gut in Beziehung

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Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen

Transkript

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Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung. Mein Name ist Thorsten Koecher, ich freue mich, dass du hier bist.

Bevor wir ins Thema einsteigen, moechte ich mich bei allen bedanken, die an der Podcast-Umfrage teilgenommen haben. Es ist wichtig fuer mich zu wissen, was hilfreich fuer euch ist, was weniger hilfreich ist und welche Themen euch beschaeftigen. Wenn du noch nicht daran teilgenommen hast, dann klick auf den Link in den Shownotes und lass mich wissen, was dich beschaeftigt und was du hier gerne hoeren moechtest.

Jetzt aber zum Thema: Was mache ich eigentlich, wenn mein Job meine Beziehung gefaehrdet?

Ich liebe meinen Job, ich mache ihn wirklich gerne und fuer mich ist er nicht nur ein Broterwerb, sondern etwas, an dem ich wirklich Spass habe und worin ich aufgehe. Deswegen ist es fuer mich vollkommen in Ordnung, mal laenger am Rechner zu sitzen oder Klienten mehr Zeit einzuraeumen - und es ist auch in Ordnung, mal ein Wochenende an einem Projekt zu sitzen und da die Prioritaet draufzulegen.

Aber was mache ich eigentlich, wenn das ueberhandnimmt? Wenn ich merke, dass die Naehe zu meinem Lieblingsmenschen und das Engagement fuer meinen Job nicht mehr im Gleichgewicht sind? Immerhin geht eine von zehn Trennungen auf das Konto von zu ambitionierten Karrierezielen.

Es gibt zwei grosse Gruppen, die mit unterschiedlichen Herausforderungen kaempfen. Die eine Gruppe sind Paare und Familien mit einem Hauptverdiener und einem zweiten Partner oder einer Partnerin, die entweder zu Hause ist, sich um die Kinder kuemmert oder in Teilzeit arbeitet. Die andere Gruppe sind Paare mit ambitionierten Doppelverdienern.

PAARE MIT EINEM HAUPTVERDIENER

In der EU arbeiten bei Paaren mit minderjaehrigen Kindern 94 % der Maenner in Vollzeit und 66 % der Frauen in Teilzeit. Es gibt zwei grosse Konfliktfelder: zeitbezogene Konflikte und belastungsbezogene Konflikte.

Montagsfluechtlinge sind meist Maenner, die heilfroh sind, montags wieder am Schreibtisch zu sitzen - weil sie sich dort erfolgreicher fuehlen, mehr Wertschaetzung erfahren und kompetenter fuehlen. Das fuehrt dazu, dass der Fokus mit der Zeit immer mehr auf der Karriere liegt.

Das Gegenstueck sind Frauen, die zu Hause sind, sich um Kinder und Haushalt kuemmern - oft mit einem sehr engen Verhaeltnis zu den Kindern, sodass fuer den Partner kaum Platz bleibt. Fuer Liebe, Naehe und Partnerschaft bleibt dann wenig Zeit, weil die Kinder oder Projekte am Haus immer vorgehen.

Natuerlich startet so niemand bewusst in eine Liebesbeziehung - das entwickelt sich mit der Zeit. Und die Prioritaeten, die ich setze, geben vor, wie viel Zeit ich mit meinem Lieblingsmenschen verbringe.

Warnsignale, die zeigen, dass Job und Beziehung gerade nicht im Einklang sind:

- Du bist froh, wieder auf der Arbeit zu sein.

- Dein Lieblingsmensch stoert dich manchmal in deinem eigenen Zuhause.

- Es gibt viele Arbeitsprojekte, in die ihr beide involviert seid, aber kaum Zeit, die ihr als Paar miteinander verbringt.

- Du hast das Gefuehl, die Kindererziehung haengt ganz bei dir, weil dein Partner sich nicht genug einbringt - oder du hast das Gefuehl, dich gar nicht einbringen zu koennen, weil fuer dich in der Familie kein Raum ist.

