Individualität aufgeben, dann geraten wir in die Gefahr, mit einem Partner so sehr zu verschmelzen, dass wir uns ein Stück weit selbst verlieren in unserer Partnerschaft.
Wenn ich das erzähle, kommen vielleicht Paare in den Sinn, die es nur im Doppelpack gibt – die immer Rücksprache mit dem anderen halten, die auf jede Party zu zweit gehen, und von denen man das Gefühl hat, dass keiner von beiden wirklich noch ein Leben außerhalb der Beziehung hat.
Dabei ist unsere Individualität das, was uns als Menschen ausmacht – und eigentlich auch genau das, was uns attraktiv für unseren Lieblingsmenschen macht. Es macht also gar keinen Sinn, das aufzugeben.
Und oft ist das ein schleichender Prozess, der auch gar nicht gewollt ist – besonders dann, wenn neben der Arbeit auch noch Kinder da sind, wenn ein Haushalt versorgt werden muss, wenn man so viel zu tun hat, dass ohnehin wenig Raum bleibt für sich selbst.
Was sind jetzt Gradmesser, an denen ich das ablesen könnte? Wenn du das Gefühl hast, dass du kaum noch Zeit hast für Hobbys, dass du deinen Leidenschaften und Interessen nicht mehr nachgehen kannst, dann wäre das ein Zeichen. Auch wenn die Interessen deines Partners im Gegensatz zu deinen mehr im Vordergrund stehen und wenn du häufig bemüht bist, deinem Partner entgegenzukommen und dafür auf deiner eigenen Liste Abstriche machst.
Wenn du vor lauter Kümmern um andere gar nicht mehr das Gefühl für dich selbst hast – wer bin ich eigentlich noch? – dann ist das ein Gradmesser, der dir zeigt, dass du vielleicht zu sehr in der Verschmelzung mit deinem Lieblingsmenschen bist.
Wenn du merkst, dass du dich häufig der Meinung und den Vorlieben deines Partners oder deiner Partnerin anpasst, wenn es dir schwer fällt, Grenzen zu setzen, dann ist das ein weiterer Gradmesser dafür, dass deine Waage aus Nähe und Distanz vielleicht in Schieflage ist.
Und ein erstes Indiz dafür ist, wenn du feststellst, dass der Großteil deiner Zeit in der Familie und in der Partnerschaft liegt und so gut wie keine Zeit für dich als Individuum übrig bleibt.
Wenn du dich in deiner Beziehung verlierst, hat das natürlich auch Auswirkungen auf eure Beziehungsqualität. Ich habe schon gesagt, dass deine Individualität das ist, was dich attraktiv für deinen Partner macht. Dazu kommt, dass es ganz schwer ist, sich auf jemanden zu freuen oder jemanden zu vermissen, wenn man kontinuierlich ganz nah beieinander ist. Auch das fehlt dann in einer Beziehung.
Und auch Entscheidungen lassen sich leichter treffen, wenn ich Abstand zu meinem Lieblingsmenschen habe und Dinge erst einmal mit mir selbst ausmachen kann, wenn ich mir meine eigene Meinung bilden kann. Dann bin ich in der Lage, in die Diskussion zu gehen, mich auszutauschen, Argumente abzuwägen. All das kann ich nicht, wenn ich zu eng verschmolzen mit meinem Lieblingsmenschen bin. Dann neige ich nämlich dazu, mich einfach meinem Partner oder meiner Partnerin anzuschließen.
Was hält uns eigentlich davon ab, es anders zu machen? Paare, die sehr viel Nähe miteinander genießen, die ein Stück weit miteinander verschmolzen sind – da wird die Beziehung zum Großteil Teil ihrer Identität. Und das macht es dann so schwer, Grenzen zu setzen und sich Freiräume zu schaffen. Denn die Idee, sich Freiräume zu schaffen, schürt Ängste.
Über zwei Formen von Angst, die hier mitschwingen, möchte ich gerne sprechen. Das erste ist die Trennungsangst. Diese Trennungsangst in verschmolzenen Paaren ist eine zweischneidige Angst. Es ist zum einen die Angst, sich selbst zu verlieren, weil man sich für die Beziehung aufgibt, weil man ein Stück weit seine Individualität verliert. Und das andere ist die Angst davor, dass der andere sich trennen könnte, weil man ihm nicht mehr genügt.
Und weil die Angst vor dem Verlust des Lieblingsmenschen größer ist, bleibt man in der Beziehung und schlägt diesen Weg ein: Man strebt danach, in der Beziehung aufzugehen und sich ein Stück weit selbst aufzugeben. Und dann bin ich bemüht, möglichst alles zu tun, damit mein Partner, meine Partnerin, mein Lieblingsmensch bei mir bleibt und hoffentlich glücklich ist.
Das heißt, ich verzichte auf meine Freiräume, ich lasse zu, dass Grenzen überschritten werden. Ich bin für meinen Partner da, ich gebe ganz viel, ich opfere mich selbst ein Stück weit auf für meine Beziehung und für meine Familie. Und meistens muss man dann feststellen, dass das wenig wertgeschätzt wird, sondern dass es für den Partner auf der anderen Seite immer mehr zur Normalität wird, was man dort leistet. Und je mehr ich gebe, umso selbstverständlicher wird es oft für den anderen.
