Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung. Ich bin Thorsten Koecher, Paartherapeut, und ich freue mich, dass du mir zuhoerst. Heute geht es um Werte und darum, wie euch euer Wertekompass zu einem Team werden laesst.
Wer den Hafen nicht kennt, in den er sehen will, fuer den ist kein Wind der Richtige. Diesen Satz schrieb Seneca, ein stoischer Philosoph der Antike. Und ich finde, er passt sehr gut zum Thema Werte. Wenn ich ihn hoere, dann ist der Hafen, in den ich sehen will, zunaechst die Ziele, die ich erreichen moechte. Wenn ich dahinter schaue, dann sind es die Werte, die hinter diesen Zielen stecken. Wer zum Beispiel viel reisen und die Welt sehen moechte, dem liegt vielleicht der Wert zugrunde, sich frei und ungebunden zu fuehlen.
Werte sind Ideale oder Tugenden, nach denen wir handeln und die bestimmen, ob wir uns integer und authentisch fuehlen oder nicht. Werte veraendern sich auch je nachdem, in welchem System wir unterwegs sind. Wir tragen eine ganze Palette an Werten in uns. In der Familie stehen andere Werte im Vordergrund als auf der Arbeit. Und trotzdem gibt es Werte, die in allen Bereichen gleichzeitig auftauchen.
Wenn ich mich mit Freunden treffe, sind mir vielleicht Verlaesslichkeit und Hilfsbereitschaft besonders wichtig. In meiner Partnerschaft hingegen stehen Sicherheit und Vertrauen im Vordergrund. Werte entstehen in der Kindheit – in unseren Familien, in der Schule, im Sportverein, ueberall dort, wo wir mit anderen Menschen zusammen waren. Wir haben beobachtet, nach welchen Werten dort gelebt wurde, und haben einen Teil davon uebernommen.
Es kann gut sein, dass wir innere Werte tragen, die sich zu widersprechen scheinen und die Ambivalenzen erzeugen. Ich moechte zum Beispiel gleichzeitig Naehe spueren und brauche doch auch Zeit fuer mich und Distanz in meiner Beziehung. Das sind zwei Werte, nach denen ich mich sehne und die auf den ersten Blick im Widerspruch stehen. Beide wollen gelebt, beide wollen gehoert werden. Wenn das gelingt, lassen sie sich in eine gute Balance bringen – und die Ambivalenzen loesen sich auf.
Aber woher weiss ich, was meine Werte sind? Eine Methode, die ich bei Stephen Covey entdeckt habe, hilft dabei. In seinem Buch Die 7 Wege zur Effektivitaet stellt er folgende Frage: Was wuerdest du gerne von deinen Freunden und deiner Familie hoeren, wenn du bei deiner eigenen Beerdigung dabei sein duerftest? Was wuerden sie ueber dich sagen? Waere es: Auf ihn konnte ich mich immer verlassen? Dann waere Verlaesslichkeit vielleicht ein zentraler Wert. Die Frage ist also: Was sind die Dinge, die ich mir wuenschte, dass Menschen sie ueber mich sagen, wenn ich nicht mehr auf dieser Welt bin?
Wem diese Uebung zu morbide erscheint, der kann sich alternativ vorstellen, 86 Jahre alt zu sein, auf der eigenen Geburtstagsfeier im Schaukelstuhl zu sitzen und zuzuhoeren, was Kinder, Enkel, Familie und Freunde erzaehlen. Nimm dir Zeit, setz dich hin und schreib dir die drei oder vier wichtigsten Werte auf, die dabei auftauchen.
Angenommen, ich kenne meine Kernwerte – was mache ich damit? Ein grossartiges Beispiel liefert Benjamin Franklin. Er hat sich zwoelf oder dreizehn wichtigste Werte aufgeschrieben und sich woechentlich auf einen davon konzentriert. Eine Woche Maessigkeit, die naechste Ordnung, dann Entschlossenheit. Das hat ihn geistig wachsen lassen. Denn der beste Kompass nuetzt nichts, wenn man nie auf ihn schaut. Werte zu kennen und nicht nach ihnen zu leben, ist wie das Reisen zu wollen, aber nie aufzubrechen.
