Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo ihr Lieben und herzlich willkommen bei "Gut in Beziehung" - eurem Paartherapie-Podcast. Ich heisse Thorsten Koecher und ich freue mich riesig, dass du hier bist und mithoerst.
Wenn ihr schon eine Weile in einer Beziehung seid, dann kennt ihr das vielleicht auch: das Gefuehl, in eine Rolle gedraengt zu werden.
Ich kann mich noch gut an eine Diskussion erinnern, die ich mit meiner Frau Dorothee hatte. Das ist schon Jahre her, da waren unsere Kinder noch klein. Sie hat den Punkt angebracht, dass sie immer diejenige ist, die fuer Strukturen und Regeln sorgt, waehrend ich der bin, der immer die Spassaktivitaeten mit den Kindern macht. Und sie hatte damit vollkommen recht - ich hatte gar nicht wahrgenommen, dass sie sich in diese Rolle gedraengt gefuehlt hat. Ich fand es naemlich total super, mit den Kindern rumzutoben, coole Aktivitaeten auszudenken, mit ihnen zu schnitzen, Bogen zu schiessen oder Tiere zu beobachten. Das war genau mein Ding und ich habe es sehr gerne gemacht. Alles andere war mir dann weniger wichtig - und meine Frau hatte das Gefuehl, dass all das andere an ihr haengen bleibt.
Dieses Sich-in-eine-Rolle-gedraengt-Fuehlen gibt es in ganz vielen Lebensbereichen, in ganz kleinen und in ganz grossen Dingen. Es gibt zum Beispiel Paare, bei denen immer einer fuer Geburtstage und Geschenke zustaendig ist, waehrend der andere das grundsaetzlich vergisst. Es gibt Beziehungen, in denen immer einer derjenige ist, der redet und auf Kommunikation geht - waehrend der andere eher schweigt und ruhig ist.
Ich habe in den letzten Podcast-Folgen schon ein paar Mal vom Paar-Mobilier oder dem Beziehungsmobilier erzaehlt. Ihr koennt euch das so vorstellen, dass ihr beide miteinander in einem Mobile haengt: Wenn ihr euch bewegt, bewegt sich euer Partner auf der anderen Seite mit. Das Ziel in diesem System ist es, dass es in der Waage bleibt, am Schweben bleibt, sich frei bewegen kann und nicht aus dem Gleichgewicht geraet.
Deswegen ist es in vielen Lebensbereichen vollkommen in Ordnung, wenn man unterschiedliche Rollen besetzt - wenn man damit dafuer sorgt, dass dieses Beziehungssystem stabil und in der Waage bleibt.
Das Paar-Mobilier unterliegt natuerlich Veraenderungen. Diese Veraenderungen koennen von aussen kommen, wenn sich etwas in eurem Umfeld veraendert - zum Beispiel wenn einer von euch eine neue Arbeit beginnt. Sie koennen aber auch von innen kommen, wenn einer von euch beschliesst, sich persoenlich weiterzuentwickeln und neue Dinge auszuprobieren. Das bedeutet auch, dass wir immer wieder gefordert sind, das Beziehungsmobilier im Gleichgewicht zu halten und hin und wieder gegenzusteuern.
Genau das passiert, wenn ich einen Pol besetze. Wenn ich also derjenige bin, der immer die Spassaktivitaeten mit den Kindern macht, dann sorgt das dafuer, dass meine Partnerin auf der Gegenseite diejenige sein muss, die fuer Struktur und Ordnung sorgt - damit das Mobile im Gleichgewicht bleibt. Diese Rolle zu besetzen ist etwas, das ich ganz automatisch gemacht habe. Ich habe nicht darueber nachgedacht. Und ich schaetze, dass auch du die Rollen, die du besetzt, automatisch eingenommen hast - einfach weil es dir liegt, genau das zu tun.
Wir haben haeufig nicht im Kopf, dass es, wenn ich eine Rolle in meiner Beziehung besetze, immer dafuer sorgt, dass mein Partner sich gezwungen fuehlt, den Gegenpart einzunehmen. Das wird besonders deutlich, wenn zwei Menschen versuchen, denselben Pol zu besetzen, ohne dass es einen Gegenpol gibt. Wenn meine Frau genauso versucht haette, den Spassfaktor in unserem Familienleben zu besetzen, waere die Frage gewesen: Wer besetzt dann den Gegenpol? Wer sorgt fuer mehr Struktur und Regeln in unserer Familie? Vielleicht waere das auf der Strecke geblieben - oder es haette einen riesigen Streit gegeben, weil wir vom anderen erwartet haetten, dass er diese Rolle ausfuellt.
In den Konfliktgespraechen, die wir dann fuehren, hoeren wir haeufig Dinge, die auf unserer Schattenseite liegen. Wir hoeren Vorwuerfe ueber Dinge, die uns gar nicht bewusst sind - Dinge, wo wir ungern hinschauen. Regeln und Strukturen sind fuer mich als freiheitsliebenden Hobby-Opportunisten vielleicht auch nicht gerade mein Ding. Deswegen schaue ich da ungern hin und ueberlege selten, was da zu tun oder zu verbessern waere.
