Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung.
Ich hoffe, ihr hattet einen tollen Start in das neue Jahr. In den letzten Podcast-Episoden haben wir ueber Ziele gesprochen, ueber die Dinge, die ihr tun koennt, um euch als Paar naeher zu kommen. Und die Frage ist ja so oft: Okay, ich kann mir Dinge vornehmen, aber wie schaffe ich es eigentlich auch, in die Umsetzung zu kommen? Und darum soll es heute gehen.
Das Erste, was mir dazu einfaellt, ist dieser riesige Stapel Buecher, der auf meinem Nachttisch liegt. Buecher, die ich zum Teil gelesen habe, fast schon fertig gelesen habe, die noch gelesen werden wollen. Was mir aber immer wieder auffaellt, ist, dass ich es liebe, mich inspirieren zu lassen. Dass ich diese Aha-Momente mag, wenn ich einen neuen Blick auf die Welt bekomme, wenn ich Dinge neu sehe und besser verstehen kann als vorher. Aber dass die Umsetzung bei mir massiv hapert.
Ich bin also ein Wissensriese und ein Umsetzungszwerg, wenn man so moechte. Und ich finde es toll, so viel Anregung zu haben, so viel Inspiration zu haben, weil ich immer das Gefuehl habe, dass ich damit handlungsfaehiger bin. Dass ich neue Werkzeuge in meinem Werkzeugkoffer habe, die ich dann nur herausnehmen und benutzen muss, wenn ich sie brauche. Aber dadurch, dass ich sie ja nie in der Hand hatte, sondern immer nur theoretisch davon gehoert habe, faellt es mir dann auch so schwer, Dinge dann umzusetzen.
Und ich finde es ganz schade, wenn diese Aha-Momente, die ich habe, wieder verpuffen. Und ich Jahre spaeter dasselbe Buch noch mal in die Hand nehme und ueber denselben Gedanken stolpere und sage: Wow, das hast du doch schon mal gelesen. Und auch das verpufft manchmal. Natuerlich mache ich es mir leicht und habe immer ganz viele Ausreden, warum ich Dinge nicht umsetze - meistens, weil ich einfach zu wenig Zeit dafuer habe. Und es gibt auf der anderen Seite auch Dinge, die ich mir fest vornehme und die ich trotzdem nicht umgesetzt kriege, weil mich irgendetwas davon abhaelt.
Und diese Luecke - diese Knowing-Doing-Gap, diese Luecke zwischen dem, was ich weiss, und dem, was ich tatsaechlich tue - die beobachte ich bei ganz vielen Menschen, bei mir selbst, aber auch bei den Menschen, mit denen ich arbeite. Und diese Luecke entsteht ganz haeufig, wenn wir uns unsicher sind, ob das, was wir vorhaben, auch wirklich funktioniert. Wenn wir nicht sicher sind, ob das Ergebnis dabei herauskommt, das ich mir wuensche. Bei Dingen, wo ich mir sicher bin und die ich erprobt habe, faellt es mir leichter, diese Luecke zu schliessen.
Und es liegt nicht nur an der Erprobung, sondern es gibt auch innere Anteile, die uns zurueckhalten. Es gibt vielleicht einen Anteil, der gerne in die Umsetzung gehen moechte, der Dinge neu ausprobieren und anschieben moechte. Und ganz haeufig gibt es aber auch einen Gegenpart dazu, einen Anteil, der uns zurueckhaelt. Und das sind meistens die Aengste und Sorgen, die wir mit uns herumtragen.
Vielleicht habe ich das Gefuehl, dass ich mir Glueck immer schwer erarbeiten muss und dass es gar nicht einfach einfach gehen darf. Vielleicht fuehle ich mich in meiner Beziehung so ohnmaechtig und so hilflos, dass ich das Gefuehl habe, ich bin gar nicht in der Lage, irgendetwas zu veraendern, weil ich meinen Partner sowieso nicht aendern kann. Vielleicht moechte ich in einem Streit aber auch nicht verlieren und kann deswegen nichts Alternatives ausprobieren, was den Streit vielleicht in eine andere Richtung lenken wuerde.
Und wenn es um Aengste und Sorgen geht, dann kann man ein bisschen unterscheiden zwischen Aengsten, die mich direkt betreffen, und Sorgen, die ich mir um meine Partnerschaft mache. Und dabei vergessen wir, dass es in Beziehungen immer auch um uns selbst geht. Beziehungen sind ein toller Rahmen, um sich selbst weiterzuentwickeln. Und das, weil ich mich selbst immer auch ein Stueck weit im anderen sehe.
