Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung. Mein Name ist Thorsten, ich bin Paartherapeut und ich freue mich riesig, dass du mir zuhoerst. Heute ist ein wunderschoener Herbsttag. Ich sitze in dem grossartigen Tonstudio in Ducanweide und blicke auf herbstliches Laub und einen wunderschoenen blauen Himmel. Ich freue mich gerade riesig, hier sein zu koennen und diesen Podcast fuer dich und fuer euch aufnehmen zu koennen.
Und heute geht es darum, wie Bindungsangst deine Beziehung sabotieren kann. Bindungsangst heisst fuer die meisten, die das haben, so ein Gefuehl von: "Ich brauche dich, aber bitte auf Abstand." Naehe bedeutet fuer die meisten Menschen, dass es einen Hafen gibt, in den ich fluechten kann, wenn ich mich einsam und allein fuehle. Und Intimitaet in der Paarbeziehung bedeutet, dass ich einen Teil meiner Unabhaengigkeit aufgebe, damit ich mit einem anderen Menschen verschmelzen kann, dass wir eine Einheit bilden koennen. Und dieses grossartige Gefuehl von Verschmelzung und von Liebe, das ist das, was Naehe transportiert.
Und Menschen mit Bindungsaengsten sehnen sich ebenfalls nach Intimitaet, nach Naehe - und gleichzeitig laesst sie das davon weglaufen. Zu viel Naehe erzeugt Misstrauen, Angst und manchmal auch Wut. Und wenn ihr einen bindungsaengstigen Partner habt, dann habt ihr dieses emotionale Umsichschlagen wahrscheinlich schon einmal erlebt.
Es gibt viele Gruende fuer Bindungsaengste, und am haeufigsten sind Verletzungen in Liebesbeziehungen. Und diese Verletzungen richten in der Kindheit den meisten Schaden an. Aus Kindern, die verletzt wurden, werden dann Erwachsene, die nur schwer vertrauen koennen. Dann nehmen nahezu immer die Befuerchtungen ueberhand, dass sich die Verletzungen aus der Kindheit wiederholen koennten.
In der Verliebtheitsphase ist das meist weniger spuerbar. Da sind wir verliebt und strahlen vor uns hin - da spielt Bindungsangst eine geringere Rolle. Spaeter aber entsteht der Impuls, den Partner, den Lieblingsmenschen wegzustossen, wenn die Naehe zu viel wird. Dann bin ich lieber allein und einsam, als mit jemandem zusammen, der mich moeglicherweise verletzt.
Fuer Menschen, die eine Beziehung mit einem bindungsaengstigen Partner eingehen, kommt dieses Zurueckgestossenwerden meist ganz ploetzlich und unerwartet. Gerade war noch alles gut, und dann gibt es den Knall - alles ist anders und es entsteht eine grosse Distanz. Und wenn ich dann als Partnerin oder Partner versuche, mehr Naehe einzufordern und auf meinen Lieblingsmenschen zuzugehen, macht das die Situation in der Regel nur noch schlimmer.
Es hilft, den inneren Konflikt des bindungsaengstlichen Menschen zu akzeptieren und ihm Raum zu lassen. Dann geht er in der Regel von ganz allein die richtigen Schritte.
Woher weiss ich nun, ob ich ein bindungsaengstlicher Mensch bin oder nicht? Hier ein paar Fragen, an denen du das ableiten koenntest: Beginnst du nach Fehlern bei deiner Partnerin oder deinem Partner zu suchen, wenn er dir zu nahe kommt oder wenn eure Beziehung ernster wird? Stellst du fest, dass du deinen Lieblingsmenschen erst mit Distanz vermisst? Stellst du die Liebe deines Partners oft auf die Probe? Und wenn du auf Abstand zu deinem Lieblingsmenschen gehst: Mit welchen Worten wuerdest du ihn oder sie dann beschreiben? Fallen dir Worte wie "beduerfttig", "fordernd", "klammernd" oder "kontrollierend" ein?
