Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen
Eigentlich mag ich meine Haarfarbe gar nicht so – aber mein Mann mag mich am liebsten blond. Oder: Ich habe sogar fünf Kilo abgenommen, aber es hat irgendwie nichts gebracht.
Das sind Sätze, die häufiger in meiner Paartherapie fallen. Und genau um die soll es heute gehen.
Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung, deinem Paartherapie-Podcast. Heute geht es um Bodyshaming in der Beziehung – ein Thema, das mir gar nicht so selten begegnet.
Bodyshaming ist eigentlich ein ziemlich harter Begriff für das, was ich meine. Ich benutze ihn trotzdem, damit alle wissen, worum es geht. Denn in Beziehungen ist dieses Bodyshaming etwas ganz Subtiles. Es sind kleine Randbemerkungen, die hier und da mal fallen gelassen werden. Ein Scherz über zu viel Gewicht auf den Hüften, irgendwelche Kleinigkeiten, an denen der Partner oder die Partnerin etwas festmacht. Die Botschaft ist aber immer dieselbe: Du bist nicht okay, so wie du bist. Du genuegst mir nicht. Du musst dich verändern, um für mich genug zu sein.
Und es geht nicht nur darum, dass jemand nicht genügt – es geht auch um Objektivierung. Das heisst: jemanden auf seine Äußerlichkeiten zu reduzieren. In meinen Paartherapien taucht das Thema Objektivierung oft nur in Nebenbaemerkungen auf. Aber weil dahinter meistens eine ganz spannende Beziehungsdynamik steckt, ist es mir immer wichtig, das auf den Tisch zu holen und näher anzuschauen.
Bodyshaming kann Maennern und Frauen widerfahren. Aber sie reagieren unterschiedlich darauf. Frauen fühlen sich unwohler in ihrer Beziehung und damit auch ein Stück weit unwohler in ihrer allgemeinen Lebenssituation. Sie stellen sich häufiger selbst infrage. Maenner hingegen – das hat eine Studie festgestellt – reagieren vor allem häufig sexuell deutlich aggressiver, wenn sie mit Bodyshaming konfrontiert werden.
Weil Bodyshaming in Beziehungen so subtil stattfindet, sind die Partner, die es betreiben, häufig sehr bestürzt über die Auswirkungen, die das hat. Wenn ich das in Paartherapien aufmache und wir es näher anschauen, treffen wir auf ganz unterschiedliche Bedürfnisse, die dahinter stecken. Drei dieser Motive möchte ich teilen.
Ein erstes Motiv ist Macht. Macht bedeutet: Ich muss dich kleinermachen, ich muss dich kleinhalten, damit ich meine eigenen Bedürfnisse besser durchsetzen kann, damit ich das Gefühl habe, gesehen zu werden. Ich muss Macht ausüben, damit ich in der Rollenverteilung konkurrenzfähig bin, damit ich so sein kann, wie das Bild von Mann-Sein oder Frau-Sein in meinem Kopf aussieht.
Die Frage nach Macht ist eine ganz häufige in Paarbeziehungen. Wer hat eigentlich was zu sagen und zu bestimmen? Macht wird immer dann besonders präsent, wenn die Rollenverteilung nicht klar ist oder eine Schräglage hat. Eine solche Schieflage fuehrt dazu, dass einer das Gefühl hat, vom anderen erzogen zu werden – oder dass Regeln einseitig festgelegt werden, an die man sich dann zu halten hat. Das löst Ohnmacht aus, und im weiteren Verlauf die Suche danach, mächtiger zu werden – und dann eben Bodyshaming als Reaktion.
Wenn es also um Macht geht, lohnt es sich, einen Blick auf die Rollenverteilung zu werfen. Wer darf was bestimmen? In welchen Bereichen können wir uns auf Augenhöhe begegnen? Wo habe ich das Gefühl, dem anderen unterlegen zu sein und weniger zu sagen zu haben? Wenn man das ein Stück weit aufbricht, kommt man auch wieder vom Bodyshaming weg.
