gut in Beziehung

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Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen

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Hallo und herzlich willkommen bei "Gut in Beziehung". Ich heisse Torsten, ich bin Paartherapeut und freue mich, dass du mir zuhoerst.

Das ist heute der dritte Teil zum Thema Kommunikation aus einer vierteiligen Serie - also die vorletzte Folge zu diesem Thema. Ich freue mich riesig darauf, denn heute wird es persoenlich.

Wenn ihr die ersten beiden Folgen gehoert habt, dann wisst ihr, dass wir ueber das Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun reden. Wir haben in den ersten beiden Folgen bereits zwei Seiten einer Botschaft kennengelernt: die Selbstoffenbarung, also die Ich-Botschaften, die ich mitsende, wenn ich mit meinem Lieblingsmenschen im Gespraech bin, und die Sachseite - mein inhaltlicher Blick auf das Thema, das ich mitsende.

Heute geht es um die Beziehungsseite einer Botschaft. Bis jetzt war das, was wir besprochen haben, immer mehr auf der Seite desjenigen verankert, der erzaehlt. Aber heute wird es persoenlich, denn in der Beziehungsseite geht es darum, wie ich meinen Gespraechspartner sehe und wie ich die Beziehung, die wir miteinander haben, beurteile.

Weil das fuer denjenigen, der zuhoert, sehr persoenlich ist, sind wir es gewohnt, hier besonders genau hinzuhoeren. Das merken wir zum Beispiel daran, dass wir ein Gespraech im Nachhinein Revue passieren lassen und wieder ins Gruebeln kommen - und dabei besonders haeufig auf genau diese Anteile schauen: Was hatte mein Gegenueber ueber mich gesagt? Kann ich mir das zu Herzen nehmen, was ich da gehoert habe, oder bin ich damit nicht einverstanden? Und was meinte mein Gegenueber eigentlich zu unserer Beziehung - was fuer Aussagen waren damit verbunden? Das sind meistens die Themen, die mich in der Retrospektive am allermeisten beschaeftigen.

Auf dieser Beziehungsseite sind zwei Botschaften enthalten: eine Du-Botschaft - so sehe ich dich - und eine Wir-Botschaft - so sehe ich das Verhaeltnis von uns beiden.

Fangen wir mit der Du-Botschaft an. Die Du-Botschaft ist ein Ausdruck des Bildes, das ich mir von meinem Gegenueber gemacht habe. Dieses Bild mache ich mir aber selbst. Das heisst, ich betrachte mein Gegenueber durch meine Brille - und das ist mein Bild, das dabei entsteht. Es muss nicht zwangslaeufig der Wirklichkeit entsprechen, und ich sehe meistens auch nur einen Teilbereich.

Das faellt mir zum Beispiel auf, wenn ich meine Frau von der Arbeit abhole und sie in ihrem Arbeitsalltag erlebe. Da stoss ich auf einen Menschen, den ich gar nicht so gut kenne und der anders ist als zu Hause. Ich merke, dass ich nur einen Teilbereich dessen sehe, was meinen Lieblingsmenschen ausmacht. Und das, was ich nicht sehe, das reime ich mir dann meistens selbst zusammen.

Wenn dieses Bild, das ich mir von meinem Gegenueber mache, stark vom Selbstbild abweicht, das mein Lieblingsmensch von sich hat, dann entstehen Beziehungsstoerungen. Dann gibt es meistens Streit und Konflikte.

Ein Beispiel aus meinem eigenen Leben: Wenn wir in den Urlaub fahren, ist es meiner Frau besonders wichtig, in den Tag hineinzuleben und sich spontan fuer das zu entscheiden, worauf sie gerade Lust hat. Sie selbst erlebt sich dabei als entscheidungsstark und genusspvoll. Als wir jung zusammen waren, hat es auf mich eher unorganisiert gewirkt. Mein Eindruck war: Das ist total unorganisiert. Entspannung ist ja gut, aber ueberhaupt keinen Plan zu haben - das war fuer mich schwer zu verstehen. Ich hatte das Gefuehl, wir verschwenden viel Zeit, anstatt tolle Erinnerungen zu schaffen.

