Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo und herzlich willkommen, Du hörst gut im Beziehung.
Ich heiß Thorsten, ich bin Natur- und Paar-Therapeut und ich freue mich riesig, dass Du hier bist
und mitzuhörst.
Heute geht es um den verborgenen Dialog in uns, der oft entscheidet, ob wir Nähe
zulassen oder blockieren.
In meiner Praxis kann ich manchmal etwas beobachten, dass auf den ersten Blick Paradox
erscheint.
Da sind zwei Menschen, die sich nahe sein möchten, die Sehnsüchte haben und die auch
benennen können und die es aber trotzdem nicht schaffen, zueinander zu finden, weil
es da etwas gibt, was blockiert und manchmal haben das beide und manchmal hat es nur einer
der Partner.
Und häufig ist es so, dass man diese Blockaden an den gleichen Stellen wahrnimmt.
Eine Klientenfamilie hat z.B. tiefe Gespräche mit ihrem Partner vermisst und sie hat angefangen
alle möglichen Bücher zum Thema Kommunikation zu lesen und hat daraus auch Wert vor der
Erkenntnisse für sich mitgenommen und versuchte umzusetzen.
Aber immer dann, wenn es irgendwie privater wurde, wenn es um Themen ging, die sie wirklich
beschäftigen, immer dann hat sie gemerkt, kann sie da irgendwie nicht über ihren eigenen
Schatten springen.
Das Problem liegt also nicht in dem, was wir sehen können, sondern in dem, was im Verborgenen
liegt und was uns da blockiert.
Etwas, das ich besonders hilfreich empfinde mit der Arbeit mit diesen inneren Blockaden
ist, wenn wir uns vor Augen führen, dass wir alle keine einheitlichen Persönlichkeiten
sind, sondern dass wir ein Zusammenspiel von unterschiedlichen Subpersönlichkeiten oder
inneren Anteilen sind.
Und diese Anteile, die alle in uns leben, die können unterschiedliche Bedürfnisse, unterschiedliche
Werte und unterschiedliche Ziele haben.
Diese inneren Anteile, die haben wir alle schon mal gespürt, nämlich dann, wenn wir eine Ambivalenz
wahrnehmen, wenn ich das eine möchte, aber gleichzeitig auch das andere möchte, dann
merke ich, dass da zwei innere Anteile in mir sprechen und miteinander ringen.
Diese Arbeit mit innen Anteilen, die finden wir in ganz verschiedenen Therapierrichtungen
und unterschiedlichen Konzepten, zum Beispiel im IFS, also Internal Family Systems, in der
Teilerarbeit, in der Ego-State-Arbeit, in der Chemotherapie und so weiter, in ein Bereichen
taucht das auf und es scheint etwas Universales zu sein, dass man davon ausgeht, dass wir
eben nicht aus einer Persönlichkeit, sondern aus mehreren Persönlichkeiten bestehen.
Und du kannst dir jetzt ein bisschen so vorstellen, als hätten wir eine innere Bühne.
Und auf dieser Bühne gibt es unsere Persönlichkeitsanteile als Darsteller.
Und jeder dieser Anteile spielt eine eigene Rolle, hat eine eigene Stimme auf dieser Bühne.
Einige Anteile, die stehen mitten im Rampenlicht und sind ganz präsent in der einen Situation
und andere Anteile stehen eher im Schatten und sind manchmal auch überhaupt gar nicht
sichtbar.
Die sichtbaren Anteile, das was wir gut wahrnehmen können, das sind unsere Sehnsüchte, unsere
Wünsche und unsere bewussten Ziele.
Ich will mehr näher spülen.
Ich will mich besser verstanden fühlen.
Weil das sind Aussprüche von Anteilen, die wir wahrnehmen können.
Und Anteile, die wir gut wahrnehmen können, die uns nahe sind, die kennen wir gut, die
können wir benennen, die können wir beschreiben und da können wir auch differenzieren zwischen
Wünschen, Emotionen und Zielen von diesen einzelnen Anteilen.
Und es gibt eben auch Anteile, die uns oft nicht bewusst sind.
Und das Entscheidende ist aber, dass sie mit agieren.
Sie stehen mit auf der Bühne und haben ihre Rolle und bringen sich ein, auch wenn das
für uns häufig nicht sichtbar ist, weil sie ihm nicht im Rampenlicht stehen.
