Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung. Ich freue mich riesig, dass du hier bist und mir zuhörst.
Ich habe vor kurzem ein Buch gelesen, das sich Essentialismus von Greg McKeown nennt. Dieses Buch ist eigentlich für den beruflichen Kontext geschrieben worden, aber ich habe so viele Parallelen zum Thema Beziehung gefunden, dass ich dachte: Ich muss eine Podcast-Episode darüber aufnehmen.
Das Buch lässt sich in einem Satz zusammenfassen: weniger, aber besser.
McKeown beginnt das Buch damit zu erzählen, wie es ihm als Jurastudent ergangen ist. Er hat irgendwann eine Liste geschrieben mit all den Dingen, die er tun würde, wenn er die totale Freiheit hätte – und interessanterweise stand sein Jurastudium nicht darauf. Ein paar Wochen später zog er die Reißleine, orientierte sich um, zog von London nach Kalifornien und fing an zu unterrichten.
Und hier beginnt die erste Parallele: Denn wir können uns genauso gut fragen, was wir in unseren Beziehungen und in unserem Leben verändern würden, wenn wir die absolute Freiheit hätten. Wie oft würden wir uns sehen, was würden wir miteinander unternehmen, wenn wir keine Rücksicht nehmen müssten auf all die Dinge, die uns im Alltag einengen?
Essentialismus ist eine neue Form des Minimalismus. Es geht darum, wirklich nur noch die Dinge zu tun, die wichtig und von Bedeutung sind. Weniger, aber besser. McKeown schreibt, nur wenn wir einen starken Fokus auf wenige Dinge legen, können wir wirklich etwas bewegen. Sonst verzetteln wir uns und versuchen es allen anderen recht zu machen.
Er sagt auch, dass Essentialismus die Grundvoraussetzung für Erfolg ist. Er bezieht sich dabei auf die Arbeitswelt: Wir haben Erfolg mit einer Sache, übernehmen dann immer mehr Verantwortung, nehmen noch einen Klienten an, übernehmen noch eine Aufgabe – bis es so viel wird, dass wir die Sache, die uns eigentlich zum Erfolg geführt hat, aus den Augen verlieren.
Und auch hier gibt es eine großartige Parallele zum Thema Beziehung. Wir verlieben uns, und der andere Mensch ist das Wichtigste in unserem Leben, wir können nicht genug Zeit miteinander verbringen. Irgendwann kehrt der Alltag ein, das Arbeitsleben kommt dazu, vielleicht Kinder – und plötzlich denkt man daran, dass man noch den Kuchen fürs Kitafest backen muss oder beim Umzug des Kumpels helfen soll. So viele Aufgaben, die irgendwie wichtig sind, aber dazu führen, dass wir unsere Beziehung aus den Augen verlieren.
Wenn du es gerne anders machen möchtest, hilft es vielleicht, dich an den drei Grundannahmen des Essentialismus zu orientieren.
Die erste Grundannahme: Du hast die Wahl, wo du deine Energie und Zeit einsetzt. Du entscheidest das.
Die zweite Grundannahme: Fast alles ist unwichtig – nur sehr wenige Dinge sind wirklich wichtig.
Die dritte Grundannahme: Kompromisse sind notwendig. Wir können nicht alles haben oder alles tun, wir müssen uns entscheiden.
Ein hartes Nein erfordert Mut. Ich glaube, es ist sinnvoller, selbst Grenzen zu setzen, als sie von anderen aufgezeigt zu bekommen. Denn wenn ich Ja sage zum Kitafest oder zum Umzug, sage ich ein Stück weit auch Nein zu meiner Beziehung. Dann setzt mir mein Freund oder die nette Erzieherin in der Kita eine Grenze in meiner Beziehung – auch wenn das gar nicht so gewollt war.
McKeown beschreibt, wie man das umsetzt: in drei Schritten.
Der erste Schritt ist das Erforschen. Sich auf den Weg machen, herausfinden, was alles da ist – was davon wirklich wichtig ist und was man weglassen könnte.
Der zweite Schritt ist das Eliminieren: Das Streichen, was belanglos ist und nicht weiterbringt.
Der dritte Schritt ist die Ausführung: Das tun, was noch auf der Liste steht, wo man Prioritäten gesetzt hat.
Ich habe das gelesen und mir vorgenommen, drei Viertel meiner Jahresziele zu streichen. In meinem Bullet Journal standen 33 Ziele – für mein privates Leben, mein Beziehungsleben und mein Familienleben. Die ersten Dinge ließen sich noch relativ leicht streichen. Aber die zwölfte, dreizehnte und zwanzigste Sache wegzustreichen war wirklich hart. Es hat mir aber gezeigt, wie wichtig es ist, Prioritäten zu setzen. Ich hatte das Gefühl, Energie in so viele Teilbereiche strecken zu müssen, dass ich unterm Strich nicht wirklich vorankam. Das Zusammenstreichen auf ein Viertel hat sich am Ende befreiend angefühlt – auch wenn es an der ein oder anderen Stelle wirklich weh getan hat.
