Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung. Mein Name ist Thorsten, ich bin Paartherapeut und ich freue mich, dass du mir zuhoerst.
Heute soll es um Territorien und Grenzen gehen. Dass wir unsere persoenlichen Grenzen wahren und schuetzen wollen, das scheint uns irgendwie angeboren, denn wenn jemand unsere Grenzen ueberschreitet, dann reagieren wir auch koerperlich darauf. Unser Herzschlag wird schneller, wir verkrampfen vielleicht, und wir merken, wie unangenehm es sich anfuehlt, wenn jemand in unseren Bereich, ueber unsere Grenze, tritt.
Solche Grenzueberschreitungen koennen Blicke sein, das kann mein persoenlicher Raum sein, in dem ich mich wohlfuehle, das kann die Naehe zu jemandem sein, Beruehrung - all das sind Dinge, auf die wir mitunter aggressiv reagieren, wenn wir das als Grenzueberschreitung wahrnehmen.
Und diese Grenzueberschreitungen nehme ich nicht nur fuer mich selbst wahr, sondern auch fuer die Menschen, die zu meiner Familie gehoeren. Wenn also jemand die Grenzen meiner Kinder oder die Grenzen meiner Frau ueberschreitet, greife ich ein und reagiere meistens ganz automatisch, ohne gross darueber nachdenken zu muessen.
Wir moegen also keine Grenzueberschreitung. Das Gegenteil davon fuehlt sich aber genauso unangenehm an, naemlich nicht beachtet zu werden. Nicht beachtet zu werden, vielleicht wie Luft behandelt zu werden - auch das verletzt uns, und das ist auch eine Form eines feindlichen Aktes.
Wir wollen also beides: Wir wollen auf der einen Seite einen geschuetzten Raum, unseren Platz haben, und wir wollen auf der anderen Seite aber auch genuegend Beachtung finden. Und wir kennen beide Gefuehle ganz gut. Wir wissen, seit wir klein sind, wie es sich anfuehlt, wenn jemand ueber unsere Grenzen laeuft - wenn ein Geschwisterkind uns das Spielzeug wegnimmt zum Beispiel - und wir wissen auch, wie es sich anfuehlt, wenn wir nicht beachtet werden, wenn wir uns ausgeschlossen fuehlen.
Wir haben gelernt, damit umzugehen und ganz individuelle Reaktionen darauf zu entwickeln. Dass wir Menschen dazu neigen, unseren Raum zu verteidigen, kann man gut bei Fussballspielern beobachten. Man hat festgestellt, dass die Spieler der Heimmannschaft einen deutlich hoeheren Testosteronspiegel haben als die Gastemannschaft. Wir neigen also dazu, unseren Raum zu verteidigen - dafuer muss ich agil sein, dafuer muss ich schnell sein, und deswegen haben Heimspieler einen hoeheren Testosteronspiegel.
Interessanterweise spielt das ueberhaupt keine Rolle, wenn wir frisch verliebt sind. Dann geht es darum, Partnerschaft auszuloten, sich als Paar zu finden und dafuer Raum zu schaffen. Alle anderen Interessen, auch das Interesse, den eigenen Raum zu schuetzen, treten erst einmal zurueck.
Und meistens ist es so, dass wir nach dieser Verliebtheitphase mehrere Entdeckungen machen. Um drei dieser Entdeckungen soll es jetzt gehen.
Irgendwann stellen wir fest - das ist die erste Entdeckung -, dass es neben dem Paarraum mit Gemeinsamkeiten und Naehe auch einen individuellen Raum gibt, den jeder Partner fuer sich beansprucht. Es gibt also Zeit zu zweit und Zeit fuer sich. Das sind Dinge, die wir in dem Moment, wo wir frisch verliebt waren, noch nicht bemerkt hatten.
