Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo und herzlich willkommen – schön, dass du hier bist.
Du hörst Gut in Beziehung, den Paartherapie-Podcast, und ich freue mich sehr, dass du dir heute die Zeit nimmst und zuhörst.
Heute möchte ich dir ein Konzept vorstellen, das ich in meinen Paartherapie-Sitzungen recht häufig einsetze: das Konzept von Gary Chapman – die fünf Sprachen der Liebe.
Gary Chapman hat mehrere Bücher zu diesem Thema geschrieben. Er beschreibt darin, woran es liegt, dass manche Paare sehr harmonisch miteinander umgehen können – auf einer Wellenlänge sind – und andere Paare, obwohl sie das gerne möchten, irgendwie nicht zusammenkommen und regelmäßig aneinander vorbeireden.
Es ist ein bisschen so, als würden zwei Menschen unterschiedliche Sprachen sprechen. Ich erinnere mich, dass wir vor ein paar Jahren als Familie in England waren. Ich habe meinen Kindern die Aufgabe gegeben: „Ihr habt doch alle Englisch in der Schule gehabt – geht mal zum Bäcker und holt Brötchen, wir warten hier und schauen, was passiert." Meine Kinder kamen zurück mit Brötchen, aber sie haben berichtet, dass sie mehr mit Händen und Füßen kommunizieren mussten, um klar zu machen, was sie bestellen wollten.
Und manchmal geht es uns in unseren Partnerschaften genauso. Wir möchten geliebt und wertgeschätzt werden, wir möchten Liebe und Wertschätzung schenken – aber irgendwie funktioniert es nicht gut. Vielleicht liegt es genau wie bei meinen Kindern daran, dass wir die Sprache des anderen nicht gut genug beherrschen.
Es macht also durchaus Sinn, sich damit zu beschäftigen: Welche Sprache spreche ich? Welche Sprache spricht mein Partner oder meine Partnerin? Und dann ins Üben zu kommen – zu überlegen, wie schaffe ich es, mehr von der Sprache meiner Partnerin zu sprechen, damit sie das Gefühl hat, geliebt und wertgeschätzt zu werden.
Das ist ein Lernprozess. So wie beim Fremdsprachenlernen geht das nicht von heute auf morgen. Es sind Dinge, die wir Schritt für Schritt lernen, ausprobieren und anpassen – und merken, was gut funktioniert und was weniger gut funktioniert. Diesen Lernprozess finde ich in meiner eigenen Beziehung sehr spannend, und ich kann euch nur einladen, diesen Schritt zu gehen.
In meinen Therapiesitzungen habe ich zum Beispiel Paare, die häufig aneinander vorbeireden. Die Partnerin sagt: „Ich fühl mich überhaupt nicht wahrgenommen. Ich bekomme kaum Umarmungen, ich höre kaum Worte wie ich hab dich lieb." Und der Partner sagt: „Aber ich kümmere mich doch so viel – ich bringe die Kinder ins Bett, ich gehe zu den Elternabenden, ich kümmere mich ums Auto und um die Steuererklärung. Ich mache so viel, um ihr zu zeigen, dass ich sie liebe – aber irgendwie kommt das nicht an." Genau das ist der Punkt von Gary Chapman: Wir sprechen unterschiedliche Sprachen, und der andere versteht uns nicht, wenn wir nicht seine Sprache sprechen.
Was wir in diesem Zusammenhang tun können, geht in zwei Richtungen. Zum einen: Herausfinden, was die eigene Muttersprache ist – welche Form der Liebessprache ich am liebsten spreche und am liebsten höre. Und zum anderen: Herausfinden, was die Muttersprache meines Partners ist – was er oder sie besonders gerne hört, wobei er oder sie sich wertgeschätzt und geliebt fühlt. Wenn man das weiß, kann man anfangen, diese Sprache zu lernen. Ähnlich wie bei einer Fremdsprache: Ich muss Zeit investieren, anfangen, Vokabeln zu lernen, zu üben – und werde dann Stück für Stück besser.