Und dadurch, dass diese Vorwuerfe auf unserer Schattenseite liegen - da, wo wir nicht gerne hingucken, da, wo wir unsere eigenen Fehler und Schwaachen weniger klar sehen -, koennen wir diese Vorwuerfe weniger gut annehmen, als wenn sie auf unserer Sonnenseite liegen wuerden. Das sorgt auch dafuer, dass wir besonders schnell und besonders weit in den Widerstand gehen. Und es sorgt dafuer, dass wir zurueckschlagen: Warum bin denn unbedingt ich derjenige, der immer die Spass- und Freizeitaktivitaeten fuer unsere Familie organisieren muss? Warum machst du das denn nicht mal? Dann haette ich vielleicht auch mehr Ruhe und Zeit, mich auf Regeln und Strukturen einzulassen.
In diesen Konflikten geht es immer um meinen Standpunkt und um den Standpunkt meiner Partnerin oder meines Partners. Es gibt zwei Individuen, die sich gegenueberstehen - und das Wir-Gefuehl tritt in den Hintergrund.
Ich glaube aber, dass genau das die Loesung ist: dass ich mir bewusst werde, dass ich in einem Beziehungsmobilier lebe und dass mein Verhalten immer auch das Verhalten meiner Partnerin oder meines Partners provoziert. Wenn ich das weiss, kann ich sehen, dass es Bereiche gibt, in denen wir uns prima ergaenzen - in denen wir super die Balance in unserem Beziehungsmobilier hinbekommen. Und ich sehe aber auch Bereiche, in denen es vielleicht eine Disbalance gibt, weil ich eine Rolle besetze und meine Partnerin oder mein Partner damit gezwungen ist, den Gegenpol zu besetzen.
Wenn ich das weiss - wenn ich das Wir in den Vordergrund stelle statt das Ich und Du -, dann kann ich anfangen, eine Loesung zu erarbeiten. Das ist der Weg, den wir immer wieder gehen und ueben muessen in unserer Beziehung: vom Ich wieder zum Wir zu kommen.
Der naechste Schritt bedeutet also, dass ich Raum schaffe fuer meinen Partner, dass ich von meinem Pol, von meinem Monopol etwas abgebe, damit mein Partner oder meine Partnerin Raum hat, diese Rolle mit auszufuellen - und sich damit weniger gedraengt fuehlt, in den Gegenpol wandern zu muessen.
Fuer mich bedeutete das: Ich musste etwas von meinem "Indianerhaeuptlings-Monopol" aufgeben. Ich war nicht mehr der Einzige, der sich um den Spassfaktor in unserer Familie gekuemmert hat. Stattdessen haben wir das viel staerker als Paar in Angriff genommen und hatten eine grossartige Zeit miteinander als Familie. Und im Gegenzug hatte ich Raum, mich bei Regeln und Strukturen mehr einzubringen. Das hat die ganze Sache entschaerft und den Konflikt aus der Welt geschafft - indem wir das Wir in den Vordergrund gestellt haben und gesehen haben, dass der andere Platz in diesem Monopol braucht, damit wir als Paar wachsen koennen und nicht nur als Individuen.
Wenn du also das Gefuehl hast, dass euer Paar-Mobilier in einem Lebensbereich aus dem Gleichgewicht geraten ist, dann schau doch mal an, welche Rollen du besetzt - und ob deine Partnerin oder dein Partner sich dadurch gedraengt fuehlt, den Gegenpol zu besetzen, und ob das die Ursache fuer euren Konflikt sein koennte.
Wenn du sagst, ja, das ist so, dann ist der erste Schritt zu ueberlegen: Wie schaffen wir es, beide Bereiche besser zu verbinden? Wo kann ich Raum schaffen, dass meine Partnerin die Rolle, die ich besetze, auch ein Stueck weit uebernehmen kann?
Und wenn du dich in eine Rolle gedraengt fuehlst, dann such ruhig das Gespraech und versuch es mit dem Bild des Beziehungsmobiliers zu erklaeren - dass du das Gefuehl hast, du musst diesen Gegenpol besetzen, weil dein Partner den anderen Pol schon belegt, und dass du dir wuenschst, auch ein Stueck weit Anteil an dieser Rolle haben zu koennen.
Das war's fuer heute. Ich danke dir, dass du da warst und mir deine Zeit geschenkt hast. Ich hoffe, dass das, was ich hier im Podcast erzaehle, wirklich Mehrwert fuer dich hat und dich in deiner Beziehung voranbringt. Wenn du mehr von mir und meiner Arbeit erfahren moechtest, schau gerne auf meinem Instagram-Profil vorbei. Und ich wuerde mich riesig freuen, wenn du mir eine Bewertung auf iTunes hinterlaesst - das hilft mir, dass dieser Podcast wachsen kann und hoffentlich mehr Menschen Zugang zu diesen Inhalten bekommt und damit Beziehungen verbessert werden koennen. Ich danke dir. Bis zum naechsten Mal. Tschuess.