Und es laesst sich erweitern: Es gibt auch gemeinsame Ueberzeugungen und gemeinsame Gewohnheiten, die sich mit der Zeit entwickeln, und es gibt individuelle Gewohnheiten und Ueberzeugungen. Und es gibt eigene Prioritaetenlisten und gemeinsame Prioritaetenlisten.
Im Alltag bedeutet das, dass vieles davon abhaengt, wie sehr ich die Grenzen, die der andere hat und setzt, respektiere und wie achtsam ich damit umgehe. Es ist also wichtig, dass ich mir die Erlaubnis einhole, wenn ich den individuellen Raum meines Partners betrete. Es ist also nicht in Ordnung, einfach so mal im Handy meines Lieblingsmenschen zu scrollen oder in die Taschen zu schauen, weil das seine oder ihre Raeume sind und ich dort nicht einfach eindringen darf, ohne vorher gefragt zu haben.
Und es ist ganz klar, dass der andere sich verletzt fuehlt oder sich wehrt, wenn er das bemerkt. Wenn ich das aus Versehen mache, habe ich manchmal das Gefuehl, dass mein Gegenueber ueberreagiert. Aber das liegt daran, dass manche Bereiche so zu einem Menschen gehoeren, dass es schon fast koerperlich wehtut, wenn jemand dort ueber die Grenze laeuft.
Mir geht es zum Beispiel so, wenn jemand meine heiss geliebte Kamera benutzt, ohne mich vorher zu fragen. Das sind Dinge, bei denen ich am liebsten hinrennen und jemandem die Kamera aus der Hand nehmen wuerde und sagen: Nein, das ist meine. Und solche Bereiche haben wir alle - Bereiche, in denen wir sehr darauf bedacht sind, dass Dinge uns gehoeren und Grenzen nicht ueberschritten werden.
Das bedeutet, dass ich darauf achten muss, die Raeume und Grenzen meines Partners genauso zu respektieren wie koerperliche Grenzen.
Die zweite Entdeckung, die wir dann machen, ist, dass wir persoenliche Bereiche haeufiger mit anderen teilen. Das faengt bei der Temperatur im Schlafzimmer an und hoert vielleicht bei der Ordnung in der Kueche wieder auf. Ich muss also damit leben, dass bestimmte Raeume und Territorien hin und wieder den Besitzer wechseln.
Und immer dann, wenn so etwas passiert und ich mir nicht bewusst bin, dass jetzt jemand anderes in diesem Raum das Sagen hat, reagiere ich verletzt und empfinde das als grenzueberschreitend. Meistens ist es aber so, dass ich einfach nicht auf dem Schirm hatte, dass wir uns diesen Raum teilen.
Und mit geteilten Raeumen meine ich nicht nur die Raeume, die wir tatsaechlich bewohnen, wie das Schlafzimmer oder die Kueche, sondern auch Zeitraeume. Also zum Beispiel: Wie verbringen wir den Sonntagabend? Wohin fahren wir in den Urlaub? Wer sitzt heute am Steuer? All das sind Fragen, in denen wir Bereiche abgeben und Bereiche fuer uns einnehmen.
Mein Territorium ist also ein Teil meiner Persoenlichkeit, und ich will mich in meinem Raum sicher und wohl fuehlen. Das funktioniert nicht, wenn ich nicht im Blick habe, dass wir uns bestimmte Lebensbereiche miteinander teilen.
Vor vielen Jahren haben meine Frau und ich beschlossen, dass ich zu Hause bei den Kindern bleibe, mich um den Haushalt kuemmere und meine Frau arbeiten geht. Das haben wir fuer ungefaehr ein Jahr gemacht, und es war fuer mich und die Beziehung zu meinen Kindern sehr wertvoll. Ich weiss aber auch, dass meine Frau ganz schoen gelitten hat, weil es fuer sie schwer auszuhalten war, wenn ich Dinge in der Kueche veraendert habe, von denen sie im Kopf hatte, dass es ihre Orte sind. Das zeigt noch einmal, wie wichtig es ist, im Kopf zu haben, dass man sich Raeume teilt und dass es zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Besitzer eines Raumes geben kann.
