Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung. Mein Name ist Thorsten, ich bin Paartherapeut, und ich freue mich, dass du zuhoerst.
Warum bin ich eigentlich immer derjenige, der die Kinder wickelt oder ins Bett bringt, der das Auto repariert oder die Loecher in die Wand bohrt, der das Geschirr spaeter ausraeumt - oder was auch immer dir dazu einfaellt? Wenn das ein Satz ist, den du haeufiger denkst, dann ist diese Podcast-Episode heute fuer dich.
Wir alle wuenschen uns, dass wir in unserer Beziehung fair miteinander umgehen. Aber Fairness ist viel leichter gesagt als getan.
Was bedeutet es ueberhaupt, fair miteinander umzugehen? Es bedeutet fuer mich, dass jeder bereit ist, alles zu machen. Das heisst, dass ich in meiner Beziehung grundsaetzlich bereit bin, Geld zu verdienen, den Haushalt zu uebernehmen, die Kinder zu versorgen, zu kochen, zu waschen - aber auch das Auto in die Werkstatt zu bringen, Dinge zu reparieren und so weiter. Das bedeutet noch nicht, dass ich dann auch wirklich alles mache, was ich tun koennte. Aber es bedeutet, dass ich erst einmal die Bereitschaft mitbringe, alles zu tun, was in unserer Beziehung, in unserem Leben anfaellt.
Und wenn beide Partner diese Einstellung mitbringen, dann ist das eine gute Voraussetzung, um auf Augenhoehe Aufgaben gut zu verteilen. Denn natuerlich gibt es persoenliche Interessen und Dinge, die ich besser kann - und Dinge, die mein Lieblingsmensch besser kann als ich. Fuer eine gemaetliche Atmosphaere zu sorgen ist zum Beispiel etwas, wozu ich ueberhaupt kein Gespuer habe. Ich habe kein Haendchen fuer Innenarchitektur oder irgendetwas in der Richtung. Ich bin eher der pragmatischere Typ in meiner Beziehung, und deswegen ist es wunderbar, dass meine Frau das besser kann als ich und dafuer sorgt, dass es heimelig bei uns zu Hause ist.
Wir koennen also Aufgaben neu verteilen - und zwar so, wie es fuer uns am besten passt. Und weil das nicht mehr den klassischen Rollenbildern entspricht, bedeutet es auch, dass wir fuer alles, was unser Lieblingsmensch leistet, Wertschaetzung zeigen sollten. Denn haeufig entstehen Ambivalenzen: Auf der einen Seite wuenschen sich die meisten Paare Fairness und eine gerechtere, modernere Aufgabenverteilung - auf der anderen Seite gibt es Rollenbilder, an denen wir festhalten.
Ich finde das sehr interessant, weil ich glaube, dass die Bandbreite, wie Maenner sind, und die Bandbreite, wie Frauen sind, viel groesser ist als die Unterschiede zwischen Maennern und Frauen. Trotzdem haben wir Rollenbilder in unserem Kopf und versuchen diese zu leben - auch wenn wir uns eigentlich etwas anderes wuenschen. Und es ist vollkommen in Ordnung, das zu erkennen und gegebenenfalls neu zu verhandeln.
Es ist also nicht automatisch falsch, wenn man sich - sobald das Auto kaputt ist - dafuer verantwortlich fuehlt, es in die Werkstatt zu bringen, ohne vorher zu fragen, ob die Partnerin das nicht vielleicht gerne uebernehmen wuerde. Aber solche Dinge kann man neu aushandeln. Es lohnt sich zu ueberlegen: Ist das eine bewusste Entscheidung - oder folgen wir einfach Rollenbildern, die wir gar nicht mehr haben wollen?
Und versteht mich nicht falsch: Rollenbilder sind voellig in Ordnung, wenn man sich bewusst dafuer entscheidet. Es geht darum, nicht Dinge zu tun, die man unbewusst uebernommen hat - weil man so aufgewachsen ist oder weil ein bestimmtes Bild im Kopf festsitzt. Sondern darum, sich bewusst zu entscheiden, wie man leben moechte.
Und wenn wir nicht mehr in traditionellen Rollenbildern unterwegs sind - wo es selbstverstaendlich war, dass der Mann sich ums Auto kuemmert - dann bedeutet das auch, dass wir fuer alles, was der andere tut, Wertschaetzung zeigen. Denn es ist nicht selbstverstaendlich, dass jemand waescht, die Kinder versorgt, Geld verdient oder sich ums Auto kuemmert.