Vielleicht steht also hinter dem Anteil, der sich mehr nähe wünscht, ein zweiter Anteil,
der näher als bedrohlich empfindet.
Vielleicht steht neben dem Anteil, der sich besser verstanden werden will, aber auch
ein Anteil, der lieber recht behalten möchte.
Diese Anteile, die wir dann in solchen Situationen eher nicht wahrnehmen, die sind meistens in
Situationen entstanden, wo es darum ging, uns zu schützen.
Und das ist mir jetzt ganz wichtig, diese unsichtbaren Anteile, die wir als Blockade wahrnehmen,
das sind keine Feinde, sondern die haben eine wichtige Schutzfunktion.
Die sind aus gutem Grund entstanden.
Die agieren nach ihrer eigenen inneren Logik, aber immer mit unserem Wohlergehen im Fokus.
Und die brauchen genauso Verständnis wie alle anderen Anteile, die wir uns tragen.
Und ich will an dieser Stelle nochmal mit einem Missverständnis aufräumen.
Blockaden sind nicht immer ein riesiges Traumata.
Blockaden können ganz alltäglich sein.
Das kann Erschöpfung sein, die meine emotionale Präsenz verhindert.
Das kann nach einem langen Arbeitstag die unerfüllte Sehnsucht nach Bewegung sein.
Das ist vielleicht das Bedürfnis nach kurzen Phasen des Alleinseins, wenn ich einen anstrengenden
Tag hatte oder ich viele Menschen um mich herum hatte.
Eine Klientin von mir hat sich mehr nähe gewünscht und hatte auch das Gefühl, dass
sie hier eine große Blockade spürt und sie hat in dieser Blockade ganz massive Beziehungsprobleme vermutet.
Und als wir in die Arbeit gegangen sind und diese innen Anteile externalisiert hatten,
war ganz deutlich, dass es gar nicht darum geht, dass es eine Schieflage in der Beziehung gibt,
sondern dass es einfach nur um Erholungszeit geht.
Und dass der Gedanke da war, wenn ich mich jetzt auf mehr Nähe einlasse, bedeutet es,
ich habe einfach weniger Schlaf und weiß nicht, wie ich dann durch den nächsten Tag kommen kann.
Bei der Arbeit mit unseren inneren Anteilen oder wenn wir Blockaden merken,
dann fangen wir häufig an, an einem eher ungünstigen Hebel zu arbeiten.
Wir versuchen nämlich einen Weg zu finden, wie wir die Blockade ignorieren können
und gleichzeitig unsere Sehnsucht, das was sie uns wünschen, so groß machen können,
dass es einen Weg gibt, wie wir das leben können.
Also, wir drücken stärker aufs Gaspedal, während einer unsichtbare Hand immer noch die Bremse festhält.
Und das funktioniert nicht, weil ihr stärker mein innerer Anteil, der sich nach etwas sehnt,
auf meiner inneren Bühne agiert, umso stärker wird der Widerstand des anderen Anteils, der dagegen steuert.
Der sagt, lasst uns das lieber sein lassen.
Und dieser blockierende Anteil, der führt sich noch weniger gesehen und noch weniger verstanden.
Und es führt häufig dazu, dass wir uns erschöpfen, in diesen erfolgtosen Versuchen unsere Sehnsucht irgendwie doch zu leben.
Was hilft ist, den Fokus zu verlagern, von der Sehnsucht zu dem Anteil, der blockiert.
Also nicht, wie kann ich endlich mehr Nähe leben, sondern, was hält mich eigentlich davon ab, mehr Nähe zuzulassen.
Und in der Stelle möchte ich dir drei Übungen für Zuhause mitgeben.
Das sind drei ganz kleine Übungen, die kannst du immer und überall machen.
Immer dann, wenn du eine Blockade spürst, wenn du das Gefühl hast, es gibt eine Sehnsucht
und es gibt einen zweiten Anteil, der nicht zulässt, dass diese Sehnsucht geliebt werden darf.
Die erste Übung.
Den inneren Anteil, den du als Blockade wahrnimmst, bekommen heißen.
Das heißt, wenn du diesen Anteil spürst, dann halt inner, atme mal bewusst hinein und frag dich,
lieber innerer Anteil, was versuchst du gerade zu schützen?
Wofür bist du da?
Die zweite Übung legt dich zu einem Perspektivweg sein und die kannst du gut im Freien machen.