Welche Sprache wir sprechen, ist tatsächlich eine Art Muttersprache – sie spiegelt die Art und Weise wider, wie wir als Kinder Nähe, Zuwendung und Wertschätzung erfahren haben. Wie wir das in den Beziehungen unserer Eltern wahrgenommen haben. Das nehmen wir in uns auf und geben es dann auch so weiter – und hoffen, dass es funktioniert.
Meistens sprechen wir mehrere Sprachen und haben uns manches irgendwo abgeschaut – aber es gibt eine Sprache, die wir ganz besonders bevorzugen, die wir am liebsten sprechen und am liebsten hören.
Wenn du dir in deiner Partnerschaft wünschst, nicht mehr aneinander vorbeizureden, macht es Sinn, diese Sprachen zu lernen. Deshalb möchte ich dich zu einer kleinen Challenge einladen. Den Link dazu findest du in den Show Notes. In der Challenge – die auch einen kleinen Test enthält – kannst du feststellen, welche Sprache du sprichst, was deine Muttersprache ist, und kannst herausfinden, welche Sprache dein Partner oder deine Partnerin spricht. Danach bekommst du fünf Tage lang täglich einen Input in Form einer Videobotschaft, um die ersten Vokabeln in dieser Sprache zu lernen. Ich freue mich, wenn du dabei bist – klick einfach auf den Link in den Show Notes.
Okay, jetzt steigen wir tiefer ein in das Konzept von Chapman und die fünf Sprachen der Liebe.
Chapman unterscheidet fünf Liebessprachen – fünf Arten, wie wir Liebe mitteilen können, wie wir Wertschätzung ausdrücken können, aber auch fünf Arten, wie wir Liebe selbst empfangen möchten.
Die erste Sprache: Worte der Zuneigung.
Mit Worten, mit Lob, mit Komplimenten, mit Anerkennung und mit Verständnis können wir ausdrücken, dass wir jemanden mögen, lieben und wertschätzen. Wenn das deine Sprache ist, dann ist es wahrscheinlich die Art, wie deine Eltern dir Liebe und Wertschätzung gezeigt haben – indem sie dir das in Worten mitgeteilt haben.
Es kann auch sein, dass es ein bisschen damit zusammenhängt, wie hoch dein Selbstwertgefühl ist. Wenn du dich stark abhängig von Lob und Anerkennung deines Partners fühlst, könnte es helfen, an deinem Selbstwertgefühl zu arbeiten, um dieses Bedürfnis nach Bestätigung etwas zu reduzieren.
Wenn deine Partnerin diese Sprache spricht – also Worte der Anerkennung bevorzugt – du aber in einem Umfeld aufgewachsen bist, in dem Liebe nicht durch Worte ausgedrückt wurde, dann kann es sein, dass du im ersten Moment sprachlos bist, weil dir die passenden Worte fehlen. Du musst dann zum einen deinen aktiven Wortschatz aufstocken, die richtigen Worte finden und dich auch trauen, sie auszusprechen.
Die größte Hürde, die ich bei vielen Menschen beobachte, die diese Sprache nicht als Muttersprache haben, ist: sich zu trauen, Wertschätzung und Liebe in Worten auszudrücken. Wenn du das tust, wirkt es am Anfang vielleicht etwas hölzern oder unnatürlich – aber wie bei jeder Sprache gilt: Mit der Zeit wird es leichter, die Worte kommen dann fließender über die Lippen.
Das ist übrigens auch nicht meine Muttersprache, und es fällt mir selbst nicht immer leicht, Komplimente und Anerkennung in Worten auszudrücken. Deswegen weiß ich, wie unnatürlich es sich am Anfang anfühlen kann. Aber ich weiß auch, dass man hineinwächst – und ich kann nur ermutigend sagen: bleibt dran.
Drei Impulse für heute oder morgen: Erstens, mach deiner Partnerin oder deinem Partner gleich morgen früh beim Aufstehen ein Kompliment. Zweitens, drück deine Dankbarkeit aus – überlege, wofür du in den letzten Tagen besonders dankbar warst, und sag es. Drittens, es kann auch etwas ganz Kleines sein: ein einfaches „Ich hab dich lieb" zwischendurch. Diese kleinen Dinge, die man nicht immer hört, weil man diese Sprache nicht spricht, können den Tag des anderen buchstäblich verändern.
