Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung. Mein Name ist Thorsten Köcher, ich bin Paartherapeut, und ich freue mich, dass du zuhörst.
In der letzten Episode haben wir darüber gesprochen, wie wichtig es ist, die beiden Pole Autonomie und Bindung in Einklang zu bringen. Und heute möchte ich einen Schritt weitergehen, nämlich der Frage nachgehen: Wie machen wir das ganz konkret, wenn wir Zeit für uns als Paar brauchen, aber kleine Kinder haben oder gerade Mutter oder Vater geworden sind und gar nicht wissen, wo wir die Zeit hernehmen sollen?
Die Frage, die ich in diesem Zusammenhang sehr häufig höre, lautet: Wie viel Zeit sollen wir uns nehmen? Ist einmal in der Woche gut genug, einmal im Monat, einmal im Halbjahr? Was brauchen wir, wie viel Nähe brauchen wir, damit wir uns nicht aus den Augen verlieren?
Das ist eine Frage, die jedes Paar für sich selbst beantworten muss. Wie viel Nähe braucht ihr, um euch gut in eurer Beziehung zu fühlen, um das Gefühl zu haben: Ich werde gesehen, ich werde wahrgenommen, da ist jemand, mit dem ich Zeit genießen kann? Das müsst ihr letztlich selbst entscheiden.
Was ich aber häufig beobachte, ist, dass sich Paare zu viel vornehmen. Gerade wenn ihr kleine Kinder habt und sagt: „Wir wollen aber einmal in der Woche Zeit für uns als Paar haben" – das ist häufig gar nicht umsetzbar und führt dann zu Frust. Für die allermeisten Paare mit kleinen Kindern ist ein Rhythmus wie einmal im Monat gemeinsam ausgehen ein guter Maßstab. Wenn das klappt, dann macht ihr das wirklich gut. Nehmt euch also lieber weniger vor, und sorgt dann dafür, dass die Zeit, die ihr miteinander habt, wirklich gut ist.
Wie macht ihr das nun ganz konkret – vor allem dann, wenn keine Tanten, keine Onkel und keine Eltern da sind, die euch die Kinder abnehmen könnten? Dafür gibt es drei Strategien, die ihr auch miteinander kombinieren könnt.
Strategie Nummer 1: Ihr verzichtet auf einen Babysitter und gönnt euch Paarzeit dann, wenn die Kinder im Bett sind. Ihr könnt im Wohnzimmer picknicken, zusammen in die Badewanne steigen, euch auf der Couch gegenseitig vorlesen oder anderes unternehmen. Schaut, wie weit euer Babyphone reicht – vielleicht habt ihr auch einen Garten, in dem ihr es euch gemütlich machen könnt.
Der Vorteil liegt auf der Hand: Ihr braucht keinen Babysitter, müsst nichts im Voraus klären. Aber ihr müsst euch auf eine Zeit einigen und die Dinge, die ihr sonst noch erledigen würdet, bewusst hintenanstellen. Der Geschirrspüler muss an dem Abend nicht ausgeräumt werden, das Bad nicht geputzt werden – das ist dann die Zeit, die ihr für euch reserviert habt. Alles andere bleibt liegen.
Das ist auch die eigentliche Herausforderung dieser Strategie: sich trotz Schlafmangel, trotz unaufgeräumter Wohnung, trotz vieler wartender Aufgaben Zeit zu nehmen und zu sagen: Jetzt lassen wir alles andere liegen und setzen uns zusammen und genießen einander. Das Schöne daran ist auch, dass ihr zu Hause seid und euch nicht von eurem Kind trennen müsst – was gerade am Anfang entlastend sein kann. Die Kehrseite: Ihr könnt unterbrochen werden, wenn ein Kind nochmal weint oder aus dem Bett kommt.
