gut in Beziehung

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Systemische Impulse für bewusste Paarbeziehungen

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Hallo und herzlich willkommen bei Gut in Beziehung, deinem Paartherapie-Podcast. Mein Name ist Thorsten Köcher, ich freue mich riesig, dass du hier bist – und dass ich seit Wochen mal wieder die Zeit gefunden habe, um eine neue Episode aufzunehmen.

Heute möchte ich mit dir über ein Thema sprechen, das an allen möglichen Ecken und Enden in Beziehungen auftaucht: die Frage, ob du Recht haben möchtest oder eine glückliche Beziehung führen möchtest.

Den meisten von uns ist Recht haben im Alltag mit anderen gar nicht so wichtig. Im Umgang mit Arbeitskollegen oder Nachbarn fällt es den meisten leicht, eine andere Meinung stehen zu lassen. Wenn wir aber in unsere Beziehung schauen, merken wir, dass es dort irgendwie anders ist. Das liegt in der Regel daran, dass uns die Themen dort viel stärker betreffen. Fragen wie: Wie erziehen wir unsere Kinder? Was ist uns wichtig? Welche Werte wollen wir vermitteln? Wie organisieren wir unsere Finanzen? Wie viel wollen wir sparen, wie viel anlegen, wie viel wollen wir haben, um im Hier und Jetzt gut leben zu können? Das sind Dinge, die uns unmittelbar betreffen. Deshalb fällt es uns so schwer, Positionen stehen zu lassen – und deshalb beharren wir häufig darauf, dass unsere Ansicht die richtige ist.

Das kenne ich nicht nur aus meinem eigenen Alltag, sondern auch aus meiner Arbeit. Den Höhepunkt zum Thema „Recht haben versus glückliche Beziehung" erlebte ich mit einem Paar, das zu mir in die Beratung kam. Der Partner hat eine Dreiviertelstunde lang seine Argumente dargelegt und erklärt, warum er im Recht ist – und ist danach davon ausgegangen, dass er an weiteren Sitzungen nicht mehr teilnehmen muss, weil er ja schon alles gesagt hat. Es ging nun nur noch darum, dass ich mit seiner Partnerin an ihrem Veränderungsprozess arbeite.

Und hier sind wir mitten im Thema: Wenn ich Recht habe, bedeutet das automatisch, ich muss nichts leisten, ich muss mich nicht verändern – alle anderen müssen etwas tun. Aber es gibt nicht nur die eine Wahrheit. Es gibt immer unterschiedliche Wahrheiten, und jeder Partner bringt seine eigene Wahrheit mit in die Beziehung.

Es ist ein bisschen so, als würde man wandern gehen und jeder hätte eine eigene Landkarte dabei. Auf der einen Karte sind Bäche, Flüsse und Seen eingezeichnet, auf der anderen Wanderhütten und Lagerfeuerholzvorräte. Wenn ihr gemeinsam entscheidet, heute Nacht irgendwo zu sein, wo ein Bach in der Nähe ist und trotzdem eine Wanderhütte zum Übernachten, dann geht das nur, wenn ihr beide Karten nebeneinanderlegt und vergleicht. Genau das müssen wir in unseren Beziehungen machen: durch die Brille unserer Partnerin oder unseres Partners schauen, auf deren Landkarte sehen, was dort anders ist als auf meiner – damit man irgendwo hinkommt, wo beide glücklich sein können. Meine Landkarte ist nicht falsch, und die Landkarte meines Lieblingsmenschen ist nicht falsch. Beide zusammen führen dazu, dass man in eine glückliche Beziehung hineinwächst.

Beim Thema Gerechtigkeit spielen immer wieder bestimmte Bereiche eine Rolle: gemeinsame Werte, das Gefühl, verletzt oder alleingelassen worden zu sein, Grenzüberschreitungen – und der große Komplex der Aufgabenverteilung. Wenn es darum geht, Aufgaben zu verteilen, sind wir immer darauf bedacht, dass es möglichst gerecht zugehen soll. Und wenn Gerechtigkeit das Ziel ist, leiten wir häufig auch ab, dass unser eigener Blick auf den Alltag der richtige ist.

Kalyn und Kyle Benson, zwei amerikanische Paartherapeuten, haben dazu ein geniales Konzept entwickelt: die 80/80-Ehe, auf Englisch the 80/80 Marriage. Dazu gibt es einen Blog, einen Podcast und ein Buch, das ich sehr empfehlen kann.

Wenn ich an meine Großeltern zurückdenke: Damals war ganz klar, dass 80 Prozent der anfallenden Arbeit bei der Frau lagen. Der Mann arbeitete, die Frau kümmerte sich um Küche, Kinder und Verwandtschaft. Eine Aufteilung von 80 zu 20 zulasten der Frau. Eine Generation weiter – bei unseren Eltern – haben sich viele Paare bemüht, Aufgaben gerechter zu verteilen. Das ist erst einmal ein Fortschritt: 50/50, wir teilen uns alles. Aber mit dieser Einstellung setzen wir eine bestimmte Brille auf – die Gerechtigkeitsbrille. Und mit dieser Brille auf der Nase sind wir ständig dabei zu prüfen: Ist das noch gerecht? Werde ich gerade benachteiligt? Muss ich meinen Partner darauf aufmerksam machen, dass es ungerecht wird?

