Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung. Mein Name ist Thorsten, ich bin Paartherapeut und ich freue mich riesig, dass du mir zuhoerst.
Intimitaet und Sexualitaet ist ein grossartiges Geschenk. Und vielleicht bist du gerade frisch verliebt oder erinnerst dich an die Zeit, wo du frisch verliebt warst - wo man die Finger nicht voneinander lassen konnte, wo man den anderen geniessen konnte, wo man nicht genug voneinander kriegen konnte.
Aber wie ist es, wenn man ein bisschen laenger in Beziehung ist? Ich bin jetzt 25 Jahre verheiratet und natuerlich veraendert sich in 25 Jahren auch die Sexualitaet miteinander. Und es scheint Paare zu geben, die das grossartig miteinander hinbekommen, die Sexualitaet geniessen koennen - und es scheint Paare zu geben, bei denen das nachlaesst und irgendwann zu einem Frustthema wird.
Und wenn du schon ein bisschen laenger in Beziehung bist, hast du vielleicht festgestellt, dass sich auch dein Verhaeltnis zur Sexualitaet veraendert hat. Deine Sicht auf Sexualitaet ist vielleicht eine andere als die zu Beginn deiner Beziehung.
Es gibt also ganz unterschiedliche Gruende, warum wir miteinander schlafen. Die University of Texas hat das uebrigens untersucht und ist auf 237 Gruende gekommen, warum Menschen miteinander intim werden. Da sind ganz banale Sachen dabei und ganz exotische - aber ich erzaehle euch das, um nochmal aufzumachen, wie gross die Bandbreite ist, warum wir miteinander schlafen, und dass es eben nicht ein, zwei oder drei Gruende sind. Und dass es auch vollkommen okay ist, wenn sich Motive mit der Zeit veraendern. Diese 237 Gruende reichen von "Ich war verliebt" ueber "Ich will ein spirituelles Erlebnis haben" bis hin zu "Ich will Kalorien verbrennen" - und ihr seht schon, wie breit die Palette ist.
Jetzt lasst uns zur Kernfrage kommen: Was machen Paare denn anders, die Lust und Spass an ihrem Sexleben haben, als Paare, die das nicht haben, die eher frustriert sind?
Auch hierzu gibt es eine spannende Studie. Justin Garcia hat das veroeffentlicht - er studiert und lehrt an der University of Indiana. Er hat tausend Menschen zu ihrer Sexualitaet und ihrem Sexleben befragt und herausgefunden, dass sowohl bei Paaren, die sehr gluecklich mit ihrer Sexualitaet sind, als auch bei denen, die das nicht sind, die Art und Weise des Miteinanders - das Kuessen, das Streicheln, das Zaertlichsein, der Beischlaf - ziemlich aehnlich ist. Die grossen Unterschiede zeigen sich aber darin, wie viel man miteinander redet: vor, waehrend und nach dem Sex. Und auch die Zeit, die man danach noch beieinanderliegt und kuschelt, ist ein wichtiger Faktor.
Das heisst: Paare, die sehr gluecklich mit ihrer Sexualitaet sind, reden viel miteinander und nehmen sich Zeit, um koerperliche Naehe zu spueren. Paare, die eher ungluecklich sind, tun genau das nicht.
Es gibt viele weitere Studien mit aehnlichen Ergebnissen, zum Beispiel auch von der University of Kentucky - mit fast identischen Befunden. Dazu kommt ein weiterer Faktor: Man muss sich sicher fuehlen beim Partner oder bei der Partnerin. Das scheint ebenfalls ein wichtiger Aspekt zu sein.
Und noch etwas faellt auf: die kleinen Gesten im Alltag. Die kleinen Beruehrungen, die Umarmungen, der Abschiedskuss. Paare, die gluecklich in ihren Beziehungen sind, leben das - und Paare, die das nicht sind, tun es nicht. Auch das ist etwas, an dem man gut arbeiten koennte.
Wenn ich in meinen Praxisalltag schaue, dann sind Kommunikation und koerperliche Naehe - sowohl nach dem Sex als auch im Alltag - zwei Elemente, ueber die ich immer wieder stolpere und wo es in Beziehungen hakt. Ich kenne viele Paare, die ueberhaupt nicht miteinander reden, wenn sie miteinander geschlafen haben. Und das ist erst einmal in Ordnung.