Wenn das so ist, dann ist es moeglich, dass du bindungsaengstlich bist. Und wenn du das Gefuehl hast, das passt auf mich, dann ist die naechste Frage natuerlich: Was mache ich damit? Wie kann ich da Abhilfe schaffen?
Hier kommt ein kleiner Fahrplan, der dir weiterhelfen koennte.
Schritt Nummer 1 ist, deine Bindungsangst achtsam wahrzunehmen. Das heisst, du schaust dir an, was in dir passiert - was passiert bei deinen Emotionen -, ohne dich selbst dafuer zu verurteilen. Ein Werkzeug, das dir dabei helfen kann, ist ein Tagebuch mit zwei Listen. Eine Seite fuer alle Gedanken, wenn du Naehe gut zulassen kannst. Und eine Seite fuer Gedanken und Emotionen, wenn dir das schwerfaellt und du eher auf dem Rueckzug bist.
Wenn du diese Listen ein paar Tage oder ein paar Wochen gefuehrt hast und wieder reinschaust, wirst du feststellen, wie unterschiedlich beide Seiten sind. Einmal hast du mit deinem Lieblingsmenschen auf der Couch gekuschelt und dich dabei richtig wohlgefuehlt. Und das andere Mal war es dir viel zu eng und du hast ueberlegt, die Nacht allein auf der Couch zu schlafen. Du wirst merken, dass du in aehnlichen Situationen ganz unterschiedliche Reaktionen hast - je nachdem, ob deine Bindungsangst aktiv ist oder nicht.
Schritt Nummer 2 waere, Bindungsmuster zu identifizieren. Kinder suchen zuerst Sicherheit und Geborgenheit. Etwas spaeter fangen sie dann an, ihre Umwelt zu erkunden - immer mit dem sicheren Bewusstsein, jederzeit in den sicheren Hafen der Eltern zurueckkehren zu koennen. Solche Kinder wachsen zu Erwachsenen heran, die mit beidem gut umgehen koennen: mit Naehe und mit Distanz.
Stoerungen in dieser Eltern-Kind-Beziehung koennen Bindungsaengste verursachen. Wenn Eltern nicht berechenbar sind oder kindliche Beduerfnisse uebergehen, entstehen Verletzungen, die einen sicheren Umgang mit Naehe und Distanz erschweren oder unmoeeglich machen.
Und an dieser Stelle eine Triggerwarnung: Es kann sein, dass dich die folgende Uebung ueberfordert. Aber wenn du dir zutraust, auf die Wurzeln deiner Bindungsangst zu schauen, dann moechte ich dich einladen, darueber nachzudenken oder es aufzuschreiben - und dabei so konkret wie moeglich zu werden. Also: Wie alt warst du damals? Welche Personen waren anwesend? Was genau ist dir passiert? Und wer oder was haette dir damals helfen koennen? Vielleicht wurde dir gesagt, was du denken oder fuehlen sollst. Und spannend ist auch die Frage, wann das alles aufgehoert hat.
Erinnerungen an schmerzhafte Ereignisse sind manchmal schwer auszuhalten. Hol dir also unbedingt Hilfe, wenn du da nicht allein hinschauen moechtest. Es waere wichtig hinzuschauen, um zu verstehen, welche Verletzungen heute noch fuer dein Verhalten verantwortlich sind.
Jetzt hast du eine Idee davon, wie Bindungsangst in deinem Beziehungsalltag aussieht. Und du hast auch eine Idee, wo deine Bindungsangst herkommen koennte. Der naechste Schritt ist, Ausloeer zu identifizieren, die dich in deiner Beziehung sabotieren.
Es ist gut, sich diesen Wechsel genau anzuschauen - von "schoen, dass du da bist" zu "lass mich bitte allein". Meistens meinen wir, dass unser Lieblingsmensch der Grund ist, warum wir in unserer Wahrnehmung kippen. Aber eigentlich ist es die Angst in uns, die das Kippen ausloest.