Wenn ich mich also an Dingen stoere, die mein Partner - mein Lieblingsmensch - tut, dann stoere ich mich damit meistens auch an den Dingen, die mich an mir selbst stoeren, die mir in dem Moment aber gar nicht bewusst sind. Und diese negativen Projektionen betreffen also immer meine eigenen ungeloesten Probleme oder mein eigenes ungewuenschtes Verhalten. Und ganz haeufig ist es so, dass mir das nicht bewusst ist und ich erst einen Schritt zuruecktreten muss, bevor ich erkennen kann, dass es auch mich betrifft.
Es geht also darum, den Blick immer wieder auf sich selbst zu richten, gerade wenn es um Beziehungsthemen geht. Und wenn ich das mache, wenn ich mehr auf mich selbst blicke und mich frage, was das alles mit mir zu tun hat, mit meinen Themen zu tun hat, dann kann ich wachsen. Dann darf ich den anderen wieder mit neuen Augen sehen.
Und es ist eine grossartige Erfahrung, wenn man es geschafft hat, dass beide das koennen. Dass beide in der Lage sind, sich so selbst zu reflektieren, dass Wachstum auf beiden Seiten moeglich ist, weil das ein Gefuehl ist, das wahnsinnig stark miteinander verbindet.
Und was wir dazu brauchen, ist Mut - Mut, uns in unserer Verletzlichkeit zu zeigen. Und wenn ich den Mut habe, mich verletzlich zu zeigen, die Scham ablege, die damit einhergeht, dann erlaube ich meinem Gegenueber, mich wirklich zu sehen. Und ich gebe meinem Lieblingsmenschen damit die Gelegenheit, wertschaetzend und liebevoll mit mir umzugehen.
Und wenn ich das mache, wenn ich mich verletzlich zeige, dann baut es mit der Zeit Sicherheit auf. Ich habe das Gefuehl: Ich darf das machen, ich kann das machen, ohne dass ich Gefahr laufe, verletzt zu werden. Und das ist das, was euch naeher zusammenbringt.
Wenn ihr in eurer Beziehung also mehr ins Handeln kommen moechtet, dann duerft ihr einen Blick fuer diese negativen Projektionen entwickeln. Und das ist ein ganz aktiver Prozess. Und in dem Zusammenhang bin ich ueber einen Satz gestolpert, den ich schon ganz lange mit mir trage - er stammt von Avi Greenbergs "Love is in Action": Liebe ist eine Handlung.
Und wenn ihr eure Beziehung bereichern wollt, dann heisst es, dass ihr aktiv etwas tun muesst. Ihr koennt nicht warten, dass irgendetwas passiert, sondern ihr seid diejenigen, die ins Handeln kommen duerfen und die Prozesse anschieben duerfen in eurer Beziehung.
Und wenn Aengste und Sorgen das sind, was uns zurueckhaelt, um diese Luecke zu schliessen - zwischen dem, was ich weiss, zwischen dem, was ich mir vorgenommen habe, und dem, was ich gerne erreichen moechte und tun moechte -, dann ist Mut das, was ihr braucht. Mut bedeutet fuer mich, dass ich etwas tue, obwohl ich Angst davor habe, obwohl ich mir Sorgen mache, ob es klappt oder nicht klappt. Dass ich einen Versuch starte. Und Mut draengt uns dazu, ein Stueck weit aus unserer Komfortzone herauszukommen und in das andere Becken zu tauchen, um zu schauen, wie sich das dort anfuehlen koennte.
Und dazu moechte ich dich gerade zu Beginn des neuen Jahres einladen: Deine Komfortzone zu verlassen, Mut zu sammeln und einen Schritt hinauszuwagen - einen klitzekleinen Schritt hinauszuwagen -, um zu schauen, wie sich das dort anfuehlt.
Und wenn du dich selbst dabei gut im Blick hast und einen Blick auf die Projektionen hast, die wir vorhin angesprochen haben, dann stehen die Chancen sehr gut, dass du mehr von dem tust, was du dir eigentlich vorgenommen hast.
Frage dich also: Wo kannst du heute ein Stueck mutiger sein? Wo kannst du dich heute ein Stueck verletzlicher zeigen? Oder wo kannst du heute ein Stueck mehr lieben?
In dem Sinne - es gruesst und winkt, euer Thorsten.