Stell dich an einen Ort, zum Beispiel irgendwo in der Natur im Freien, der deine Sehnsucht repräsentiert.
Nimm bewusst wahr, wie sich das anfühlt.
Und danach bewege dich zu einem Ort, der die Blockade repräsentiert.
Und dann schau mal, was sich in deiner Wahrnehmung verändert.
Was ist anders und welche Einsichten ergeben sich daraus?
Mit der dritten Übung will ich dich zu einem Dialog zwischen dein inneren Anteil einladen.
Schreib einen Brief in der Rolle dieses blockierenden Anteil
und schreib diesen Brief mit deinem sehnsüchtigen Anteil als Adressaten.
Was wurde dein blockierender innerer Anteil gerne mitteilen wollen?
Welche Bedenken hat er?
Und dann schreibst du diesen Brief und schaust, wo du damit hinkommst.
Bei Schreiben manchmal nicht so einfach ist, es hilft einfach anzufangen und
einzelne Worte, einzelne Sätze, einzelne Gedanken aus Papier zu bringen.
Die Frage ist natürlich auch, wie kriegen wir diese inneren Anteile denn in der Parttherapie besser integriert?
Und ich arbeite gerne mit Anteilen, also mit der Anteile Arbeit an sich
und ich benutze häufig das Konzept des inneren Themes.
Es ist mal von Friedemann Schulz von Tune integriert worden
und die Grundidee ist, dass diese inneren Anteile, diese verschiedenen Stimmen, die wir hören,
ein Team bäden und jede Stimme, jede Anteil ist ein einzelnes Teammitglied.
Und das Ziel ist eben nicht, einzelne Teile loszuwerden, so wie wir gerne eine Blockade loswerden würden,
sondern, dass sie alle da sein dürfen und sich gegenseitig ergänzen
und dass in diesem Team dadurch auch so was wie Synergieeffekte entstehen.
Und wie in jedem guten Team gibt es da eine Struktur, es gibt einen inneren Teamleiter.
Das ist unser bewusstes, reflektiertes Ich.
Es gibt Stammspieler, die wir super gut kennen.
Das sind meistens auch unsere Sehnsüchte.
Es gibt Ersatzspieler, die nur selten mal zum zukommen.
Es gibt Verbandespieler, die wir eher verdrängen oder die wir da gar nicht haben wollen.
Und es gibt auch sowas wie heimliche Mitglieder.
Anteile, die im Hintergrund agieren, ohne dass wir das merken.
Und die Vision ist, dass wenn wir das aufstellen und das ausführen und gucken,
welche Anteile gibt es denn da eigentlich und welche Funktionen haben die,
dass es da nicht mehr einen Kampf zwischen den inneren Anteilen gibt.
Dass jeder Anteil gesehen und gehört wird, sich wertgeschätzt fühlen kann
und sich einbringen kann in einer hoffentlich dann produktiveren und sinnvolleren Art und Weise.
Und wenn das entsteht, dann gibt es ein gemeinsames Ziel.
Und das könnte zum Beispiel sein, wie geht eine erfüllte Beziehung und innere Sicherheit.
Und dafür brauchen wir ein Dialog mit unseren inneren Anteilen.
Ich will dich ermutigen, dass kleine Schritte in Richtung innerer Dialog große Veränderungen in eurer Beziehung bewirken.
Und ich will auch noch mal daran erinnern, dass die Blockaten, die ich spüre, ja immer auch eine Außenwirkung haben.
Und dass wenn ich das Gefühl habe, ich blockiere und kann zum Beispiel nie nicht so gut leben, wie ich das gerne möchte,
dass das natürlich auch für meine Partnerin spürbar ist.
Und dass das vielleicht auch verunsichern kann und dass dadurch Dynamiken entstehen, die wir vielleicht gar nicht wollen.
Und übrigens, wenn du tiefer in diese Thematik eintauchen möchtest,
in den kommenden Wochen gibt es einen Online Workshop Streiten ohne Gewinner,
indem wir diese Dynamiken auch nochmal aufgreifen und genauer betrachten.
Mehr dazu findest du in den Show notes.
Ich freue mich, wenn diese Episode für dich hilfreich war,
du einen Blick auf deine inneren Anteile, die dich blockieren werfen konntest.
Und ich freue mich auch, wenn du diesen Podcast abonnierst, bewertest und mit Freunden und Verwandten teilst.
Es grüßt und winkt dein Torsten.
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