All diese Herausforderungen haben gemeinsam, dass die Zeit, die ihr als Paar verbringt, zu wenig ist - zu wenig, um eine Liebesbeziehung langfristig aufrechtzuerhalten. Dann entsteht haeufig eine Abwaertsspirale: Die Projekte werden immer wichtiger, die Kindererziehung nimmt immer mehr Raum ein, die Paarzeit wird immer kleiner, und zu allem kommt noch das Gefuehl der Erschoepfung. Man faengt an, nur noch nebeneinander herzuleben.

BELASTUNGSBEZOGENE KONFLIKTE

Was mache ich, wenn mein Job zu Ueberforderung bei mir oder meiner Partnerin bzw. meinem Partner fuehrt? Die Liste moeglicher Konstellationen ist hier deutlich laenger.

Es geht darum, dass dein Lieblingsmensch sich nicht unterstuetzt fuehlt - weil du zum Beispiel immer am Telefon bist, beim Essen noch die E-Mails checkst, den Hochzeitstag vergisst oder Urlaube verschoben werden muessen, weil das Projekt auf der Arbeit wichtiger ist.

Dann gibt es Paare, die schlicht zu viel Arbeit in zu kurzer Zeit zu erledigen haben - besonders, wenn beide berufstaetig sind und sich zusaetzlich um Kinder kuemmern. Wenn die Kinder noch klein sind und man nachts wenig schlaeft, steht man haeufig kurz vor dem Burnout. Wenn beide Partner erschoepft sind, beginnt ein Vorwurfskarussell: Man ist der Meinung, der andere muesste mehr unterstuetzen, damit die eigene Last geringer wird - und wenn beide das denken, steckt man fest.

Auch wenn nur ein Partner arbeiten geht, kann es zu Konflikten kommen - schlicht und ergreifend, weil man unterschiedliche Erwartungen an die gemeinsame Zeit hat. Vielleicht wartet dein Lieblingsmensch darauf, dass du nach Hause kommst, um endlich wieder ein Erwachsenengespraech fuehren zu koennen, waehrend du noch die Steuererklaerung erledigen musst.

Hinzu kommt, dass vor lauter Arbeit und Aufgaben auch die Zeit fuer sich selbst fehlt - nicht nur die Paarzeit leidet darunter, sondern auch die Moeglichkeit, Freunde zu treffen oder Hobbys nachzugehen.

Rote Flaggen:

- Du bist staendig gestresst, es gibt zu viele Dinge in zu wenig Zeit.

- Du hast kaum noch Zeit fuer dich selbst.

- Dein Job fordert dich, und deine Familie muss staendig zurueckstecken.

- Ihr streitet euch mehr als sonst.

- Dein Lieblingsmensch scheint andere Beduerfnisse zu haben als du.

- Ihr habt kaum noch Zeit fuereinander - und wenn doch, mit dem Gefuehl, dass Arbeit oder ein anderes Projekt eigentlich gerade wichtiger waere.

WAS HILFT?

Eine Studie der ETH Zuerich zeigt: Nicht die Laenge der Arbeitszeit ist entscheidend, sondern wie die verbleibende Zeit genutzt wird. Glueckliche Paare verstehen es, gut zu trennen zwischen Beruf und Privatleben, und sie setzen Prioritaeten auf wenige, gut ausgewaehlte Aktivitaeten, anstatt sich in einer Vielzahl von Aufgaben zu verzetteln. In diesen Beziehungen fuehlen sich die Partner besser gesehen und mehr wertgeschaetzt.

Praesenz ist ein zentrales Prinzip: Ich bin bei dem, was ich gerade tue. Wenn ich Zeit mit meinem Lieblingsmenschen verbringe, bin ich wirklich dabei - ich hoere zu, bin im Gespraech und geniesse den Moment. Das bedeutet auch, Ablenkungen abzuschalten: Das Handy bleibt weg, der Fernseher wird ausgemacht. Praesenz hilft uebrigens auch auf der Arbeit: Wer sich dort voll konzentriert, kann danach mit gutem Gewissen Zeit zu Hause verbringen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, auch in schwierigen Zeiten miteinander im Gespraech zu bleiben - nicht als Streitgespraech, sondern als echter Austausch: Wie geht es mir gerade? Was bewegt mich? Was aergert mich, was freut mich?

