Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung. Ich bin Thorsten und ich freue mich riesig, dass du zuhörst.
Wie ich in der letzten Episode schon erzählt habe, habt ihr euch gewünscht, dass es mehr um das Thema Kommunikation in diesem Podcast gehen soll. Deswegen gibt es gleich zum Jahresanfang eine vielteilige Serie zum Thema Kommunikation. Ich habe mir dafür das Modell von Schulz von Thun ausgesucht, der über die vier Seiten einer Nachricht spricht. Er beschreibt sehr schön, dass Probleme in der Kommunikation und Streitgespräche häufig entstehen, wenn man sich zu sehr auf eine Seite fokussiert – sowohl beim Sprechen als auch beim Zuhören. Man hört dann die anderen Seiten nicht oder missinterpretiert sie, was zu Verständigungsschwierigkeiten führt.
Die vier Seiten einer Botschaft sind: die Sachebene, der Appell, die Beziehungsseite und die Selbstoffenbarung.
Im ersten Teil habe ich bereits über die Selbstoffenbarung und die Selbstoffenbarungsangst gesprochen. Ich freue mich, wenn du dort noch einmal reinhörst. Kurz zusammengefasst: Selbstoffenbarung bedeutet, dass ich mich vor Verurteilung und Abwertung schützen möchte. Das tue ich, indem ich mich entweder von meiner besten Seite zeige und mich auf Themenfeldern bewege, auf denen ich mich besonders sicher fühle, oder indem ich versuche, meine aus meiner Sicht problematischen Anteile zu verstecken. Das führt dazu, dass ich in meiner Kommunikation nicht authentisch bin.
Ganz häufig ist es in Beziehungen so: Wenn wir harmonisch miteinander umgehen, wenn wir gerade keine großen Krisen haben und keine Streitgespräche führen, dann ist es relativ leicht, authentisch zu sein, weil wir uns wohl und sicher fühlen. In Momenten jedoch, in denen wir Streit haben, wir uns kritisiert fühlen oder uns etwas am Verhalten des Gegenübers nicht passt, fällt es uns deutlich schwerer, authentisch zu sein. Dabei haben wir immer die Freiheit, wir selbst zu sein, wahrzunehmen, was wir fühlen, und zu entscheiden, was wir davon ausdrücken möchten.
In der heutigen Episode geht es um die Sachebene – die zweite Seite einer Botschaft. Sachlichkeit meint dabei einen Informationsaustausch, das Abwägen von Für und Wider, das Einnehmen und Vergleichen unterschiedlicher Standpunkte – ohne dass man gewinnen möchte, das Gesicht wahren will oder eine Rolle spielt. Man ist ganz authentisch dabei und versucht, verschiedene Standpunkte einzunehmen, mit viel Neugier heranzugehen und unterschiedliche Argumente gegenseitig abzuwägen.
Das bedeutet auch, dass alle anderen Seiten der Botschaft wenig Einfluss auf die Sachebene haben sollten. Weder Selbstoffenbarung noch Beziehung noch Appell sollten stark an den Sachthemen rütteln, die ich in einem Gespräch zu erörtern versuche.
In einer Beziehung bedeutet das: Ich bringe meinem Gegenüber Respekt entgegen und bin neugierig auf dessen Sichtweise. Diese Sichtweise hat einen Grund – nämlich die Lebenserfahrung meines Gegenübers, die ich selbst nicht gelebt habe. Wenn wir das zusammennehmen – meine Lebenserfahrung und die meines Lieblingsmenschen – entstehen Synergieeffekte. Gemeinsam kommen wir zu Lösungen und Einsichten, auf die wir allein wahrscheinlich nicht gekommen wären.
Sachlichkeit bedeutet auch, dass zwei Sichtweisen koexistieren können. Wir müssen in einer Partnerschaft nicht immer auf den gleichen Nenner kommen. Wir dürfen unterschiedliche Ansichten haben, uns gegenseitig ergänzen und uns in Punkten widersprechen – und das ist vollkommen in Ordnung.
Was ich hin und wieder beobachte: Wir schießen in unserem Bemühen um Sachlichkeit manchmal über das Ziel hinaus. Wir sind so darauf fokussiert, beim Thema zu bleiben und keine emotionalen Aspekte reinzulassen, dass wir Sätze sagen wie „Das gehört hier nicht her" oder „Lass uns beim Thema bleiben" – obwohl diese Aspekte sehr wohl ihren Platz haben. Denn jeder Standpunkt ist nicht rein sachlich; an ihm kleben immer Emotionen, ganz gleich um welches Thema es geht.
Vielleicht habt ihr das auch schon erlebt: Der Lieblingsmensch kommt mit einem Thema um die Ecke, das nicht zum aktuellen Gespräch zu passen scheint. Wenn man aber die anderen Seiten der Botschaft einbezieht – die Beziehungsebene und die Selbstoffenbarungsebene – dann gehört es sehr wohl dazu. Darin steckt immer eine Botschaft: etwas, das ich gerade übersehe. Es lohnt sich, genau hinzuschauen und neugierig zu bleiben auf das, was das Gegenüber damit mitteilen möchte.
Das beschreibt auch der Grundsatz, den Ruth Cohn so treffend formuliert hat: Störungen haben Vorrang. Damit ist nicht das Handy gemeint, das mitten im Gespräch klingelt – obwohl auch das störend ist. Gemeint ist: Emotionen, die uns daran hindern, beim Sachthema zu bleiben, wollen gesehen werden. Hilfreiche Metafragen können dabei sein: Was macht mich gerade so wütend an dieser Diskussion? Welches Gefühl hindert mich daran, meinen Standpunkt klar zu vertreten?
