gut in Beziehung

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Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen

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Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung, deinem Paartherapie-Podcast. Mein Name ist Thorsten Köcher, ich freue mich, dass du zuhörst.

Heute möchte ich mit dir über Grenzen in Beziehungen sprechen. Glückliche und lebendige Beziehungen entstehen immer in einem Spannungsfeld. Wenn es um Grenzen geht, entsteht dieses Spannungsfeld zwischen zwei Polen: zwischen ganz starren Grenzen auf der einen Seite und überhaupt keinen Grenzen auf der anderen.

Die Grenzen des Partners zu respektieren ist ein Liebesbeweis im Alltag und eine wirklich wertschätzende Geste. Wenn du mit deinem Partner eine glückliche und lebendige Beziehung führen möchtest, kommt es darauf an, dass ihr eure Grenzen gegenseitig kennt und respektiert. Dafür möchte ich mir mit dir drei verschiedene Arten von Grenzen anschauen.

Grenzen setzen bedeutet, einen Strich zu ziehen zwischen dem, was einem selbst gehört, und dem, was gemeinsam geteilt wird.

Besonders deutlich wird das bei territorialen Grenzen – also bei den Räumen, die ihr besetzt und die euch gehören. Ich kann mich zum Beispiel sehr darüber aufregen, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme und im Flur alles Mögliche herumsteht. Ich bin der Meinung, das ist mein Flur und der gehört aufgeräumt. Dabei vergesse ich völlig, dass dieser Flur in den Stunden davor jemand anderem gehört hat – nämlich meinen Kindern. Und die haben überhaupt kein Problem damit, in ihrem Flur ihre Sachen abzustellen.

Ein anderes Beispiel ist unser Küchentisch. Meine Frau und ich haben kein Arbeitszimmer. Ich habe einen kleinen Schreibtisch im Wohnzimmer und meine Frau erledigt ihren Papierkram immer am Küchentisch. Dieser Küchentisch gehört dann ihr – und sie reagiert natürlich ärgerlich, wenn noch die Schalen vom Frühstück daraufstehen.

Genau wie beim Beispiel im Flur sind wir zwar immer der Meinung, das ist unser Ort, an dem wir arbeiten können. Dabei übersehen wir manchmal, dass es ein Ort ist, der von mehreren Menschen zu unterschiedlichen Zeiten besetzt wird. Das führt zu Streit, weil der eine meint, seine Grenzen werden nicht gewahrt – und der andere gar nicht sieht, dass der Ort nicht nur ihm allein gehört.

Wenn man das nicht auflöst, hat man genervte Kinder oder eine genervte Partnerin oder einen genervten Partner, die immer das Gefühl haben, jemand respektiert ihre Grenzen nicht. Das Resultat ist regelmäßig, dass wir jemanden haben, der meint, seine Grenzen werden nicht respektiert – und auf der anderen Seite jemanden, der gar nicht versteht, warum der andere so sauer reagiert.

Es macht deshalb Sinn, sich das genau anzuschauen. Wenn ihr in einer Wohnung oder einem Haus lebt, schaut euch an: Welche Orte besetze nur ich? Welche Orte besetzt meine Partnerin? Welche Orte besetzen vielleicht die Kinder? Und welche Orte sind in wechselndem Besitz – werden also von mehreren Menschen gleichzeitig oder zu unterschiedlichen Zeiten genutzt?

Wenn das für alle klar und eindeutig ist, ist es viel leichter, Grenzen zu respektieren und Rücksicht aufeinanderzunehmen. Wenn ihr geklärt habt, welche Orte ihr besetzt, solltet ihr darüber ins Gespräch gehen: Was darf auf dem Küchentisch stehen? Was darf im Flur bleiben? Und wie wollt ihr geteilte Räume so nutzen, dass alle sich darin wohlfühlen?

Der zweite Bereich, in dem Grenzen setzen wichtig ist, sind Rollen und Aufgaben in der Partnerschaft. Die Verteilung von Aufgaben in einer Beziehung ist ein großes Thema, aber es gibt einige Grundsätze, die ihr beachten solltet.

Macht euch klar, in welchen Bereichen ihr gerne unterwegs seid, welche Aufgaben euch gut liegen und welche ihr gerne übernehmen würdet. Dann setzt euch zusammen und prüft, ob das mit den Vorstellungen eures Partners übereinstimmt. Es gibt immer wieder Aufgaben, die niemand gerne übernimmt – und darum geht es dann, sie gerecht zu verteilen.

Ein großer Punkt, an dem es häufig kippt, sind unausgesprochene Erwartungen. Wenn beispielsweise der eine Partner erwartet, dass der andere sich immer um die Autoreparatur kümmert, ohne dass ihr jemals darüber gesprochen habt, entsteht Frust. Es ist daher wichtig, nicht nur über die Aufgaben zu reden, die ihr gerne übernehmt, sondern auch über alle Erwartungen, die ihr aneinander habt.

Es gibt auch Aufgaben, die ihr paritätisch verteilt – für die ihr beide zuständig seid. Bei uns kochen meine Frau und ich beide für die Familie. Wer nicht kocht, hilft mit, indem er den Tisch deckt oder den Salat schneidet. Aber den Hut hat immer derjenige auf, der kocht.

Ich glaube, dass es ein Schlüssel zum Wahren von Grenzen bei Rollen und Aufgabenverteilung ist, darüber zu sprechen und sich in die zweite Reihe einzureihen, wenn man weiß, dass der andere diese Rolle innehat.