Fairness bedeutet aber auch, den anderen so zu akzeptieren, wie er ist - und nicht zu versuchen, ihn zu aendern. Ihm Raum zu lassen, in neue Aufgaben hineinzuwachsen. Das bedeutet vielleicht, damit leben zu muessen, dass das Essen manchmal versalzen ist, wenn der andere kocht. Oder dass die Wohnung anders aufgeraeumt ist, als wenn ich sie selbst aufraeusmen wuerde. Wir sollten aufhoeren, den anderen von unserer Weltsicht ueberzeugen zu wollen, sondern ihn so lassen, wie er ist. Ich glaube, das ist auch ein Ausdruck von Liebe.
Diese Unterschiedlichkeit kann unglaublich bereichern. Dinge aus der Perspektive des anderen zu sehen, weitet den eigenen Horizont. Aber natuerlich muessen die gefundenen Loesungen in beiden Welten funktionieren. Das Essen muss noch essbar sein, die Wohnung noch irgendwie aufgeraeumt - damit beide damit leben koennen. Und wenn das nicht der Fall ist, muss man erneut aushandeln. Man muss sich an einen Tisch setzen und sagen: Wie siehst du das? So sehe ich das. Was ist ein Kompromiss, mit dem wir beide gut leben koennen?
Miteinander ins Gespraech zu gehen und darueber zu sprechen, wie man Aufgaben besser verteilt - das ist gar nicht so einfach. Und es scheitert haeufig daran, dass man versucht aufzurechnen: dass es zu hundert Prozent gerecht ist, dass jeder dieselbe Arbeitszeit investiert, dass jeder auf die Minute genau gleich viel Freizeit hat. All das funktioniert nicht.
Was funktioniert: wenn man sich als Team begreift. Wenn man sagt: Wir als Team loesen jetzt die Herausforderungen, die vor uns stehen - gemeinsam. Der eine macht das, der andere das, und wir unterstuetzen uns gegenseitig. In diesem Zusammenhang lohnt es sich uebrigens, das Wort "helfen" wegzulassen. "Hilf mir mal" oder "Ich helfe dir jetzt mal" suggeriert immer, dass es die Aufgabe des anderen ist und man nur aus Gefaelligkeit mit anpackt. Den Teamgedanken staerkt es mehr, wenn man auf dieses Wort verzichtet.
Noch zwei weitere Ideen zum Thema Aufgabenverteilung. Einige Paare einigen sich auf ein Rotationsprinzip: Einen Monat lang holt der eine Partner die Kinder von der Kita ab, den naechsten Monat der andere. Das funktioniert sicher nicht in allen Bereichen - aber meistens in mehr als man denkt. Und ich glaube, es hilft dabei, flexibel zu bleiben - auch im Kopf. Vielleicht ist das eine Idee fuer euch.
Eine zweite Moeglichkeit ist, einen Teil der Aufgaben auszulagern - vor allem dann, wenn man das Gefuehl hat, dauerhaft am Limit zu sein. Dann ist es gar nicht verkehrt zu sagen: Wir engagieren jemanden, der uns bestimmte Aufgaben abnimmt - eine Haushaltshilfe, einen Gaertner, einen Babysitter oder was auch immer. Und wenn ihr jetzt sagt: "Tolle Idee, aber das Geld muss man erst mal haben" - dann ist meine Erfahrung aus der Praxis: In der Regel ist das Geld da, man muss an anderen Stellen Abstriche machen. Es geht also weniger um finanzielle Mittel als um die Prioritaeten, die man setzt.
Wenn du noch eine Buchempfehlung zum Thema Aufrechnen und Wertschaetzung moechtest: Ich kann dir das Buch "80/80 Marriage" von Nate und Kaley Klemp sehr ans Herz legen. Darin geht es genau darum, aufzuhoeren aufzurechnen und stattdessen mit viel Wertschaetzung aufeinander zuzugehen. Ich verlinke das Buch in den Show Notes.
Wenn du in deiner Beziehung das Gefuehl hast, dass Aufgaben ungerecht verteilt sind, dann moechte ich dich ermuetigen, das Thema anzugehen - dich mit deinem Lieblingsmenschen hinzusetzen und darueber zu reden. Ganz ohne Vorwuerfe, sondern einfach nur darueber, wie du dich gerade fuehlst.
Wenn dir der Podcast gefallen hat, freue ich mich, wenn du ihn mit Freunden und Bekannten teilst. Ich freue mich, wenn du naechste Woche wieder dabei bist. Es gruesst und winkt dein Thorsten.