Ihr koennt euch vorstellen, was passiert, wenn zwei Menschen mit so einem unterschiedlichen Bild von derselben Person aufeinandertreffen: mein Bild meiner Frau als eher unorganisiertem Menschen und ihr Selbstbild als entscheidungsstark und lebensfreudig. Das hat bei uns ordentlich gekracht. Und es kracht eben immer dann, wenn mein Bild von meinem Lieblingsmenschen und das Selbstbild, das er oder sie selbst hat, wirklich stark voneinander abweichen.

Es gibt einige Konzepte, die diese Verzerrungen erklaeren. Auf zwei moechte ich kurz eingehen: Projektion und Uebertragung.

Projektion beschreibt Gefuehle und Impulse, die ich an mir selbst nicht mag und die ich mir nicht eingestehen moechte. Diese uebertrage ich dann auf mein Gegenueber und kann sie dort viel leichter ablehnen als bei mir selbst. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass mich die Unordnung meiner Kinder immer zur Weissglut gebracht hat. Und ich weiss, dass das eine Projektion war - denn ich bin selbst in manchen Lebensbereichen aehnlich unordentlich. Ich konnte die Unordnung meiner Kinder verurteilen und sagen: "Das geht so nicht, wir muessen mehr Ordnung schaffen" - ohne auf meine eigenen Defizite schauen zu muessen.

Uebertragungen funktionieren aehnlich, aber der Ursprung ist ein anderer. Hier uebertrage ich nicht eigene, verdraengte Anteile, sondern Erfahrungen, die ich mit anderen Menschen gemacht habe - auf jemanden, der mir gerade gegenueber steht. Weil er mich erinnert: weil die Sprache aehnlich ist, weil sie dasselbe Parfuem tragen, weil die Gestik aehnlich ist, weil mich die Situation erinnert - aus welchem Grund auch immer. Erinnert mich jemand unbewusst an meinen Vater, erwarte ich vielleicht eher Strenge als Waerme. Und das bedeutet, dass ich mich meinem Gegenueber defensiver verhalte, als es eigentlich notwendig waere.

Uebertragung bedeutet also: Ich uebertrage die Erfahrungen, die ich in der Vergangenheit mit jemandem gemacht habe, auf eine andere Person, die mir jetzt gegenueber steht.

Wie gehe ich mit Projektion und Uebertragung um? Das Wichtigste ist, sich bewusst zu machen, was gerade passiert. Das ist manchmal gar nicht so einfach, weil es haeufig unterbewusst ablaeuft. Aber wenn ich merke, dass ich in einer Situation so reagiere, dass es der Situation eigentlich nicht angemessen ist, dann kann ich fragen: Wo kommt das her? Und wenn ich Glueck habe, komme ich mir vielleicht selbst auf die Spur.

Das bedeutet im Umkehrschluss auch: Wer das Ziel von Projektion oder Uebertragung ist, muss nicht alle Gefuehle, die das Gegenueber ihm entgegenbringt, persoenlich nehmen - denn sie betreffen teilweise gar nicht ihn, sondern das Gegenueber selbst oder eine dritte Person. Aber auch das ist leichter gesagt als getan.

Insofern ist es wirklich hilfreich, gut miteinander im Gespraech zu bleiben - ueber das, was man in Gespraechen miteinander erlebt. Und noch ein interessanter Hinweis: Je weniger Selbstoffenbarung in einem Gespraech enthalten ist, desto groesser wird der Spielraum fuer Uebertragungen. Es lohnt sich also, Selbstoffenbarung zu ueben und diesen Anteil in Gespraechen bewusst zu vergroessern. Denn wenn ich viel von mir preisgebe, ist die Chance geringer, dass mein Gegenueber Dinge auf mich uebertraegt.

Ich habe eingangs gesagt, dass wir besonders genau hinhoeren, wenn es um die Beziehungsseite eines Gespraechs geht. Und wenn wir besonders genau zuhoeren, hat das auch Auswirkungen auf unser Selbstkonzept. Wenn ich also immer wieder hoere - explizit oder implizit -, so einer bin ich, dann glaube ich das irgendwann tatsaechlich.