Wenn ihr Rollen neu verteilt, denkt daran, dass neue Rollen auch eine neue Anerkennungskultur benötigen. Was man lange als selbstverständlich genommen hat, ist dann plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Wenn dein Partner anfängt, den Rasen zu mähen, obwohl das immer deine Aufgabe war, ist es wichtig, das zu loben, anzuerkennen und wertzuschätzen.

Kommunikation über Grenzen und Rollen ist so wichtig, weil Handlungen, über die nicht gesprochen wurde, nicht als hilfreich erlebt werden, sondern als Grenzüberschreitung. Wenn du für den Garten zuständig bist und dein Partner anfängt, dort Wege anzulegen, ohne dass ihr darüber gesprochen habt, signalisiert das nicht „Ich helfe dir" – sondern eher: „Du bist mir zu langsam, ich halte dich nicht für kompetent, ich will den Garten so haben, wie ich ihn möchte." Und das provoziert Streit und Frust auf beiden Seiten.

Der dritte Bereich, in dem du Wertschätzung zeigen kannst, indem du die Grenzen deines Partners akzeptierst und respektierst, sind Werte und Vorstellungen. Paare haben häufig eine große Schnittmenge an gemeinsamen Werten, aber das ist nicht immer der Fall und gilt nicht für alle Bereiche. Spätestens in der Kindererziehung fangen die Meinungen an auseinanderzudriften.

Wenn du das Gefühl hast, dass dein Partner häufig über deine Grenze geht, ist der erste Schritt, eine Überschrift zu finden: In welchem Bereich fühle ich meine Grenzen verletzt? Ist es die Kindererziehung? Habe ich das Gefühl, beim Urlaub immer nachzugeben? Geht es um Werte wie Ordnung oder Fleiß?

Wenn du dein Thema gefunden hast, überlege dir drei Dinge: Erstens, was gut läuft – wo du das Gefühl hast, deine Grenze wird gewahrt, du wirst gesehen, es funktioniert. Zweitens, wo du kompromissbereit bist – Dinge, die vielleicht nicht ganz so laufen, wie du dir vorstellst, mit denen du aber leben kannst. Und drittens, was deine No-Gos sind: Wo hast du das Gefühl, dein Partner geht hier über deine Wertegrenze hinweg, verletzt deine Werte – und das ist etwas, was du nicht länger akzeptieren möchtest.

Wenn du das für dich geklärt hast, kommt es darauf an, das zu kommunizieren und deinem Partner bewusst zu machen. In meiner Praxis habe ich sehr häufig festgestellt, dass es dem anderen gar nicht bewusst ist, dass er über die Grenze seines Partners geht, wenn es um Werte geht.

Ich finde, unterschiedliche Werte in einer Beziehung können sehr bereichernd sein – aber eben nur dann, wenn man sich bewusst ist, wie der andere tickt und wo seine Grenzen liegen.

Lass mich kurz zusammenfassen: Wenn du eine glückliche und lebendige Beziehung führen möchtest, gehört es dazu, die Grenzen deines Partners zu wahren und auch darauf hinzuweisen, wenn deine eigenen Grenzen überschritten werden. Wir haben drei Ebenen angeschaut, auf denen Grenzüberschreitungen stattfinden können: Die territorialen Orte, die wir besetzen und beanspruchen. Die Rollen und Aufgaben, in denen wir unterwegs sind. Und die Werte, die wir in unsere Beziehung mitbringen.

Der Schlüssel – wie so häufig, wenn es um Beziehung geht – ist, dass wir anfangen, darüber zu reden. Dass wir sagen, wenn wir das Gefühl haben, unsere Grenze wird nicht gewahrt, wir werden nicht gesehen, jemand läuft in unser Territorium hinein oder verletzt die Werte, für die wir stehen. Wenn wir das tun, geben wir unserem Partner die Chance, uns mit mehr Wertschätzung zu begegnen – und wenn wir gut zuhören, haben wir genau diese Möglichkeit.

Ich danke dir herzlich fürs Zuhören. Wenn du mehr von mir oder meiner Arbeit wissen möchtest, schau doch mal auf meinen Instagram-Kanal. Das war es für heute. Bis zum nächsten Mal.

Über diesen Podcast

Eine Beziehung ist wie ein Weg mit vielen Wegbiegungen – manchmal führt er bergauf, manchmal durch unwegsames Gelände. Doch auch wenn sich Paare zeitweise verlaufen oder der gemeinsame Pfad unklar wird, gibt es immer die Möglichkeit, neue Richtungen einzuschlagen.

In diesem Podcast begleite ich euch dabei, eure Beziehungsdynamiken zu verstehen und bewusste Entscheidungen für euren gemeinsamen Weg zu treffen. Ob es um Kommunikation geht, um das Spannungsfeld zwischen Nähe und Freiraum oder um alte Muster, die sich immer wieder zeigen – hier findet ihr systemische Perspektiven und praktische Impulse für mehr Klarheit in eurer Partnerschaft.

Die Natur spielt dabei eine besondere Rolle. Sie zeigt uns, dass Wachstum Zeit braucht, dass Veränderung natürlich ist und dass auch nach schwierigen Phasen neue Möglichkeiten entstehen können.

Jede Episode bringt euch konkrete Erkenntnisse mit, die ihr direkt in euren Alltag integrieren könnt – ohne Patentrezepte, aber mit fundierten Ansätzen aus der systemischen Paartherapie.

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Den Beziehungscheck und weitere Impulse findet ihr auf https://www.thorsten-koecher.de/beziehungscheck/utm_source=podcast&utm_medium=podcastbeschreibung

von und mit Thorsten Köcher

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