Und das fuehrt uns zur dritten Entdeckung: Wenn wir festgestellt haben, dass wir die gleichen Raeume beanspruchen, bedeutet das, dass wir flexible Absprachen miteinander brauchen, damit das irgendwie funktionieren kann. Ich muss also wissen, wer was wie wann und wo macht und wer wann den Hut aufhat. Wer hat also das Sagen, wer bestimmt die Spielregeln, was darf der andere tun, was darf er nicht tun?
Mein Lieblingsmensch und ich haben zum Beispiel komplett unterschiedliche Arten aufzuraeumen, und das funktioniert bei uns nur, wenn wir uns die Raeume aufteilen oder wenn der eine so handelt, wie der andere es moechte. Sonst kommen wir einfach nicht vom Fleck. Es ist also ganz wichtig, dass wir Absprachen haben, damit etwas so Banales wie Aufraeumen funktionieren kann.
Und wenn wir keine flexiblen Absprachen zustande bringen, entstehen Ambivalenzen, die frustrieren und belasten. Ein paar Beispiele: Ich moechte, dass mein Lieblingsmensch regelmaessig kocht und sich beteiligt, aber ich moechte, dass die Kueche danach so aussieht, wie ich mir das vorstelle. Oder: Ich moechte, dass mein Lieblingsmensch sich um die Kinder kuemmert, aber ich moechte, dass die Erziehungsmethoden meine sind.
Mit solchen Ambivalenzen hat das Gegenueber immer die Moeglichkeit zu sagen: Ich steige da jetzt wieder aus, weil ich mich gar nicht richtig beteiligen kann, wenn du mich nicht laesst. Und dieses Nicht-Einbringen sorgt dafuer, dass der Frust steigt.
Dabei ist es ganz bereichernd, wenn Kinder merken, dass Eltern Unterschiede haben und auch unterschiedlich erziehen. Das ist fuer die meisten Kinder sehr wertvoll.
Das heisst, flexible Absprachen funktionieren dann am besten, wenn ich Verantwortung vollstaendig abgebe und wenn ich Verantwortung vollstaendig uebernehme. Und natuerlich muss es bei diesen flexiblen Absprachen einen Grundtenor geben, mit dem beide leben koennen.
Wenn ihr euch das Thema Grenzen und Territorien anschaut, werdet ihr feststellen, dass es diese Territorien nicht nur in eurer Ehe oder Partnerschaft gibt, sondern auch drumherum. Wenn ihr in einer Patchwork-Familie lebt, begegnen euch Grenzen und Territorien an allen Ecken und Enden. Aber sie begegnen euch zum Beispiel auch, wenn ihr euren Schwager oder eure Schwiegereltern besucht.
Und dann ist es umso wichtiger, dass wir Landkarten miteinander abgleichen - dass wir schauen, was habe ich im Kopf, wem gehoert gerade welches Territorium, und was hat mein Gegenueber fuer eine Karte im Kopf. Und dass wir schauen: Welche Bereiche gehoeren wirklich nur mir? Wann teile ich diese Bereiche? Und wo gibt es Bereiche von anderen, die nur ihnen gehoeren?
Wenn wir da ein bisschen feinfuehliger werden, glaube ich, dass wir seltener ueber Grenzen laufen und damit deutlich weniger Konflikte in unseren Beziehungen haben werden.
Ich moechte dich zum Schluss einladen, genau hinzuschauen und festzuhalten: Was sind die Raeume und Bereiche, die nur mir gehoeren? Was sind meine Territorien? Was sind die Territorien meines Lieblingsmenschen? Und welche Bereiche teilen wir uns - brauchen wir dafuer vielleicht noch andere Absprachen?
Ich wuensche dir ganz viel Erfolg dabei und freue mich riesig, wenn du naechste Woche wieder dabei bist. Bis dahin, es gruesst und winkt, dein Thorsten.