Die wichtigste Stimme, die wir im Erwachsenenleben hoeren, ist die unseres Lieblingsmenschen. Und was wir von ihm immer wieder hoeren, das glauben wir irgendwann auch. Das ist faszinierend - und macht deutlich, was wir unserem Lieblingsmenschen Gutes tun koennen, wenn wir seine positiven Eigenschaften und Staerken betonen. Und es zeigt auch, wie schaedlich es sein kann, wenn ich immer auf Schwaechen, Fehler und Unzulaenglichkeiten abziele.

Was ich immer wieder sage, hat Einfluss auf das Selbstkonzept meines Gegenueber. Und das verselbststaendigt sich. Das Selbstkonzept sorgt fuer Selbstbestaetigung: Dieses "So bin ich also" wird bekraeftigt, indem man gegensaetzliche Erfahrungen vermeidet.

Wenn ich also immer wieder hoere, ich habe keinen Orientierungssinn, dann vermeide ich Ausfluge ohne Navi. Und das wird zur selbsterfuellenden Prophezeiung. Natuerlich verlaufe ich mich - ich habe ja scheinbar keinen Orientierungssinn, das hoere ich immer wieder. Dabei koennte es einfach sein, dass mir die Uebung fehlt, mich in einer fremden Umgebung zurechtzufinden.

Eine andere Form der Selbstbestaetigung ist, dass wir Dinge anders interpretieren. Mein Lieblingsmensch hat keine Lust, mit mir zu schlendern - er will nur sichergehen, dass ich mich nicht verlaufe, weil ich einen so schlechten Orientierungssinn habe. Das waere zum Beispiel eine moegliche Interpretation.

Das geschieht nicht nur auf der kognitiven Ebene, sondern auch mit Emotionen - die wir irgendwann einfach nicht mehr zulassen, weil sie nicht mehr in unser Selbstkonzept passen. Ich hatte eine Klientin, der es sehr schwerfiel, Wut zuzulassen, einfach weil sie sich in ihrer Partnerschaft als ausserordentlich verstaendnisvoll erlebt hatte. Wut war eine Emotion, die fuer sie an dieser Stelle gar nicht mehr fuehlbar war.

In allem, was ich sage, steckt also immer eine Du-Botschaft. Daneben gibt es aber auch eine Wir-Botschaft. Schulz von Thun unterscheidet fuer diese Wir-Botschaften drei grundlegende Beziehungsformen.

Da sind erstens symmetrische Beziehungen - Beziehungen, in denen beide gleichberechtigt sind und dasselbe sagen und aushandeln duerfen. Zweitens gibt es komplementaere Beziehungen: Beide Partner zeigen Verhalten, das sich ergaenzt - der eine fragt, der andere antwortet; der eine plant, der andere fuehrt aus. Und drittens gibt es metakomplementaere Beziehungen: Ich bringe meinen Partner dazu, sich entweder symmetrisch oder komplementaer zu verhalten. Wenn ich zum Beispiel klage, dass ich immer alles selbst entscheiden muss, oeffne ich den Raum dafuer, dass mein Lieblingsmensch sich mehr einbringt und mir Entscheidungen abnimmt. Aber eben nur, weil ich das auf diese Weise ermoeglich.

Wenn wir laenger miteinander in einer Beziehung sind, ist das alles recht eingespielt. Wir wissen, was wir voneinander erwarten koennen. Wir wissen, wann wir symmetrisch miteinander umgehen, wann wir komplementaer agieren.

Wenn neue Situationen entstehen - weil jemand den Arbeitsplatz wechselt, die Kinder ausziehen oder andere grosse Veraenderungen eintreten -, die dazu anregen, das Verhaeltnis zueinander neu zu ueberdenken, dann gibt es neue Verhandlungen. Und die verlaufen meistens eher verdeckt. Sie finden auf Nebenschauplaetzen statt: bei der Urlaubsplanung, bei der Haushaltsfuehrung.

Bei einem Satz wie: "Jetzt, wo die Kinder ausgezogen sind, koenntest du ja mehr im Haushalt helfen" - da geht es vordergruendig um Haushaltsfuehrung. Aber worum es wirklich geht, ist vielleicht die Frage, wie Aufgaben auf Augenhoehe verteilt werden. Und genau das kommt selten zur Sprache.