Die zweite Sprache: Geschenke.
Kleine Geschenke halten die Freundschaft, sagt man – und für manche Menschen ist das tatsächlich die Muttersprache. Sie fühlen sich besonders geliebt, wenn sie beschenkt werden. Und es muss nichts Großes sein – es muss nur wohl überlegt sein. Wenn du jemandem etwas schenkst, bedeutet das für den anderen: Dieser Mensch hat sich Gedanken gemacht, hat überlegt, was ich gerade brauche oder womit er mir eine Freude machen könnte – und hat sich dann auf den Weg gemacht, es zu besorgen, zu basteln oder zu kaufen.
Es geht nicht nur um das Geschenk selbst, sondern um die Gedanken und Überlegungen dahinter. Und wenn dein Geschenk ein bisschen um die Ecke gedacht ist, dann erkläre es ruhig: Ich habe das gemacht, weil ich dachte, es könnte dir helfen – oder weil ich weiß, dass du das gerade brauchst.
Zwei wichtige Aspekte bei dieser Liebessprache: Erstens, du musst dir wirklich Gedanken machen. Ein Geschenk ohne Nachdenken kommt auch genauso an – der andere merkt, ob du dir Mühe gegeben hast oder nicht. Zweitens, ein Geschenk darf niemals mit einem Gefühl von Verpflichtung verbunden sein. Es muss immer frei und aus dem Herzen kommen.
Drei Ideen zum Verschenken: Eine kleine Nascherei in die Arbeitstasche stecken. Etwas, das zu einem aktuellen Projekt deines Partners passt – meine Frau zum Beispiel ist Erzieherin und arbeitet gerade an Portfolios für die Kinder. Fotoeinsteckecken zum Bilder einkleben wären in dem Moment das genau richtige Geschenk.
Die dritte Sprache: Hilfsbereitschaft.
Wenn Hilfsbereitschaft in deiner Familie großgeschrieben wurde und du besonders viel Wertschätzung erhalten hast, wenn du jemandem geholfen hast, dann ist das wahrscheinlich deine Sprache. Es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten zu helfen – große und kleine Dinge. Wichtig ist, dass du es freiwillig tust, möglichst ohne Aufforderung, um zu zeigen, dass du den anderen liebst und wertschätzt.
Es geht darum, die extra Meile zu gehen, Zeit und Energie zu investieren und auch mal unbequeme Dinge zu tun – aus der Komfortzone herauszugehen, um das Leben deines Lieblingsmenschen zu erleichtern. Du erkennst, dass das deine Sprache ist, nicht nur daran, dass du gerne hilfst, sondern auch daran, dass es dir leichtfällt, selbst um Hilfe zu bitten.
Mir persönlich fällt es relativ leicht, anderen zu helfen, und ich finde es wichtig, vorausschauend zu denken: Was könnte meinem Lieblingsmenschen das Leben gerade erleichtern?
Drei Ideen: Kümmere dich heute oder morgen ums Essen, damit deine Partnerin nicht in die Lage kommt, kochen zu müssen. Falls ihr ein gemeinsames Projekt habt – ein Zimmer streichen, den Garten umgestalten – mach schon mal den nächsten Schritt. Und überlege, ob es für deinen Partner gerade eine aktuelle Herausforderung gibt, bei der du unterstützen kannst.
Die vierte Sprache: Zweisamkeit.
Hier geht es um Quality Time – darum, dass dein Gegenüber, dein Partner, deine ungeteilte Aufmerksamkeit bekommt und wirklich im Mittelpunkt steht. Wenn das die Muttersprache deines Partners ist, dann empfindet er oder sie es als besonderen Ausdruck von Liebe und Wertschätzung, wahrgenommen und gesehen zu werden.