Ein zweites Motiv ist die Objektivierung selbst. Ich hoere dann häufig: "Ich will mit meiner Frau oder meinem Mann auch ein Stück weit angeben können." Damit reiht man aber seinen Partner – seinen Lieblingsmenschen – neben Haus, Auto und Sommerurlaub ein. Das Motiv dahinter ist immer, den eigenen Selbstwert zu steigern. Wer das durch kleine Randnotizen tut, sorgt jedoch dafür, dass auf der anderen Seite das Selbstwertgefuehl des Partners sinkt. Man sucht mehr Bestätigung von aussen und benutzt den Partner als Krücke dafür.
Das Thema Selbstwert hat immer etwas mit den Bindungserfahrungen zu tun, die wir in der Kindheit gemacht haben, und mit den Glaubenssätzen, die daraus erwachsen sind. Es macht dann Sinn, genau das anzuschauen: Wo kommt es her, dass du so viel Anerkennung von aussen brauchst? Und was kannst du tun, damit du das nicht mehr ganz so stark brauchst? Wie kannst du deine Glaubenssätze verändern, sodass du Abstand nehmen kannst von den Bemerkungen, die deinen Lieblingsmenschen verletzen?
Ein drittes und wirklich häufiges Motiv ist der Wunsch, zurück in die Verliebtheitsphase zu kommen. Menschen sehnen sich nach der rosa-roten Brille, den Schmetterlingen im Bauch, nach dem Gefühl, den Partner so wunderbar attraktiv zu finden. Sie sehnen sich nach der Zeit, in der alles besser, alles neu, alles aufregend war – und benutzen Bodyshaming als Ventil. Man stellt fest, dass die Dinge, die man frueger so toll am anderen gefunden hat, eine Kehrseite haben, und dass diese Kehrseite anfaengt zu nerven. Man wünscht sich zurück in diese Zeit grosser Verliebtheit.
Hier lohnt es sich, genau hinzuschauen: Was genau vermisst du? Was stoert dich gerade? Was würdest du dir nochmal wünschen? Was laesst sich vielleicht wiederbeleben? Und es geht auch darum, die Perspektive zu wechseln: von "Ich habe etwas verloren" hin zu "Es hat sich weiterentwickelt, es ist jetzt anders – aber es ist auch gut, so wie es jetzt ist."
Wie können wir uns beide nochmal neu entdecken? Wie können wir Beziehung nochmal neu erleben, sodass das Gefühl von "Mir ist etwas verloren gegangen" hinter uns liegt?
Die spannende Frage beim Thema Bodyshaming ist für mich: Wo genau zieht man die Grenze? Wann ist es okay, für den Partner etwas zu tun, zu lassen oder sich zu verändern – und wann nicht mehr? Wann muss ich Grenzen setzen?
Ich glaube, drei Fragen können dabei helfen:
Erstens: Bedient die Forderung deines Partners deine Verlustangst? Hast du das Gefühl, wenn du dem nicht nachkommst, wirst du weniger geliebt?
Zweitens: Stellst du durch diese Randbemerkung deinen eigenen Selbstwert infrage? Hast du zum Beispiel das Gefühl, mit fünf Kilo weniger waerst du tatsaechlich ein bisschen liebenswerter?
Drittens: Hast du das Gefühl, dich zu verbiegen – nicht mehr ganz du selbst sein zu duerfen?
Wenn du eine dieser drei Fragen mit Ja beantwortet hast, dann ist es auf alle Fälle Zeit, Grenzen zu ziehen und mit deinem Partner ins Gespräch zu gehen: Hey, das verletzt mich, was du da sagst. Und dann im nächsten Schritt zu schauen, wo dieses Subtile, manchmal schwer zu Greifende, das da im Raum schwebt, herkommt – welches Motiv dahinter steckt.
Ich glaube, jeder von uns ist genau richtig, so wie er ist.
Ich danke dir fürs Zuhören. Genießt den Sommer – bis zum nächsten Mal, dein Thorsten.