Die Frage dabei ist: Wo entsteht das Gefuehl, dass ich die Kontrolle aufgebe? Das ist ein bisschen Detektivarbeit, aber ich finde sie sehr lohnend. Genau hinzuschauen: Was passiert? Woher kommt das Gefuehl, jetzt bin ich weniger maechtig, weniger Herr der Lage - und das verursacht Angst in mir? Und meistens setzt genau dann Selbstsabotage ein. Das bedeutet: Ich mache Dinge, die dazu fuehren, dass ich gar nicht anders kann, als Distanz zwischen mir und meinem Lieblingsmenschen entstehen zu lassen.
Die Frage ist also: Wann und wodurch bringst du deinen Lieblingsmenschen dazu, mehr Intimitaet und Naehe zu erwarten, als du ertragen kannst? Und eine weitere interessante Frage ist, ob das in anderen Lebensbereichen auch so ist. Gibt es Bereiche, in denen du mehr versprichst, als du halten kannst?
In deiner Beziehung passiert Selbstsabotage haeufig dann, wenn du mehr Naehe versprichst, als du am Ende halten kannst. Also wenn du deinen Lieblingsmenschen zum Beispiel zu einem romantischen Wochenendtrip einlaedst, aber gar nicht aushaeeltst, wie nah ihr euch dann seid. Und diese Selbstsabotage schuetzt uns auf ihre Weise. Wir wecken Erwartungen, die wir nicht erfuellen koennen. Unser Gegenueber wird verletzt, zieht sich zurueck - und wir sehen uns in unserer Verletzung erneut bestaetigt. Das ist der Kreislauf, der dann entsteht.
Ich glaube, dass die Schritte bis hierhin schon eine grosse Wirkung haben und sich damit schon viel veraendert. Wenn du einen Schritt weitergehen moechtest, dann waere es, dass du Naehe zulaesst - trotz Angst. Dass du dich ganz bewusst dafuer entscheidest, deinen Lieblingsmenschen nicht wegzustossen, sondern aus deiner Komfortzone herauszutreten und dich bewusst einzulassen. Und es hilft, dabei offen zu kommunizieren und klare Grenzen zu setzen - am besten gleich von Anfang an.
Ein guter Zeitpunkt dafuer sind die Grauzonen. Beziehungsaengste verlaufen haeufig in Wellen: Es faengt damit an, dass ich meinen Charme einsetze, um meinen Lieblingsmenschen fuer mich zu gewinnen und dafuer zu sorgen, dass mein Partner, meine Partnerin, mir gerne nahe sein moechte. Und dann beginnt diese Grauzone, in der ich mich langsam eingeengt fuehle und anfange, an der Beziehung zu zweifeln - und die ersten Bewegungen weg von meiner Partnerin oder meinem Partner mache.
Das ist der Moment, in dem man sich ganz bewusst einlassen kann, wenn man das moechte. Frag dich also: Ist das gerade meine Bindungsangst, die ich spuere - dieses Gefuehl, dass alles ein bisschen zu eng wird? Und kannst du diese Angst ein bisschen kleiner machen, wenn du dich auf Naehe einlaesst?
Das ist ein Uebungsprozess, in den du einsteigen und mit dem du wachsen darfst.
Wenn du also das Gefuehl hast, du koenntest Bindungsangst haben, dann moechte ich dich herzlich dazu einladen, mit dem ersten Schritt anzufangen: noch einmal achtsam bewusst wahrzunehmen, wann du im Alltag deine Bindungsangst spuerst und wann nicht. Und diese Methode mit dem Tagebuch, die ich vorhin erwaehnt habe, die ist bewaehrt und wirklich hilfreich.
Ich hoffe, dass dir das ein Stueck weit weiterhilft. Und ich freue mich, wenn du naechste Woche wieder mit dabei bist. Es gruesst und winkt dein Thorsten.