Zweisamkeit ist übrigens die Muttersprache meiner Frau. Das heißt: Wenn ich möchte, dass sie sich geliebt und wertgeschätzt fühlt, bedeutet das, ich stelle sie in den Mittelpunkt und schenke ihr meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Der Fernseher bleibt aus, das Handy kommt weg – und ich höre einfach 20 Minuten lang zu.
Zweisamkeit bedeutet aber nicht nur aktives Zuhören. Ihr könnt zusammen ein altes Brettspiel spielen, das ihr lange nicht mehr gespielt habt. Du könntest etwas von dir teilen, was du im Alltag sonst nicht teilst. Oder ihr macht das, was ihr am liebsten getan habt, als ihr euch kennengelernt habt.
Etwas, das meine Frau und ich sehr genießen: Wir lesen uns gegenseitig vor. Das ist etwas, das den anderen auf eine ganz kuschelige Weise in den Mittelpunkt stellt.
Die fünfte Sprache: Körperliche Berührung.
Wenn du in einer Familie aufgewachsen bist, in der Liebe und Wertschätzung durch körperliche Nähe ausgedrückt wurden, dann ist das deine Muttersprache. Es ist übrigens auch meine – das, was ich am allerliebsten höre.
Wenn du dagegen in einer Familie aufgewachsen bist, in der körperliche Nähe eher als Grenzüberschreitung empfunden wurde, dann wird es am Anfang sehr ungewohnt sein, jemanden in den Arm zu nehmen oder zu berühren. Das erfordert Übung – aber es ist lernbar.
Drei Impulse, wenn das die Sprache deines Partners ist: Nimm ihn oder sie einfach mal länger in den Arm als gewohnt. Nimm die Hand deines Partners in einem Moment, in dem er oder sie das nicht erwartet. Oder überrasch ihn oder sie mit einer kurzen Nackenmassage zwischendurch.
Lassen wir mich zum Schluss nochmal auf das Vorlesen zurückkommen – und erklären, warum das für uns so gut funktioniert. Wenn wir auf der Couch sitzen und uns gegenseitig vorlesen, bedeutet das für meine Frau: Ich bin im Mittelpunkt, ich werde wahrgenommen, mein Partner liest mir vor. Für mich bedeutet es: Ich bin da, ich kann kuscheln, ich erlebe körperliche Nähe. Es ist eine Aktivität, in der wir beide gleichzeitig unsere Liebessprache sprechen – und das ist der Punkt.
Wenn ihr unterschiedliche Sprachen sprecht, lohnt es sich, nach Aktivitäten zu suchen, in denen beide Sprachen gleichzeitig gesprochen werden können. Paare, die dieselbe Sprache sprechen, haben es natürlich besonders leicht. Aber Paare, bei denen das nicht so ist – wie bei mir und meiner Frau –, die müssen am Anfang eine fremde Sprache lernen. Und ich kann euch sagen: Es lohnt sich wirklich. Es hat einen echten Einfluss auf eure Beziehung.
Deshalb lade ich euch nochmal herzlich ein, an der Challenge teilzunehmen. Sie dauert fünf Tage, ihr bekommt jeden Tag eine Videobotschaft von mir mit Möglichkeiten, die Sprache eures Partners zu sprechen und weiteren Tipps zum Thema Fünf Sprachen der Liebe. Der Link ist in den Show Notes.
Wenn ihr tiefer in das Thema einsteigen wollt, empfehle ich euch das Buch von Gary Chapman: Die fünf Sprachen der Liebe – wie Kommunikation in der Partnerschaft gelingt. Chapman hat mehrere Bücher geschrieben – zu Kindern, zu Familien. Für Partnerschaften ist das genannte Buch das, was ich am ehesten empfehlen würde.
Ich freue mich riesig, dass ihr drangeblieben seid und mir so lange zugehört habt. Ihr könnt mir und diesem Podcast einen großen Gefallen tun, indem ihr ihn auf iTunes bewertet und einen Kommentar hinterlasst – das hilft, damit mehr Menschen diesen Podcast finden und er ihnen helfen kann. Ich freue mich über jedes Feedback. Und ich freue mich, wenn ihr das nächste Mal wieder dabei seid. Bis dann – tschüss!