Gerechtigkeit ist also kein Zustand, den ich einfach genießen kann – sie ist ein Gut, das ich immer wieder einfordern und aushandeln muss. Das macht die 50/50-Regel wahnsinnig anstrengend. Es fällt mir viel leichter, auf meine eigene Landkarte zu schauen und festzustellen, was gerecht ist, als auf die Karte meines Lieblingsmenschen zu schauen. Und wenn ich das Gefühl habe, es ist nicht gerecht, ist automatisch der Partner schuld – nicht etwa die Dinge, die auf seiner Landkarte stehen.

Wie kommt man nun weg von diesem Mangelerleben hin zu einem Fülleerleben, in dem man glücklich ist und nicht ständig Aufgaben neu delegiert und aushandelt? Die Antwort der Bensons ist die 80/80-Regel: Wir gehen nicht nur 50 Prozent des Weges, sondern wir beschenken unseren Partner mit 30 Prozent mehr. Das heißt, ich gebe meiner Beziehung immer die Extra-Meile. Wenn das beide Partner machen, entsteht ein Gefühl von Fülle – das Gefühl, beschenkt zu werden, und gleichzeitig so glücklich zu sein, dass man selbst noch mehr geben kann. Der Blick richtet sich nicht mehr auf das eigene Defizit, sondern auf die Frage: Wo kann ich etwas geben, wo kann ich mich einbringen?

Ich finde diesen Gedanken so schön, weil er Liebe in die Beziehung bringt – weil ich die Möglichkeit habe, weg vom Mangel zu kommen, meinen Lieblingsmenschen reich zu beschenken und im Gegenzug vielleicht auch reich beschenkt zu werden.

Wenn ihr damit anfangen möchtet, ist eine gute Idee, erst einmal zu beobachten: Wo werde ich in meiner Beziehung beschenkt? Wo bekomme ich etwas, das nicht alltäglich ist? Und gleichzeitig zu überlegen: Wo könnte ich meinen Partner oder meine Partnerin beschenken, wo könnte ich die Extra-Meile gehen? Dann wäre es gut, mit dem Partner darüber zu sprechen: Ich möchte weg vom 50/50-Gerechtigkeitsdenken – wie wäre es, wenn wir uns gegenseitig beschenken und jeder ein Stück mehr gibt, als er vielleicht müsste? Und dann fangt ihr einfach an.

Das bedeutet auch, den eigenen Gerechtigkeitssinn loszulassen. Denn die Extra-Meile funktioniert nicht, wenn man dabei ständig denkt: Das ist aber ungerecht. Es geht darum, den Lieblingsmenschen von Herzen zu beschenken – und das geht nur, wenn man sagt: Ich stelle meinen Gerechtigkeitssinn zurück und gebe jetzt ganz freizügig von mir.

Vielleicht habt ihr auch Angst, dass euer Partner nicht mitzieht und ihr am Ende bei einer 80/20-Verteilung landet, wie sie unsere Großeltern gelebt haben. Das Einzige, was dabei hilft, ist wirklich gut in Beziehung zu sein miteinander: gut in Kontakt, im Gespräch – und den Partner einzuladen, das Konzept gemeinsam zu leben. Wenn ihr das eine Weile praktiziert, werdet ihr merken, dass ihr die Gerechtigkeitsfeedback-Schleife der 50/50-Verteilung ersetzt – durch die Suche danach, wo ich beschenkt werde und wo ich meinen Lieblingsmenschen beschenken kann. Das ist es, was den Unterschied ausmacht zwischen einer Beziehung, in der es gerecht zugeht, und einer Beziehung, in der beide Partner glücklich sind und sich beschenkt fühlen.

Ich bin sehr gespannt, welche Erfahrungen du mit diesem Modell machen wirst – und freue mich auf dein Feedback und deine Kommentare. Es würde mich sehr freuen, wenn du andere Menschen einlädst, diesen Podcast zu hören. Vielleicht kennst du jemanden, dem diese Episode gut tun könnte. Teile einfach den Link oder gib die Information weiter, wo du mich hören kannst.

Tausend Dank, dass du zugehört hast. Ich wünsche dir, dass du gut in Beziehung kommst und bleibst – bis zum nächsten Mal. Mach's gut, dein Thorsten.

Über diesen Podcast

Eine Beziehung ist wie ein Weg mit vielen Wegbiegungen – manchmal führt er bergauf, manchmal durch unwegsames Gelände. Doch auch wenn sich Paare zeitweise verlaufen oder der gemeinsame Pfad unklar wird, gibt es immer die Möglichkeit, neue Richtungen einzuschlagen.

In diesem Podcast begleite ich euch dabei, eure Beziehungsdynamiken zu verstehen und bewusste Entscheidungen für euren gemeinsamen Weg zu treffen. Ob es um Kommunikation geht, um das Spannungsfeld zwischen Nähe und Freiraum oder um alte Muster, die sich immer wieder zeigen – hier findet ihr systemische Perspektiven und praktische Impulse für mehr Klarheit in eurer Partnerschaft.

Die Natur spielt dabei eine besondere Rolle. Sie zeigt uns, dass Wachstum Zeit braucht, dass Veränderung natürlich ist und dass auch nach schwierigen Phasen neue Möglichkeiten entstehen können.

Jede Episode bringt euch konkrete Erkenntnisse mit, die ihr direkt in euren Alltag integrieren könnt – ohne Patentrezepte, aber mit fundierten Ansätzen aus der systemischen Paartherapie.

Wo steht eure Beziehung gerade?
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Den Beziehungscheck und weitere Impulse findet ihr auf https://www.thorsten-koecher.de/beziehungscheck/utm_source=podcast&utm_medium=podcastbeschreibung

von und mit Thorsten Köcher

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