Dabei gibt es immer verschiedene Moeglichkeiten, auf solche Beziehungsanfragen zu reagieren. Ich kann sie akzeptieren: "Ja, sehe ich genauso, machen wir so." Ich kann sie durchgehen lassen: "Weil du es bist, machen wir das jetzt mal so." Ich kann sie offen zurueckweisen: "Stopp, das sehe ich nicht so, lass uns nochmal darueber reden." Oder ich kann sie schlicht ignorieren - und den anderen damit ein Stueck weit entwerten.

Und dann tragen wir Beziehungsthemen auf der Sachebene aus, sticheln rund um das eigentliche Thema herum und beobachten, welche Auswirkungen das auf die Beziehung hat. Dabei waeren wir viel besser beraten, das offen zu klaeren: Wie stehen wir eigentlich zueinander?

Das Problem dabei ist, dass diese Beziehungsebene haeufig so verknotet ist, dass man das alleine nicht entwirren kann, sondern Hilfe von aussen braucht. Dann geht es darum zu schauen: Wie kommen wir von der Sachebene zu der Frage, wie wir wirklich zueinander stehen? Es geht dann um Selbstoffenbarung - wie nehme ich die Situation wahr, was erlebe ich, was fuehle ich, was wuensche ich mir eigentlich von meinem Gegenueber? Damit sind wir auf der Appellebene.

In den Paartherapiesitzungen, die ich fuehre, dauert es manchmal eine oder zwei Sitzungen, bis man ein Thema so aufgedroeselt hat, dass aus ganz einfachen Saetzen wie "Immer bringe ich die Kinder ins Bett" echte Selbstoffenbarung wird - bis man wahrnehmen kann, was hinter dem Streit steckt, auf die Beziehungsebene schauen und gemeinsam Wuensche und Loesungen entwickeln kann.

Wenn ihr euch also dabei erlebt, dass ihr haeufig Streitthemen habt und immer wieder um dasselbe Thema diskutiert, dann macht es vielleicht Sinn, externe Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Ansonsten lade ich euch dazu ein, das selbst auszuprobieren: Nehmt euch ein Thema, um das ihr euch streitet, und schaut mal, welche Selbstoffenbarung ihr oeffnen koennt - was ihr ueber eure eigene Wahrnehmung sagen koennt, was ihr meint, was das ueber eure Beziehung aussagt, und was ihr euch wuenscht, was fuer euch eine gute Loesung waere.

Das war der dritte Teil zum Thema Kommunikation. Wir haben heute auf die Beziehungsseite geschaut und auf Du- und Wir-Botschaften. Ich hoffe, dass du fuer dich und fuer deine Beziehung viel mitnehmen und in der Zukunft umsetzen konntest.

Wenn dir die Folge gefallen hat, freue ich mich riesig, wenn du sie an Freunde und Bekannte weiterempfiehlst. Es gruessen euch herzlich - euer Thorsten.

Über diesen Podcast

Eine Beziehung ist wie ein Weg mit vielen Wegbiegungen – manchmal führt er bergauf, manchmal durch unwegsames Gelände. Doch auch wenn sich Paare zeitweise verlaufen oder der gemeinsame Pfad unklar wird, gibt es immer die Möglichkeit, neue Richtungen einzuschlagen.

In diesem Podcast begleite ich euch dabei, eure Beziehungsdynamiken zu verstehen und bewusste Entscheidungen für euren gemeinsamen Weg zu treffen. Ob es um Kommunikation geht, um das Spannungsfeld zwischen Nähe und Freiraum oder um alte Muster, die sich immer wieder zeigen – hier findet ihr systemische Perspektiven und praktische Impulse für mehr Klarheit in eurer Partnerschaft.

Die Natur spielt dabei eine besondere Rolle. Sie zeigt uns, dass Wachstum Zeit braucht, dass Veränderung natürlich ist und dass auch nach schwierigen Phasen neue Möglichkeiten entstehen können.

Jede Episode bringt euch konkrete Erkenntnisse mit, die ihr direkt in euren Alltag integrieren könnt – ohne Patentrezepte, aber mit fundierten Ansätzen aus der systemischen Paartherapie.

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Den Beziehungscheck und weitere Impulse findet ihr auf https://www.thorsten-koecher.de/beziehungscheck/utm_source=podcast&utm_medium=podcastbeschreibung

von und mit Thorsten Köcher

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