Wir sind keine Roboter, sondern fühlende Menschen mit einem reichen Erfahrungsschatz. Das verleiht uns einzigartige Standpunkte. Deswegen finden Gespräche nie ausschließlich auf der Sachebene statt.
Wenn wir genauer hinschauen, gibt es drei Aspekte, die wir gleichwertig betrachten sollten. Das S steht für die Sachebene – das Thema, um das es geht. Das Ich steht für meine Gefühle, meine Erfahrungen und meine Ansichten. Und das Wir steht für unsere Beziehung, die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen.
In diesem Gefüge aus S, Ich und Wir kann es zu Störungen kommen. Ein Beispiel: Wenn ich in einem sehr kopflastigen Beruf arbeite, in dem Sachargumenten eine sehr hohe Rolle spielen und Bedürfnisse sowie Emotionen eher eine untergeordnete Rolle haben, dann komme ich nach Hause und versuche, dieses Defizit zu kompensieren – indem ich mich sehr auf das Ich und auf die Beziehung konzentriere und weniger auf der Sachebene bin. Probleme entstehen, wenn man sich genau hier verliert: zwischen den eigenen Bedürfnissen und den Beziehungsanforderungen hin- und herpendelt und das eigentliche Thema – zum Beispiel zu wenig Freizeit oder eine unbefriedigende Sexualität – aus den Augen verliert. Dann findet man häufig keine Lösung. Hier hilft es, die Sachebene wieder einzubeziehen und das eigentliche Thema in den Blick zu nehmen.
Eine weitere Herausforderung auf der Paarebene: Manchmal begegnen wir Themen, die an uns herangetragen werden, sehr halbherzig – weil wir mit unseren eigenen Themen beschäftigt sind. Ein Klassiker: Man kommt nach Hause, wird gefragt, wie es auf der Arbeit war, erzählt halbherzig, der andere hört halbherzig zu. Die eigentlichen Themen, die uns wirklich beschäftigen, bekommen dabei keinen Raum. Zum Beispiel: Wie gehen wir mit dem Arbeitsstress um, und wie wirkt er sich auf unsere Beziehung aus? Oder: Ich habe dich vermisst – wie schön, dass du da bist. Oder: Ich bin total erschöpft, kannst du bitte die Kinder übernehmen? Auch diese Botschaften gehen in halbherziger Kommunikation unter.
Deswegen ist es so wichtig, sich bewusst zu machen, was uns gerade beschäftigt, und anzufangen, darüber zu sprechen. Es gibt echte Sachthemen – zum Beispiel Stress und seine Auswirkungen auf die Beziehung. Solche Themen fördern echte Verbindung. Pseudothemen wie „Wie war's auf der Arbeit?" hingegen behindern eine ehrliche Verbindung. Wir brauchen Themen, um miteinander in Kontakt zu kommen. Nur auf der Beziehungsebene oder im Selbstbezug zu verweilen, führt häufig in eine Sackgasse.
Ein zweites Thema, das im Zusammenhang mit Sachlichkeit häufig angesprochen wird, ist die Verständlichkeit. Schulz von Thun bezieht sich in seinem Buch eigentlich eher auf das Schüler-Lehrer-Verhältnis und darauf, wie Texte verständlicher geschrieben werden können. Auf der Paarebene haben wir dieses Problem in der Regel weniger. Wir kennen uns so gut, dass wir nicht groß interpretieren müssen, wie der andere etwas gemeint hat.
Wenn euch das dennoch schwerfällt und ihr euch häufig missverstanden fühlt, helfen vier Punkte: Erstens Einfachheit – prägnante, aussagekräftige Sätze, möglichst ohne Fachbegriffe, in anschaulicher Sprache. Zweitens eine klare Gliederung – von Punkt A über Punkt B zu Punkt C. Drittens Kürze und Prägnanz – vor allem bei Kernaussagen, die besonders wichtig sind. Und viertens zusätzliche Stimulanz durch Mimik, Gestik, Vergleiche und treffende Metaphern.
Ich hoffe, ihr nehmt mit, dass es bei der Sachebene nicht darum geht, etwas rein logisch zu betrachten, sondern mit viel Neugier und ganzheitlich an ein Thema heranzugehen. Emotionen dürfen – sowohl auf der eigenen Seite als auch auf der Beziehungsseite – mit einfließen. Es geht darum, Standpunkte zu vergleichen und abzuwägen.
Die Sachebene einer Botschaft ist eng verknüpft mit der Selbstoffenbarungsseite. Denn es geht meistens nicht nur um die Sache, sondern auch darum, wie es mir damit geht, wie ich darauf schaue und welchen Blick ich auf die Welt habe. Und auf der anderen Seite geht es auch um uns als Paar – die Beziehungsebene spielt immer eine Rolle. Dazu dann beim nächsten Mal mehr.
Ich hoffe, dir hat dieser Podcast gefallen und du kannst viel für dich und für deine Beziehung mitnehmen. Wenn du mir einen Gefallen tun möchtest, dann bewerte den Podcast. Ich freue mich immer über gute Bewertungen und noch mehr, wenn du ihn weiterempfiehlst – das hilft, dass dieser Podcast von vielen Menschen gehört werden kann und wachsen kann. Danke dafür.
Es grüßt und winkt: dein Thorsten.