Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung. Mein Name ist Thorsten, ich bin Paartherapeut und ich freue mich, dass du mir zuhörst. Heute will ich mit dir über ein Schlüsselkonzept sprechen, das dir hilft, eine glücklichere Beziehung zu führen.
Zuallererst: Ich glaube, dass wir fast immer den richtigen Partner oder die richtige Partnerin an unserer Seite haben. Ich glaube, unser Unterbewusstsein hilft uns, jemanden auszusuchen, der der richtige Mensch ist – damit wir wachsen können, damit die Dinge, die uns verletzt haben, heilen können, und damit wir als einzelne, aber auch als Paar näher zusammenkommen können. Und deshalb glaube ich: Wenn sich zwei Menschen füreinander entscheiden, dann ist das schon die halbe Miete.
Wenn ihr das Gefühl habt: Ja, wir sind zusammen, aber unsere Beziehung könnte glücklicher sein – dann gibt es ein Konzept, das ganz elementar ist, weil damit so viele andere Dinge verknüpft sind. Und das sind die beiden Pole: Bindung und Autonomie. Dahinter steckt die Frage: Wieviel Nähe brauchen wir als Paar? Wieviel Zeit brauchen wir füreinander? Und wieviel Zeit brauche ich alleine für mich? Das in eine gute Balance zu bringen und das auf Augenhöhe miteinander zu verhandeln – darum geht es heute.
Diese beiden Pole – Bindung und Autonomie – bestimmen wie kaum ein anderes Thema, wie ich mich in meiner Beziehung fühle, wie ich denke und wie ich handle. Was ich in meinen Paartherapien sehr häufig beobachte: Wenn wir diesem Thema Raum geben, findet häufig ein Paradigmenwechsel statt. Es geht dann nicht mehr darum: Mein Partner muss meine Bedürfnisse erfüllen, und gerade bin ich unglücklich, weil er das nicht gut genug macht. Sondern: Ich habe Zeit, mich aufzuladen, mich gut um mich selbst zu kümmern – und meinen Partner dann aus echter Fülle heraus zu beschenken. Das bedeutet, dass man sehr viel Frust hinter sich lassen kann, weil man nicht mehr so abhängig ist vom Lieblingsmenschen, was die eigenen Bedürfnisse angeht.
Ich habe mich gefragt, wie das bei den meisten Paaren aussieht, und deshalb habe ich einige O-Töne in einem Berliner Stadtpark gesammelt.
O-Ton 1: Paar ohne Kinder (Felix und Aline)
Thorsten: Was genießt ihr als Paar besonders gerne zusammen?
Felix: Wir gehen viel mit dem Hund spazieren, unternehmen Ausflüge. Und wir bauen und werkeln total gerne. Wir haben auch gerade einen VW-Bus gekauft.
Aline: Generell die Zeit zu zweit. Heute haben wir noch vor, uns auf die Couch zu setzen, Kaffee zu trinken, selbst gebackene Muffins zu essen und zusammen etwas zu schauen.
Thorsten: Gibt es auch Dinge, die ihr gerne alleine macht?
Aline: Ja, wir wohnen auch getrennt. Das schätzen wir. Ich habe eine Erkrankung, die man mir nicht ansieht – deshalb brauche ich auch die Zeit alleine, um mich ausruhen zu können.
Felix: Ich bin ein sehr introvertierter Typ und brauche Zeit für mich. Ich gehe viel laufen – das mache ich gerne alleine. Aline hat dafür Verständnis, von daher funktioniert das gut.
Aline: Ich backe total gerne – das ist dann auch meine Zeit für mich. Und ich mache Sport alleine. Wir sehen uns etwa dreimal die Woche, meistens auch am Wochenende.
Thorsten: Wenn ihr Zeit geschenkt bekommt – würdet ihr die eher in die Paarbeziehung oder in die Alleinzeit investieren?
Felix: Ich würde beides sagen. Wenn ich ein freies Zeitfenster habe, überlege ich immer: Was kann ich alleine machen, und was können wir gemeinsam machen? Wie holen wir das Beste aus der Zeit heraus?
Das Pärchen, das ihr gerade gehört habt, scheint das Thema Bindung und Autonomie gut auf dem Schirm zu haben. Kein Wunder, werdet ihr vielleicht sagen – die haben ja keine Kinder.
Und jetzt kommt das wirklich Spannende: Bindung und Autonomie ist der größte Prädiktor für eine glückliche Beziehung, wenn ihr Kinder habt. Das heißt: Man kann an der Art und Weise, wie ein Paar mit Nähe und Distanz umgeht, ablesen, wie glücklich es als Paar sein wird, wenn Kinder dazukommen. Ich kann mich gut daran erinnern, wie unser erstes Kind geboren wurde. Ich hatte gerade angefangen zu studieren, arbeitete nebenbei – es war eine massive Umstellung und eine große Belastung für uns als Paar. Trotzdem haben wir das halbwegs gut gemeistert. Aber ich verstehe sehr gut, dass Kinder auch dazu führen können, dass man sich auf der Paarebene aus den Augen verliert.