Der erste Schritt – das Erforschen – bedeutet auf die Beziehung übertragen: Wir machen uns Gedanken darüber, was uns als Paar wirklich gut tut. Das geht nur im Dialog mit dem Lieblingsmenschen. Wir können natürlich für uns selbst eine Meinung haben, aber wir müssen immer wieder ins Gespräch kommen – darüber reden, wo wir hinwollen und was uns wirklich bereichert.
Für mich und meinen Lieblingsmenschen bedeutet das konkret: Wenn wir Zeit miteinander verbringen, auf Paardates gehen oder einfach zusammen sind, wollen wir so präsent wie möglich sein. Das Handy ist weg, kein Podcast läuft nebenbei, man ist nicht mit anderen Dingen beschäftigt – sondern man nimmt sich wirklich Zeit, nur für den anderen. Ich glaube, das ist etwas, das eine echte Veränderung herbeiführen kann.
Wenn das unsere Hauptpriorität ist, bedeutet es auch, Kleinkram wegzulassen. Wir haben uns zum Beispiel entschieden, dieses Jahr auf große Familienfeste zu verzichten und das kleiner zu organisieren, damit weniger Zeit in der Vorbereitung draufgeht und wir mehr Zeit als Paar haben.
Eliminieren heißt also: Was frisst meine Zeit – und wo könnte ich diese Zeit besser einsetzen? Dabei ist es wichtig, sich auf diesen Prozess einzulassen, sich Zeit zu nehmen, es darf auch mal langweilig sein. Das in Ruhe zu besprechen, zu durchdenken, zu testen. Ein Pilotprojekt draus machen: Tut uns das wirklich gut? Oder müssen wir nochmal umpriorisieren, weil wir Dinge vermissen, die wir dann doch brauchen?
Wenn es darum geht abzuwägen, ob ihr etwas auf eurer Liste behalten wollt oder nicht, hat Derek Sivers es gut auf den Punkt gebracht: Es ist entweder ein „Verdammt ja, ich will!" – oder es ist ein Nein.
Wenn es zur Ausführung kommt, vergessen wir oft, dass wir tatsächlich die Wahl haben, was wir mit unserer Zeit machen. Der Tag hat 24 Stunden, und wir entscheiden selbst – mit allen Konsequenzen – wie wir damit umgehen.
Wenn wir aber das Gefühl haben, im Alltag gefangen zu sein, verstrickt in Ehe, Arbeit, Kindern, Familie, Hobbys und Freunden, verfallen wir häufig in eine von zwei gegensätzlichen Verhaltensweisen.
Die eine ist Passivität: Wir erstarren, ergeben uns in unser Schicksal und hoffen, dass es irgendwann von alleine besser wird. Meistens haben wir ein Szenario im Kopf: „Wenn die Kinder erst aus der Kleinkindphase raus sind, wird es leichter" oder „Wenn das Projekt auf der Arbeit abgeschlossen ist, wird es ruhiger – dann habe ich mehr Zeit für die Beziehung." Aber eigentlich wissen wir auch, dass es so nicht ist. Es bleibt meistens so.
Das Gegenteil davon ist Aktionismus: Wir lesen x-tausend Ratgeber, versuchen mit dem Partner ganz verschiedene Dinge umzusetzen – und merken, dass wir mit dem geringen Zeitbudget, das wir für die Beziehung haben, nicht wirklich vorankommen.
Deswegen ist es so wichtig, sich auf den Weg zu machen und zu überlegen: Wo sind eigentlich meine Prioritäten? Wenn ich diesen Weg gehe, weiß ich irgendwann, dass ich mich aktiv entscheiden muss, dass nur wenige Dinge wirklich wichtig sind, dass ich Kompromisse eingehen und zu vielem Nein sagen muss. Und dieses Nein tut mir gut – weil Nein zu vielen Dingen Ja zu einer Sache bedeutet: zu meiner Beziehung, zu dem Menschen, den ich liebe und zu dem ich Ja gesagt habe.
Dann kann ich mit meiner Zeit sorgfältig auswählen, was mir und meinem Partner wirklich gut tut – und genau das angehen.
Mich hat dieses Buch wirklich zum Nachdenken angeregt, und ich kann es dir hier ganz uneingeschränkt empfehlen. Ich hoffe, du kannst etwas für dich und deine Beziehung aus dieser Episode mitnehmen.
Ich freue mich, wenn du das nächste Mal wieder mit dabei bist. Es grüßt und winkt dein Thorsten.