Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo und herzlich willkommen zu dieser Podcast-Folge. Mein Name ist Thorsten, ich bin Paartherapeut und ich freue mich sehr, dass du mir zuhoerst.
Zuerst ein herzlicher Gruss an Julia. Mit Julia hatte ich vor wenigen Tagen ein Kennenlerngespräch zusammen mit ihrem Freund. Sie hat mich daran erinnert, dass ich schon seit langer Zeit keine Podcast-Episode mehr veroeffentlicht habe - was schlicht und einfach daran liegt, dass ich das immer vor mir hergeschoben habe, weil so viele andere Projekte gerade Vorrang hatten. Das hat mir den noetigen Anstoss gegeben, mich heute hinzusetzen und endlich diese Episode aufzunehmen. Danke dafuer, Julia.
Heute geht es um ein grundlegendes Thema: Was ist eigentlich Liebe? Vielleicht geht es dir aehnlich wie mir - bei dem Wort Liebe kommen als Erstes diese Hollywood-Bilder und die gefuehlsgeladenen Momente in den Sinn, die wir erlebt haben, wenn wir frisch verliebt waren.
Bevor wir tiefer einsteigen, moechte ich dir einen O-Ton vorspielen, den ich aufgenommen habe. Die Frage war: Was ist eigentlich Liebe?
O-Ton: "Das ist jetzt die Knaller-Frage. Liebe ist etwas, das man nicht erklaeren kann, was man nicht sehen kann. Es ist einfach da. Nein, einfach da ist es auch nicht. Man muss Liebe in der heutigen Gesellschaft erst finden, halten und daran arbeiten. Das liegt nicht einfach so rum."
Jetzt zum Thema: Es geht um romantische Liebe. Nicht die Liebe zwischen Eltern und Kindern oder die platonische Liebe zwischen guten Freunden - sondern um romantische Liebe in Paarbeziehungen.
Romantische Liebesbeziehungen beginnen haeufig mit einer Verliebtheitsphase. Wir schweben in einem Hochgefuehl, sehen alles durch eine rosarote Brille und koennen es kaum erwarten, unseren Lieblingsmenschen wiederzusehen. Diese Phase ist wichtig, weil wir uns damit auf Bindung einlassen. Unser Gehirn schwimmt buchstaeblich in Hormonen - Dopamin, Adrenalin, alles ist vorhanden - und es macht uns ausserordentlich gluecklich, mit unserem Liebsten zusammen zu sein.
Haeufig haengt das Verstaendnis von Liebe genau an diesem Erleben des Verliebtseins. Wir glauben, das sei Liebe - und aergern uns, wenn es mit der Zeit nachlaesst. Nach einigen Jahren Beziehung feuern die Glueckshormone nicht mehr so intensiv wie zu Beginn. Denn wenn wir laengere Zeit mit jemandem zusammen sind, nehmen diese Hormone ab und Oxytocin tritt staerker in den Vordergrund - das sogenannte Kuschelhormon, das Bindung foerdert und dafuer sorgt, dass wir zusammenbleiben. Aber es sind eben nicht mehr die euphorischen Spitzen von frueher.
Was aus dieser Verliebtheitsphase bleibt, ist oft die Ueberzeugung, dass Liebe vor allem mit ueberschaeumenden Emotionen zu tun hat. Und ich finde, dass Liebe so viel mehr ist als das, was wir emotional fuehlen. Der grosse Nachteil dieser Sichtweise ist: Wer davon ausgeht, dass Liebe ausschliesslich das ist, was er empfindet, geht auch davon aus, dass Liebe das ist, was das Gegenueber in ihm ausloest. Das laesst uns mit wenig Selbstwirksamkeit zurueck. Wir sind fast handlungsunfaehig und abhaengig davon, dass unser Gegenueber etwas tut, das uns gluecklich macht.
Ich moechte dir daher zwei weitere Ebenen vorstellen, um deinen Begriff von Liebe zu erweitern - damit du das Gefuehl hast, Liebe ist auch etwas, das du steuern und gestalten kannst.
Ich habe heute den schoenen Satz gehoert: Liebe ist Fokus. Liebe ist das, worauf ich mich konzentriere, das, was ich in den Mittelpunkt meines Lebens stelle. Ich moechte das ergaenzen: Liebe ist der Raum, den ich meinem Gegenueber einraeume.
Dieser Raum besteht aus verschiedenen Ebenen. Das koennen die Gedanken sein - wie oft und wie intensiv ich an meinen Lieblingsmenschen denke. Das koennen die Gefuehle sein, die ich ihm gegenueber zeige. Aber es sind auch die Dinge, die ich fuer ihn oder sie tue - die Art, wie ich auf meinen Lieblingsmenschen eingehe, ob ich mir Zeit nehme zuzuhoeren und wirklich praesent zu sein.
Das alles sind Dinge, die ich steuern kann. Ich kann steuern, wie bewusst mein Partner oder meine Partnerin in meinem Alltag praesent ist. Ich kann steuern, wie viel ungeteilte Aufmerksamkeit ich ihm oder ihr entgegenbringe. Ich kann steuern, welche Prioritaet ich meiner Beziehung einraeume.
Wenn du beim Zuhoeren merkst, dass du deinem Lieblingsmenschen mehr Raum geben koenntest - dann ueberleg: Was moechtest du schenken? Wo moechtest du praesenter sein? Was koennte in deinem Alltag mehr Platz fuer eure Beziehung schaffen?
Ich bin ueberzeugt, dass Liebe noch viele weitere Ebenen hat. Aber ich moechte eine letzte nennen, die ich fuer besonders bedeutsam halte: Liebe ist nicht nur eine Emotion und nicht nur der Raum, den ich einraeume - Liebe ist auch eine Entscheidung.
Ich glaube, das ist es, was reife Beziehungen ausmacht: dass wir uns committen, uns fuer jemanden verpflichten und sagen - das ist der Mensch, fuer den ich mich entschieden habe, und fuer den stehe ich ein. Das bedeutet nicht nur, ihm oder ihr Prioritaet zu geben. Es bedeutet auch, schwierige Momente auszuhalten, bereit zu sein, gemeinsam durch Krisen zu gehen, die zu jeder Beziehung gehoeren. Und es bedeutet, an sich selbst und an der Beziehung zu arbeiten.
Commitment ist etwas, das ich selbst in der Hand habe. Ich kann entscheiden, wie stark ich mich meinem Lieblingsmenschen gegenueber verpflichte. Wie sieht es bei dir gerade damit aus? Bist du bei einer soliden 10 - oder irgendwo bei einer 5? Schau, wo du stehst, und was du tun koenntest, um dich ein Stueck mehr zu committen - damit die naechste schwierige Phase, die bestimmt kommen wird, leichter zu durchwandern ist.
Liebe ist ein grossartiges Geschenk. Ich wuensche euch von Herzen, dass ihr euch geliebt und wertgeschaetzt fuehlt - und dass ihr selbst lieben und wertschaetzen koennt. Wenn du gerade das Gefuehl hast, dass dir mehr Liebe fehlt, dann schau dir neben deinen Emotionen gerne die beiden anderen Ebenen an, die wir heute besprochen haben.
Ich bin gespannt, was du unter Liebe verstehst. Schreib mir gerne eine E-Mail. Ich freue mich, von dir zu hoeren. Bis zum naechsten Mal. Dein Thorsten.