Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung. Mein Name ist Thorsten, ich bin Paartherapeut, und ich freue mich, dass du dabei bist.
Heute geht es um das Thema Deep Talk: Wie schaffen wir es, tiefgruendigere Gespraeche miteinander zu fuehren?
Ich bin ueberzeugt, dass die Qualitaet der Gespraeche, die wir miteinander fuehren, einen enormen Einfluss darauf hat, wie die Qualitaet unserer Beziehung ist. Und wir kennen das bestimmt alle: Wenn man eine Weile miteinander in Beziehung ist, wenn man sich lange kennt, werden die Gespraechsthemen weniger. Ganz egal, ob es um Freundschaften geht oder um romantische Beziehungen - irgendwann kennt man sich so gut, dass man intensive, tiefe Gespraeche eher selten fuehrt.
Dazu kommt der ganze Stress, den man im Alltag hat, der dazu fuehrt, dass es ganz viel um Organisation geht und ganz wenig um Beziehung oder um Romantik.
Und Intimitaet - das Gefuehl von Naehe, das Gefuehl, etwas mit jemandem zu teilen, das ich sonst mit niemandem teile - das entsteht, wenn wir tiefgreifende Gespraeche fuehren. Das entsteht durch Deep Talk.
Aber lasst uns damit anfangen, was Intimitaet denn eigentlich ist. Denn Intimitaet umfasst viel mehr als nur koerperliche Naehe. Es ist das Teilen von Gefuehlen, von Naehe, von Gedanken, von Traeumen. Und wenn ich das teile, wenn ich mich selbst offenbare, dann entsteht dadurch eine Naehe, die ganz besonders ist fuer eine Beziehung, fuer die Verbindung zwischen zwei Menschen.
Und klar: Wenn wir darueber nachdenken, was eine Beziehung stark und tiefgruendig macht, sind es bestimmt auch die gemeinsamen Erlebnisse, die man hatte, die Abenteuer, die man zusammen erlebt hat. Aber der Kitt, das was das zusammenhaelt, das ist die Intimitaet.
Lasst uns kurz einen Blick auf zwei Studien werfen, die mit vollkommen unterschiedlichen Ansaetzen zu den gleichen Ergebnissen gekommen sind. Das Ergebnis ist der Schluessel dazu, wie wir es schaffen, mehr Intimitaet in unsere Beziehung zu holen.
Die erste Studie ist von Slatcher und Pennebaker aus dem Jahr 2006. Sie haben Paare in zwei Gruppen geteilt: Die eine Gruppe sollte ihren Alltag aufschreiben, die andere Gruppe sollte darueber reflektieren, welche Emotionen und Gefuehle sie haben, wenn sie mit dem anderen Partner zusammen sind. Die Forscher haben auch beobachtet, welche Texte und Nachrichten diese Paare hin und her schicken. Und sie haben festgestellt, dass Menschen, die in Selbstreflexion gehen, ihre Emotionen auch eher mitteilen. Und dieses Mitteilen von Emotionen hat dazu gefuehrt, dass die Paare in der Regel zusammengeblieben sind - im Gegensatz zu den Paaren, die sich ueber ihren Alltag ausgetauscht haben.
In einer anderen Studie haben sich Barrett und Rowan angeschaut, wie Intimitaet in Ehen entsteht - bei Menschen, die schon lange miteinander zusammen sind. Auch sie haben sich die Nachrichten angeschaut, die Paare miteinander teilen, und haben hinterher ausgewertet, wann sich die Paare besonders nah gefuehlt haben. Auch hier war das Ergebnis: Immer dann, wenn sich jemand selbst offenbart hat, entstand Intimitaet. Und: Die empfundene Intimitaet ist einer der wichtigsten Indikatoren dafuer, wie gluecklich und zufrieden Paare miteinander sind.
Das heisst, tiefgreifende Gespraeche zu fuehren ist nicht nur etwas, das wir uns romantisch vorstellen, sondern das ist tatsaechlich ein Schluessel dazu, wie wir gluecklich in unseren Beziehungen sein koennen.
Der wichtigste Praediktor, anhand dessen ich vorhersagen kann, ob Intimitaet entsteht oder nicht, ist Selbstoffenbarung.