Drei Prinzipien zusammengefasst:

1. Setze Prioritaeten auf wenige, wertvolle Aktivitaeten, die euch als Paar naeherbringen.

2. Sei praesent bei dem, was du tust.

3. Bleib mit deinem Lieblingsmenschen im Gespraech, auch wenn es schwerfaellt.

DOPPELKARRIEREPAARE

Sich sowohl dem Beruf als auch dem Familienleben zu widmen hat viele Vorteile: eine groessere wirtschaftliche Unabhaengigkeit, meist eine zufriedene Partnerschaft und ein geringeres Scheidungsrisiko. Beide Karrieren und die Liebesbeziehung gleichzeitig zu foerdern - das ist die hohe Kunst.

Fuer Menschen, die sehr engagiert in ihrem Job sind, ist der Beruf nicht nur ein Broterwerb, sondern Identitaetsbildung. Diese Menschen sind in der Regel gut ausgebildet, haeufig in Fuehrungspositionen und sehen sich auf einem aufsteigenden Karriereweg.

Die wichtigste Forschung zu diesem Thema stammt von Jennifer Petriglieri, die ihre Ergebnisse in dem Buch "Couples That Work" zusammengefasst hat - leider bisher nur auf Englisch erhaeltlich.

Ein interessanter Befund: Doppelkarrierepaare haben weniger Probleme mit dem Alltag, weil sie proaktiver damit umgehen, soziale und psychische Aspekte in ihrem Leben im Blick zu behalten. Die eigentlichen Herausforderungen liegen nicht im Alltag, sondern in kritischen Lebensereignissen.

1. WECHSEL: Von Unabhaengigkeit zu gegenseitiger Abhaengigkeit

Zu Beginn einer Beziehung zwischen zwei ambitionierten Karrieremenschen ist noch genug Raum fuer beides. Der erste Wechsel entsteht durch ein groesseres Lebensereignis: Schwangerschaft, ein Jobangebot in einer anderen Stadt, Anforderungen aus der Grossfamilie. Jetzt muss die gemeinsame Zukunft so entworfen werden, dass sich beide noch beruflich verwirklichen koennen.

Das ist selten die logistisch einfachste Loesung. Wenn man nur dem finanziellen Aspekt folgt - immer dem hoeheren Gehalt -, bedeutet das fuer den weniger Verdienenden immer, zurueckstecken zu muessen. Geld bestimmt aber nur einen Teil unserer Lebensqualitaet. Freundschaften, Familie, eigene Karrierechancen - all das dem finanziellen Aspekt unterzuordnen waere ein Fehler.

Dieser erste Wechsel gelingt am besten, wenn ihr einen Rahmen schafft, um eure gemeinsamen Werte und Ziele zu besprechen - und dann offen ueber Aengste, Hoffnungen und Sorgen redet.

2. WECHSEL: Von fremden Erwartungen zur eigenen Neufindung

Besonders zu Beginn der Karriere erfuellen wir haeufig noch fremde Erwartungen - oft die unserer Eltern. Ein Stueck weit leben wir deren Traeume. Um die 40 kommt der Zeitpunkt, an dem wir damit aufhoeren und uns fragen: Wer will ich eigentlich wirklich sein, losgeloest von den Erwartungen anderer?

Dieser Prozess der Neufindung dauert eine Weile und erstreckt sich auf viele Lebensbereiche. Wenn beide Partner gleichzeitig dabei sind, sich neu zu definieren, werden viele bisherige Vereinbarungen infrage gestellt - und muessen neu verhandelt werden.