Wenn Kommunikation aber zu einem Problem wird, das Frust verursacht, dann hilft es haeufig, das auszulagern: Wenn es uns so schwer faellt, in der Intimitaet miteinander ins Gespraech zu kommen und uns zu sagen, was wir uns wuenschen oder worueber wir uns freuen wuerden - was wir gut finden und was nicht -, dann lasst uns das doch zu einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort tun. Das ist manchmal nicht so einfach, aber es lohnt sich, einen Anfang zu machen.
Eine gute Uebung zum Thema Naehe ist, sich Zeit zu nehmen und sich in den Arm zu nehmen - nicht nur kurz zum Abschied, sondern laenger, so lange, bis ihr das Gefuehl habt, aufgetankt zu haben. Ich finde, 20 Sekunden ist eine gute Zeit, um damit zu starten.
Natuerlich darf sich Sexualitaet veraendern - und es ist in Ordnung, wenn man irgendwann an dem Punkt ist, wo das Beziehungsglueck nicht mehr allein oder ueberwiegend aus Sexualitaet gespeist wird, sondern aus anderen Quellen: wenn wir die Gespraeche geniessen, die Zeit miteinander, wenn wir es geniessen, unsere Kinder zusammen aufwachsen zu sehen. Wenn das Quellen sind, die das Leben bereichern, und Sexualitaet ein wenig in den Hintergrund tritt, dann ist das vollkommen in Ordnung.
Vielleicht gibt es aber auch noch andere Dinge, die euch im Weg stehen und die ihr aus dem Weg raeumen muesst, damit ihr Sexualitaet und Naehe wieder mehr geniessen koennt. Streit ist so ein Ding. Wenn ihr viel miteinander streitet, wirkt sich das in den meisten Faellen negativ auf euer Sexleben aus.
Ein weiterer Aspekt, ueber den ich haeufig stolpere: Paare haben unterschiedliche Lust. Auch das entwickelt und veraendert sich mit der Zeit - und manchmal ist es einfach nicht synchron. Der eine Partner hat mehr Lust als der andere. Das fuehrt dann haeufig dazu, dass sich die eine Seite abgelehnt fuehlt und die andere sich bedraengt fuehlt.
Ich glaube, es ist wichtig, das gut auszutarieren - und meistens reicht es, einfach zu warten, weil sich die Lust mit der Zeit wieder einfindet. Wichtig ist dabei auch, dass alles sein darf: Wuensche an den Partner duerfen sein, ein Nein darf aber genauso sein. Alles muss erlaubt und offen sein, ohne dass sich jemand bedraengt oder abgelehnt fuehlt.
Um die Lust am Leben zu erhalten oder neu zu entfachen, kann das Konzept der Selbsterweiterung - der "Self Expansion" - helfen. Das ist der Blick auf die Welt, den ich habe, wenn ich neugierig bin, wenn ich abenteuerluestern bin, wenn ich gerne Neues ausprobiere und meine Welt immer ein Stueck weit erweitern moechte. Escher Paret sagt so schoen: "Wir koennen nichts begehren, was wir schon zu lange kennen." Und diese Selbstexpansion, dieses Ausprobieren von neuen Dingen, kann dazu beitragen, dass unser Partner begehrenswert bleibt.
Auch hierzu gibt es viele Studien, und es hat sich immer wieder gezeigt: Paare, die auch nach langen Jahren noch Lust aufeinander haben, sind experimentierfreudig geblieben. Sie probieren miteinander Neues aus - manchmal stellen sie auch nur die Moebel um. Und Paare, bei denen die Lust auslaeuft, sind oft von viel Routine gepraegt, wenn es um Intimitaet geht.
Sexualitaet und Intimitaet ist ein grossartiges Geschenk, das die wenigsten in ihrer Beziehung missen moechten. Wenn du das Gefuehl hast, es duerfte ein bisschen mehr oder ein bisschen anders sein in deiner Beziehung, dann moechte ich dich einladen, die beiden Punkte auszuprobieren, die ich angesprochen habe: Versucht, mehr miteinander ins Gespraech zu kommen ueber das Thema Sexualitaet - und baut koerperliche Naehe mehr in den Alltag ein. Fangt mit dieser einfachen, aber laengeren Umarmung an.
Ich wuensche euch viel Spass beim Ausprobieren. Bis zum naechsten Mal, euer Thorsten.