Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung. Ich bin Thorsten und freue mich, dass du heute dabei bist.
Heute moechte ich mit dir ueber eine Strategie reden, die Paare und Menschen in Beziehungen haeufig einsetzen, wenn sie miteinander streiten. Es geht um Stonewalling.
Verschiedenheiten und Konflikte treten in jeder Beziehung auf, aber nicht alle Menschen koennen gleich gut damit umgehen. Stonewalling ist haeufig eine Strategie, die dann eingesetzt wird, wenn man sich emotional ueberfordert fuehlt. Und auch Stonewalling ist eine Form von Kommunikation, denn man kann nicht nicht kommunizieren. Wenn ich mauere und schweige, dann ist das ebenfalls eine Botschaft an meinen Partner.
Stonewalling ist also ein Schutzmechanismus oder eine Kommunikationsstrategie, die sich durch Mauern auszeichnet. Es geht ums Schweigen, ums Nichtantworten, darum, den Konflikt zu verlassen und sich zurueckzuziehen. Und das kann fuer eine Beziehung natuerlich problematisch sein. Denn wenn ich mauere und stonewalle, produziere ich keine Loesung und lasse den anderen mit seiner Frustration und seinem Mitteilungsbeduerfnis allein.
Das Spannende dabei ist: Stonewalling passiert meistens nicht, weil man dem anderen etwas Boeses will, sondern weil man sich hilflos fuehlt. Die meisten Menschen, die mauern oder stonewallen, sind so sehr von Emotionen ueberflutet, dass sie gar nicht anders koennen, als sich zurueckzuziehen. Ganz gleich, ob das aeusserlich sichtbar ist oder ob es sich innerlich und emotional abspielt.
Besonders interessant ist die Paardynamik, die entsteht, wenn Menschen, die stonewallen, zusammen sind mit Menschen, die Verlustangste haben. Und das kommt haeufiger vor, als man denken wuerde. Dann entsteht diese Dynamik: Der eine zieht sich zurueck, und der andere fordert umso mehr Naehe ein. Derjenige, der mehr Naehe verlangt, bleibt auf der Forderungsseite. Derjenige, der sich zurueckzieht, bleibt auf der Rueckzugsseite. Es sei denn, man findet eine andere Form, miteinander zu reden.
Sehr haeufig fuehlt sich dadurch beide Partner ueberfordert und suchen nach Auswegen. Und das Stonewalling steht dabei im Weg.
Vielleicht habt ihr schon herausgehoert, dass Stonewalling nicht nur negative Aspekte hat, sondern auch positive haben kann. Beide Seiten moechte ich in dieser Episode beleuchten. Ich stelle drei Pro- und drei Kontraargumente gegenueber.
PRO-ARGUMENTE: Was spricht fuer Stonewalling?
Das erste Argument ist Selbstschutz und Emotionsregulierung. Gerade wenn Auseinandersetzungen sehr hitzig sind und die Emotionen hochkochen, ist es besser, sich zurueckzuziehen, bevor man etwas sagt, das man hinterher bereut. Es ist also gar nicht verkehrt, einen Schritt zurueckzutreten, einmal durchzuatmen und dann wieder in die Kommunikation einzutreten. Aber genau das ist der Punkt: Man muss dann auch wieder eintreten.
Das zweite Argument ist die Vermeidung von Eskalation. Meistens sind Streitgespraeche schon so automatisiert, dass man ganz genau weiss, welche Argumente hin und her geworfen werden und wo man am Ende landet. Bevor es eskaliert, zieht man sich lieber zurueck. Auch hier gilt: Wer eine Diskussion verlaesst, um zu deeskalieren, muss hinterher zurueckkommen und nach anderen Wegen suchen.
Das dritte Pro-Argument: Manchmal braucht man schlicht Zeit, um sich zu sammeln, zu reflektieren und nach Loesungen zu suchen.
KONTRA-ARGUMENTE: Was spricht gegen Stonewalling?
Das erste Argument gegen Stonewalling ist ganz offensichtlich: Es ist eine Kommunikationsbarriere. Wer mauert, kommuniziert schlecht bis gar nicht. Stonewalling gilt als einer der vier apokalyptischen Reiter nach Gottman und erhoeht die Wahrscheinlichkeit, dass eine Beziehung nicht von Dauer ist.
Das zweite Argument ist das Gefuehl der Zurueckweisung. Da ist jemand mit einem Anliegen, moechte es besprechen, und der andere mauert und laesst ihn stehen. Natuerlich fuehlt man sich dann nicht gesehen und nicht wertgeschaetzt.
Das dritte Argument gegen Stonewalling: Es laesst Dinge unausgesprochen. Und unausgesprochene Dinge koennen dazu fuehren, dass es erst recht eskaliert und man in einer Eskalationsspirale bleibt.
Es geht mir nicht darum, ob Stonewalling falsch oder richtig ist. Mir geht es darum, wie man es veraendern kann, wie es seltener wird und fuer beide Seiten besser tragbar werden kann.
WEGE AUS DEM STONEWALLING
Ich glaube, der sicherste Ausweg aus Stonewalling ist, wenn man seine Beweggruende kommuniziert, auf beiden Seiten. Der erste Weg: im Streit selbst sagen, warum man sich zurueckzieht. Zum Beispiel: Das macht mich gerade so wuetend, ich gehe kurz raus, beruhige mich und dann koennen wir weiterreden. Oder: Das Thema ueberfordert mich gerade, ich brauche eine halbe Stunde zum Nachdenken.
Der zweite Weg: Im Vorfeld festlegen, was der Rueckzug bedeutet. Manchmal streiten wir so intensiv, dass ich rausgehen muss. Das bedeutet nicht, dass ich dich sitzen lasse, sondern dass ich Zeit zum Nachdenken brauche. Ich komme zurueck.
Darueber hinaus koennt ihr praeventiv an euren Kommunikationsfaehigkeiten arbeiten. Ueberlegt gemeinsam: Wann sind euch schwierige Gespraeche gut gelungen? Was hat dazu beigetragen? Und koennt ihr diesen Rahmen wiederholen?
Zusammengefasst: Wenn ich meine Beweggruende offenlege und kommunizieren kann, dann ist das, was andere vielleicht noch als Stonewalling bezeichnen wuerden, fuer den anderen gut tragbar. Ich lade euch ein, das auszuprobieren. Bis zum naechsten Mal, euer Thorsten.