Und damit senden wir noch ein paar andere Signale in unsere Beziehung. Wir zeigen unserem Lieblingsmenschen nämlich auch, wie bedürftig wir sind, wie sehr wir darauf angewiesen sind, dass diese Nähe zwischen uns entstehen kann. Und damit schränken wir auch unseren Lieblingsmenschen ein. Denn der hat das Gefühl, er muss ein Stück weit die Verantwortung für uns mittragen. Ich habe dann keinen Partner mehr auf Augenhöhe, sondern einen Partner, der ganz viel gibt, ganz viel tut – für den ich aber auch immer ein Stück weit mitentscheiden muss.
Zusammengefasst: Wir zeigen einen Mangel. Statt Halt in uns selbst zu suchen, suchen wir Halt im Außen, suchen wir Halt bei unserem Lieblingsmenschen. Und das alles, um mit unseren Trennungsängsten gut umgehen zu können, um sie nicht so stark zu spüren.
Eine weitere Angst, die mitschwingt, wenn die Waage aus Nähe und Distanz ins Ungleichgewicht gerät, ist die Angst vor Selbstwertverlust. Wenn ich in meiner Beziehung ganz viel Aufwertung, Akzeptanz und Anerkennung erfahre, dann wird das mit der Zeit ein Stück weit Existenzberechtigung für mich. Und diese Anerkennung, diese Wertschätzung, will ich mir gerne bewahren, weil sie meinen Selbstwert stützt.
Und wenn das der Fall ist, dann wird es schwierig, Grenzen zu setzen und mir Freiräume freizuschaufeln und meine Individualität zu leben – denn damit bedrohe ich indirekt auch meinen Selbstwert. Denn wenn ich das täte, könnte ich Kritik ernten, dann könnte mein Partner meinen, ich bin zu wenig für ihn da, die Anerkennung könnte zurückgehen, man könnte einen Streit vom Zaun brechen – und all das sind Dinge, die mein Selbstwertgefühl beschädigen würden. Deshalb vermeide ich das.
Wie kann ich das jetzt anders gestalten? Ich glaube, der Kerngedanke muss sein, dass Liebe beides braucht: Nähe und Distanz. Nur so kann ich attraktiv bleiben, nur so kann ich ich selbst bleiben und gleichzeitig meine Partnerschaft genießen.
Es ist also ganz wichtig, dass du das pflegst, was dich ausmacht, dass du deine Hobbys pflegst, dass du dich mit Freunden triffst, dass du all das tust, was dich erfüllt und was dich als Individuum glücklich macht. Ich finde es großartig, wenn du mit diesem erfüllten Leben in Beziehung gehst und das mit deinem Partner teilen kannst.
Und ich glaube, dass es deinen Partner oder deine Partnerin begeistern kann, wenn du ein abenteuerliches Leben hast, wenn du Dinge tust, die dich erfüllen, und du davon berichten kannst und deinen Partner an deiner Einzigartigkeit teilhaben lassen kannst.
Und wenn du mehr davon möchtest, dann bedeutet es, dass du mit deinem Partner ins Gespräch gehen darfst, um dir Freiräume zu schaffen. Freiräume, in denen du dann deine Individualität, deine Hobbys – all das, was dich ausmacht – zum Leben erwecken kannst.
Nutze die Freiräume, um dich mit Freunden zu treffen. Nutze die Freiräume, um endlich mal wieder ein altes Hobby aufleben zu lassen. Nutze die Zeit, um endlich mal wieder Zeit ganz alleine nur mit dir zu verbringen.
Und wenn du ganz lange auf deine Individualität verzichtet hast, wenn du lange keine Zeit hattest, um deinen Hobbys nachzugehen und dich mit Freunden zu treffen, dann hast du vielleicht das Gefühl, dass du gar nicht so genau weißt, was dich ausmacht, was du genau genießt, wenn du alleine wärst. Und wenn das so ist, dann empfehle ich dir, einfach in die Natur zu gehen. Den Gedanken nachzuhängen, barfuß durchs Gras zu laufen, dich in die Wiese zu legen und in die Baumkrone zu gucken und einfach die Seele baumeln zu lassen. Ich kann dir versprechen: Das Gefühl von dem, was dich ausmacht, wird zu dir zurückkommen.
Ich wünsch dir von Herzen, dass du Nähe und Distanz in eine gute Balance bekommst. Und ich wünsch dir, dass deine Einzigartigkeit strahlend leuchten kann. Und ich hoffe, dass das ein Zeichen für deinen Lieblingsmenschen ist, sich vielleicht ein Stück weit neu in dich zu verlieben.
Und wenn du ein Paar kennst, das es nur im Doppelpack gibt, dann empfiehl ihnen diese Podcast-Episode. Ich freue mich, wenn du das nächste Mal wieder dabei bist. Es grüßt und winkt dein Thorsten.