Strategie Nummer 2: Wenn ihr wirklich ausgehen möchtet – essen gehen, ins Kino oder einfach spazieren – braucht ihr einen Babysitter. Greift entweder auf euer Netzwerk zurück: Nachbarn, Bekannte aus der Kirche, Arbeitskollegen, Menschen denen ihr vertraut. Oder ihr findet einen bezahlten Babysitter – über Plattformen im Internet oder einen Aushang an der nächsten Oberschule. Ich bin ziemlich sicher, dass ihr so schnell jemanden finden werdet.
Wenn ihr das tut, nehmt euch Zeit, damit eure Kinder und ihr den Babysitter vorher kennenlernen könnt. Nicht nur damit die Kinder weniger fremdeln, wenn jemand Fremdes in der Wohnung ist – sondern auch, damit ihr selbst einen Eindruck bekommt, wer für eineinhalb bis zwei Stunden auf eure Kinder aufpasst.
Ich erinnere mich noch gut an das erste Mal, als wir unser kleines Baby bei jemand Fremdem gelassen haben. Wir konnten uns auf die geplante Paarzeit kaum einlassen, weil wir die ganze Zeit daran gedacht haben, wie es unserem Sohn gerade geht. Das wird euch beim ersten Mal wahrscheinlich ähnlich gehen. Ich kann euch aber versichern: Das wird mit der Zeit besser. Ihr lernt abzuschalten und euch wirklich auf euren Lieblingsmenschen einzulassen.
An dieser Stelle möchte ich kurz auf einen Workshop hinweisen, den ich gemeinsam mit einem befreundeten Paartherapeuten entwickelt habe. Er trägt den Titel: „Eltern sein, liebes Paar bleiben". Er findet am 27. November statt, und ihr könnt euch jetzt schon auf die Warteliste setzen lassen. Den Link findet ihr in den Shownotes oder unter thorsten-koecher.de/liebes-paar-trotz-kinder.
In dem Workshop schauen wir uns an, wie ihr Arbeit, Freizeit, Familie und Partnerschaft unter einen Hut bringt, welche Rollen und Werte euch leiten, wo ihr faule und gute Kompromisse schließt, wie eure Bindungserfahrungen bis heute wirken – und natürlich das Thema Romantik und Intimität. Ihr könnt allein, als Patchwork-Elternteil oder als Paar teilnehmen.
Jetzt zur dritten Strategie: Was, wenn ihr gerade niemanden habt, auf den ihr zurückgreifen könnt? Dann könnt ihr langfristig ein Netzwerk aufbauen. Geht in Krabbelgruppen, besucht Elternabende, sprecht mit anderen Müttern und Vätern. Aus diesen Kontakten entstehen Freundschaften – und in diesen Freundschaften entsteht die Möglichkeit, sich gegenseitig zu unterstützen. Das passiert nicht von heute auf morgen, aber es ist langfristig sehr bereichernd: Ihr findet nicht nur Unterstützung bei der Kinderbetreuung, sondern knüpft Freundschaften und lernt Menschen kennen, die euch als Paar und als Familie weiterbringen.
Kurz zusammengefasst: Wenn ihr Zeit mit eurem Lieblingsmenschen verbringen möchtet, könnt ihr auf einen Babysitter verzichten und zu Hause Paarzeit gestalten, sobald die Kinder schlafen. Ihr könnt kurzfristig einen Babysitter finden – über euer Netzwerk oder gegen Bezahlung. Und wenn ihr noch kein Netzwerk habt, könnt ihr eines aufbauen: durch Krabbelgruppen, Babyschwimmen, Elternabende oder den Kindergarten. Aus diesen Kontakten entstehen Freundschaften, in denen ihr euch gegenseitig entlasten könnt.
Ich hoffe, diese Episode hatte den ein oder anderen Gedanken dabei, der dir hilft, Zeit mit deinem Lieblingsmenschen zu finden. Ich wünsche dir alles Gute – vielleicht sehen wir uns beim Workshop. Bis zum nächsten Mal, dein Thorsten.