Was aber haben Werte mit der Partnerschaft zu tun? Paare, die gemeinsame Werte benennen und danach handeln, haben ein groesseres Mass an Stabilitaet. Sie wirken wie ein Team und koennen gemeinsam mehr bewegen. Das ist ein grosser Vorteil. Es kann aber auch einen Nachteil geben: Wenn Werte als unveraenderlich betrachtet werden, koennen sie Veraenderungsprozesse blockieren. Gerade dann, wenn sich das Leben veraendert – zum Beispiel durch die Geburt eines Kindes – lohnt es sich zu pruefen, ob die gemeinsamen Werte noch passen.
Einen tieferen Einblick in das Thema Werte und Partnerschaft bietet der Wertequadrant. Er geht auf Nikolaj Hartmann zurueck und wurde von Friedemann Schulz von Thun fuer die Kommunikationsarbeit nutzbar gemacht. Der Kerngedanke: Jeder Wert, jede Tugend kann seine volle Wirkung nur entfalten, wenn er in einer konstruktiven Spannung zu einem Schwesterwert steht. Fehlt diese Balance, verkommt der Wert zur negativen Uebertreibung.
Ein Beispiel: Die Tugend ist Sparsamkeit. Die Schwestertugend dazu ist Grosszuegigkeit. Wer sparsam ist und gleichzeitig auch Bereiche kennt, in denen er grosszuegig sein kann, bleibt in der Balance. Fehlt diese Spannung, rutscht die Sparsamkeit in den Geiz ab. Werte brauchen also eine dynamische Balance, damit sie uns voranbringen und unser Leben bereichern.
Was ich haeufig in Partnerschaften erlebe: Ein Wert und sein Schwesterwert werden auf die beiden Partner aufgeteilt. Der eine ist der Sparsame, der andere der Grosszuegige. Das ist zunaechst in Ordnung. Wenn sich beide aber nicht bewusst sind, dass beides da sein muss, rutschen sie in eine Polarisierung ab. Der eine denkt: Ich muss so grosszuegig sein, weil mein Partner so geizig ist. Der andere: Ich muss so sparsam sein, um das Geld zusammenzuhalten. Beide erschoepfen sich – und entfernen sich voneinander.
Auch Naehe und Distanz folgen diesem Muster. Wenn der eine immer mehr Naehe einfordert und der andere sich immer mehr zurueckzieht, entsteht Klammern auf der einen und Rueckzug auf der anderen Seite. Es sind nicht die unterschiedlichen Werte selbst, die das Problem sind, sondern das Abrutschen in die Uebertreibung und das gegenseitige Festlegen.
Wenn ihr merkt, dass ihr in einer solchen Polarisierung steckt, gibt es drei Schritte, um herauszukommen. Erstens: anerkennen, dass man sich in der Uebertreibung befindet. Zweitens: erkennen, dass man den anderen durch die eigene innere Haltung festlegt. Drittens: einen Schritt auf den anderen zugehen und sich der Schwestertugend zuwenden.
Wer zum Beispiel merkt, dass er sich aus Angst vor dem Klammern des anderen immer mehr zurueckzieht, koennte einfach anfangen, gemeinsame Zeit aktiv zu gestalten und auf Naehe zu setzen. Das braucht ein bisschen Mut, aber genau darin liegt die Chance. Wir brauchen den anderen nicht zu veraendern. Wenn wir uns selbst bewegen, veraendert sich die Dynamik.
Ich lade euch ein, euch Gedanken darueber zu machen, welche Werte ihr habt, welche Werte in eurer Partnerschaft wichtig sind und wer fuer welche Tugend und welche Schwestertugend steht. Vielleicht habt ihr dann Lust, aehnlich wie Benjamin Franklin, den Fokus hin und wieder auf einen bestimmten Wert zu legen.
Lasst mich gerne wissen, welche Werte in eurer Beziehung besonders wichtig sind. Wenn euch dieser Podcast gefallen hat, freue ich mich sehr, wenn ihr ihn weiterempfehlt. Schreibt mir eine E-Mail an nachricht@thorsten-koecher.de.