Philip Cohen, Professor an der University of Maryland, hat dazu eine große Studie vorgelegt. Einige Fakten daraus: 92 Prozent der Paare berichten, dass Konflikte zugenommen haben, nachdem das erste Kind da war. 13 Prozent trennen sich innerhalb des ersten Jahres nach der Geburt. Und nach 18 Monaten sagt jedes vierte Paar, dass seine Beziehung stark belastet ist. Kinder stellen wirklich alles auf den Kopf: Schlafmangel, Entfremdung, die Herausforderung, sich in neue Rollen zu finden. Das sind echte Belastungsproben für Eltern. Und trotzdem – ich finde, es gibt nichts Schöneres, als Kinder zu haben.
Was ist also der größte Schutzfaktor, um nicht zu den 13 Prozent zu gehören, die sich trennen? Neben vielen anderen Faktoren ist es: Bindung und Autonomie. Cohen differenziert noch etwas: Er spricht von viel Zugewandtheit – also viel Bindung, viel Nähe – und einem mittleren Ausmaß an Autonomie.
O-Ton 2: Vater mit Kindern
Thorsten: Bist du in einer festen Beziehung?
Mann: Ja.
Thorsten: Du bist hier mit drei Kindern unterwegs.
Mann: Zwei sind meine, das ist die Tochter meiner Freundin. Sie joggt gerade eine Runde, dann ziehen wir weiter.
Thorsten: Was macht ihr als Paar besonders gerne zusammen?
Mann: Einfach nur Zeit miteinander haben – die ist immer etwas knapp. Wir gehen gerne in der Natur spazieren, manchmal auch eine Kulturveranstaltung.
Thorsten: Gibt es auch Dinge, die du gerne alleine machst?
Mann: Ich lese gerne ein Buch und versuche, etwas Ruhe zu finden. Gartenarbeit ist ein wirklich guter Ausgleich für mich. Und manchmal eine Serie bei Netflix schauen.
Thorsten: Wenn du mehr Zeit hättest – würdest du die eher in die Beziehung oder in deine Alleinzeit investieren?
Mann: In die Beziehung.
Bindung und Autonomie hilft euch gegen die Klassiker, die auftreten, wenn Kinder auf die Welt kommen. Ein Klassiker ist, dass eine werdende Mutter das Gefühl hat: Ich werde nicht genügend unterstützt. Es gibt zu wenig Nähe, zu wenig Zuwendung. Das führt zu Vorwürfen und Konflikten. Ein anderer Klassiker: Männer fühlen sich ausgeschlossen – besonders dann, wenn die Bindung zwischen Mutter und Kind sehr eng ist. Der Mann zieht sich zurück, wirkt vielleicht zunehmend zynisch.
Bindung und Autonomie hat aber nicht nur Auswirkungen auf euch als Paar, sondern auch auf eure Familie – und auf eure Kinder. Virginia Satir, Familientherapeutin, hat gesagt: Ihr seid die Architekten eurer Familie. Als Paar bildet ihr das Fundament. Je stärker ihr als Paar seid, desto besser funktioniert eure Familie. Und was ist der beste Schutzfaktor für eure Kinder? Bindung und Autonomie in eurer Partnerschaft. Denn es gibt einen positiven Spillover: Du schöpfst als Vater oder als Mutter Kraft, weil du in einer glücklichen Beziehung lebst – und kannst dann kompetenter mit deinem Kind umgehen.
Ich möchte euch einladen, heute euren Status quo anzuschauen. Wo steht ihr als Paar? Wie viel Zeit habt ihr füreinander? Was macht ihr, wenn ihr Zeit miteinander habt? Und wie viel Zeit hast du für dich – für deine Bedürfnisse, deine Hobbys, deine Freunde, deine Selbstverwirklichung?
Kommt ins Gespräch miteinander – mit einem wertschätzenden Blick für eure Bedürfnisse. Schaut, wo ihr steht. Und vielleicht könnt ihr sogar überlegen, was ein erster kleiner Schritt wäre, um mehr Balance zwischen Nähe und Distanz zu bringen. Das können ganz kleine Schritte sein. Ich weiß: Es gibt Zeiten, da ist man froh, wenn man drei Minuten alleine auf der Toilette sitzt, wenn kleine Kinder um einen herumsausen. Insofern: ganz kleine Schritte. Mehr Balance zwischen Autonomie – dem, was du alleine brauchst – und Bindung – dem, was ihr als Paar braucht.
Ich wünsche euch ganz viel Erfolg dabei und freue mich, wenn ihr das nächste Mal wieder dabei seid. Tschüss, euer Thorsten.