Warum ist Selbstoffenbarung der Schluessel zu mehr Intimitaet? Wenn wir tiefgruendige Gespraeche fuehren, haben wir die Chance, uns auf einer tiefen emotionalen Ebene zu oeffnen - ehrlich ueber unsere innersten Gefuehle zu sprechen, ueber unsere Aengste, ueber unsere Sorgen, aber auch ueber unsere Traeume. Wenn wir Selbstoffenbarung riskieren, machen wir uns auch verletzlich. Und diese Verletzlichkeit fuehrt dazu, dass wir sehr wertschaetzend miteinander umgehen. Sie symbolisiert, dass ich meinem Gegenueber vertraue. Und nur wenn dieses Vertrauen da ist, habe ich die Chance, mich so zu oeffnen.
Wenn ich mich oeffne, wenn ich dem anderen zeige, wie es mir wirklich geht, gebe ich meinem Partner die Chance, mich wirklich zu verstehen, mich wirklich zu sehen, so wie ich bin. Und ich glaube, das ist das, was Intimitaet befoerdert.
Die groesste Huerde - gerade wenn man schon ein bisschen laenger zusammen ist - ist der Alltag, der Zeitmangel. Wenn der Tag so vollgepackt ist, dass keine Zeit fuer tiefgreifende Gespraeche bleibt, muss ich mir diese Zeit aktiv schaffen.
Und wenn ich jemanden schon sehr lange kenne, kann mir der Fehler unterlaufen zu meinen, es sei schon alles gesagt und ich kenne den anderen schon so gut, dass ich nicht mehr viel an Tiefgruendigkeit erwarten kann.
Eine weitere Huerde kann die Angst sein, verletzt zu werden. Sich jemandem zu oeffnen kann beaengstingend sein - besonders wenn Konflikte in der Beziehung schwelen und man befuerchtet, angreifbar zu sein. Meine Erfahrung als Therapeut ist allerdings genau das Gegenteil: Wenn wir uns verletzt zeigen, hat das Gegenueber in der Regel viel Verstaendnis fuer uns und hoert uns mehr zu als sonst.
Haeufig sind es auch Kommunikationsschwierigkeiten: Ich wuerde mich gerne oeffnen, aber ich weiss nicht, was ich sagen soll.
Wenn wir die Gruende kennen, ist es relativ leicht, Loesungen abzuleiten. Wir muessen uns Zeit nehmen fuer tiefe Gespraeche - die finden selten nebenbei statt. Vielleicht muss ich einen Babysitter organisieren oder wir muessen irgendwo hinfahren, damit wir tatsaechlich Zeit fuereinander haben. Vielleicht muessen wir Atmosphaere schaffen, uns ans Lagerfeuer setzen oder spazieren gehen, um gut miteinander ins Gespraech zu kommen.
Vielleicht kann ich selbst anfangen - damit anfangen zu erzaehlen, wie es mir gerade geht. Ganz ohne Kritik und ohne Vorwuerfe, sondern nur von den Dingen, die mich gerade bewegen und beschaeftigen. Und ich kann meinen Lieblingsmenschen einladen, mir zuzuhoeren und dabei zu sein.
Vielleicht hat aber auch mein Gegenueber Lust, etwas von sich zu zeigen. Dann ist es an mir, empathisch zu sein und aktiv zuzuhoeren: Ich bin dabei, ich halte Blickkontakt, ich frage nach, ich nicke, ich fasse zusammen - damit mein Gegenueber das Gefuehl hat, wirklich gehoert zu werden. Das ist aktives Zuhoeren, und das befoerdert Naehe.
Und wenn ihr nicht wisst, wie ihr anfangen sollt, habe ich fuer euch 20 Fragen zusammengestellt, die ihr in den Shownotes findet. Nehmt euch eine Frage mit, beantwortet sie beim naechsten Zusammensein und schaut zu, dass ihr Naehe und Intimitaet herstellt - denn das ist einer der wichtigsten Schluessel fuer eure Beziehung.
Ich wuensche euch ganz viel Erfolg und ganz viel Spass dabei, miteinander ins Gespraech zu gehen und euch wieder naeherzukommen. Bis zum naechsten Mal, euer Thorsten.