Was hilft in dieser Phase? Als Erstes: fuereinander die groessten Unterstuetzer sein. Eine solche Umbruchphase kann heilsam sein und Wunderbares hervorbringen - aber sie braucht jemanden, der einen traegt. Vermeide es, in dieser Phase die Beziehung an sich infrage zu stellen. Vertrau darauf, dass das, was noch unklar ist, mit der Zeit an die richtige Stelle fallen wird.

3. WECHSEL: Abschiede und neue Moeglichkeiten

Der dritte Wechsel kommt meist etwas spaeter als die Midlife-Phase. Verluste bestimmen jetzt das Rollenverstaendnis: Elternteile, die versterben oder gepflegt werden muessen, Kinder, die den gemeinsamen Haushalt verlassen. Das Empty-Nest-Syndrom ist klassisch fuer diese Phase. Man stellt fest, dass man auf einem Plateau ist, und manchmal hat man das Gefuehl, die Kollegen zaehlen einen zum alten Eisen.

Die Frage ist aber dieselbe wie in der Midlife-Phase: Wer will ich sein und wie will ich leben? Diese Phase ist weniger aktionistisch als die Midlife-Phase - es geht darum, aus den gesammelten Erfahrungen zu schoepfen und daraus etwas Neues wachsen zu lassen. Die Lebenserwartung steigt, die Moeglichkeiten sind fast unbegrenzt.

Was hilft? Sich Zeit nehmen, um die vorhandenen Emotionen zu wuerdigen. Trost und Ermutigung durch den Lieblingsmenschen. Und: Rollenvorbilder suchen, die zeigen, wie das letzte Lebensdrittel anders gelebt werden kann als im Ruhemodus.

FAZIT

Wenn du Beruf und Beziehung in Einklang bringen moechtest, gibt es viele Stolpersteine - aber genauso viele Moeglichkeiten, etwas zu veraendern. Ein Kernpunkt, der sich durch dieses Thema zieht, ist die Frage: Schafft ihr es, miteinander im Gespraech zu bleiben? Das ist die Grundlage, von der aus alles andere beginnen kann.

Wenn du Lust hast, an der Kommunikation mit deinem Lieblingsmenschen etwas zu veraendern, dann hilft dir vielleicht meine Mini-Challenge. Den Link dazu findest du in den Shownotes. Du bekommst an fuenf Tagen eine E-Mail von mir mit einer kleinen Tagesaufgabe, die dir hilft, ueber Kommunikation nachzudenken und das eine oder andere zu veraendern.

Ich freue mich, dass du zugehoert hast. Bis zum naechsten Mal, dein Thorsten.

Über diesen Podcast

Eine Beziehung ist wie ein Weg mit vielen Wegbiegungen – manchmal führt er bergauf, manchmal durch unwegsames Gelände. Doch auch wenn sich Paare zeitweise verlaufen oder der gemeinsame Pfad unklar wird, gibt es immer die Möglichkeit, neue Richtungen einzuschlagen.

In diesem Podcast begleite ich euch dabei, eure Beziehungsdynamiken zu verstehen und bewusste Entscheidungen für euren gemeinsamen Weg zu treffen. Ob es um Kommunikation geht, um das Spannungsfeld zwischen Nähe und Freiraum oder um alte Muster, die sich immer wieder zeigen – hier findet ihr systemische Perspektiven und praktische Impulse für mehr Klarheit in eurer Partnerschaft.

Die Natur spielt dabei eine besondere Rolle. Sie zeigt uns, dass Wachstum Zeit braucht, dass Veränderung natürlich ist und dass auch nach schwierigen Phasen neue Möglichkeiten entstehen können.

Jede Episode bringt euch konkrete Erkenntnisse mit, die ihr direkt in euren Alltag integrieren könnt – ohne Patentrezepte, aber mit fundierten Ansätzen aus der systemischen Paartherapie.

Wo steht eure Beziehung gerade?
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Den Beziehungscheck und weitere Impulse findet ihr auf https://www.thorsten-koecher.de/beziehungscheck/utm_source=podcast&utm_medium=podcastbeschreibung

von und mit Thorsten Köcher

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